Für den knapp 19 Jahre alten Wolfgang Amadeus Mozart war es 1775 ein Glücksfall, vom Münchner Hofmusikintendanten den Auftrag zur Komposition einer „Faschingsoper“ zu bekommen, erwartete er sich doch von einer gelungenen Komödie ein gesteigertes Renommee. Dass die Wahl seines Textbuchs auf die etwas verwirrende Geschichte des Giuseppe Petrosellini aus Neapel fiel, der sich ganz an die Normen der klassischen Buffa-Dramaturgie hielt, mag seinen Eifer noch angestachelt haben. Dessen Libretto hatten schon andere Komponisten als Vorlage genutzt, deren Werke jedoch völlig in Vergessenheit geraten sind.

Im Zentrum der beschwingt leichten Verwechslungskomödie La finta giardiniera steht Don Anchise, unverheirateter Edelmann und Besitzer des namenlosen Landguts, in dem sich allerlei Reisende einquartiert haben. Da ist die Marchesa Violante, die ihr Verlobter Graf Belfiore in einem Anfall grundloser Eifersucht schwer verletzt hatte. Während er dachte, sie sei tot, war sie als Gärtnerin Sandrina, zusammen mit ihrem ebenso inkognito auftretenden Diener Nardo, bei Anchise untergetaucht. Belfiore, mit schlechtem Gewissen ebenfalls auf der Flucht, war zufällig als Gast von Don Anchise aufgenommen worden, der ihn gern mit seiner Nichte Arminda, Edeldame aus Mailand, verheiraten möchte. Beide sind sich beim Kennenlernen sofort sympathisch und könnten bald ein Traumpaar werden. Dass es dann den Ritter Ramiro, zuvor mit Arminda verlobt, ebenfalls zu Anchise verschlagen würde, grenzt schon ans Unglaubliche; Ramiro lebt in einem ewigen Wechselbad seiner Gefühle von Ablehnung der Frauen und Eifersucht gegenüber dem neuen Liebhaber Armindas. Und dann wirbelt noch Serpetta durch die Szene, die als Anchises Haushälterin diesen gern heiraten würde, der aber zunächst der liebestolle Nardo nachläuft.

Um die Verknotungen dieser Schicksale elegant zu lockern, versicherte sich das Staatstheater Nürnberg einer Regisseurin mit Sinn für Situationskomik und geschickt ordnender Hand. Für beides ist Brigitte Fassbaender hoch geschätzt, die ihre Jugend in Nürnberg verbrachte, wo ihr Vater, Willi Domgraf-Fassbaender, in den 1950er Jahren als Sänger und Oberspielleiter am damaligen Stadttheater tätig war. Schon früh wuchs sie in Komparsenrollen hinein, erarbeitete sich als Mezzosopranistin eine Weltkarriere. Nach ihrer aktiven Zeit als Sängerin ist die heute 86-Jährige als Regisseurin gefragt; damit kommt sie erstmals auch in Nürnberg mit einer Produktion auf die Bühne und kehrt so an das Opernhaus ihrer Jugend zurück. Durch Striche in der ursprünglich fast vier Stunden dauernden Opernhandlung gibt sie der Nürnberger Fassung mit zwei Stunden Spielzeit ein handlicheres Format und schärft gleichzeitig das Profil der Akteure.
In Dietrich von Grebmers aufgeräumter Bühne, die das Landgut mit seinen landwirtschaftlichen Produkten aufspannt, entfacht Fassbaender ein Auf und Ab von hurtiger Bewegung und verhaltener Nachdenklichkeit. Sie ist Meisterin der Veredlung kleiner Gesten, verstohlener Blicke auf der Bühne, die Spannung aufbauen und verborgene Sympathien aufdecken. Ein stumm und herrlich komödiantisch agierendes Gärtnerpaar (Monika und Gerhard Hack) kümmert sich um das Gepäck der Reisenden und fährt mit der Schubkarre immer wieder neue überlebensgroße Attrappen von Möhren, Erbsenschoten, Pilzen und Kohl ins vegetarisch geprägte Bühnenbild.

Das ausgewogene, sechsstimmige Eingangs-Ensemble im Stuhl-Halbkreis verriet bereits augenzwinkernd: „Hier macht sich Gott Amor eine gute Zeit“. Ramiro, ursprünglich für eine Kastratenstimme geschrieben, wird in Nürnberg von der Altistin Sara Šetar mit üppig aufblühendem Mezzo gesungen. Ebenmäßig schön klingend wusste Caroline Ottocan als Arminda Belfiore zu gefallen und Ramiro auf Abstand zu halten: „Wenn du mich betrügst, schlage ich dich windelweich!“ Der Nardo des Demian Matushevskyi wusste klagend, dass „Hammer und Meißel zwar Marmor, aber nicht das Herz einer Frau brechen“. Lebhaft amüsant agierte Clarissa Maria Undritz als Serpetta und kam doch nicht an bei Anchise; Typen wie Nardo imponieren ihr gar nicht: „Kaum schauen sie mir in die Augen, da fallen sie schon um!“
Im dritten Akt kommt nun wirklich Faschingslaune auf, nachdem Sandrina und Belfiore von einem „narrischen Schwammerl“ genascht haben und sie mit Halluzinationen in den dunklen Wald laufen. Wenn die Suche dann nochmals Verwechslungen beschert, verlieren selbst die Fortepiano-Akkorde aus dem Orchestergraben ihre harmonische Fassung.

Der Tenor Hans Kittelmann füllte den Amtshauptmann Don Anchise präzise und temperamentvoll in Rhythmus und Artikulation mit Bühnenleben. Und weil lange offen bleibt, ob Sandrina, eine wirkliche „Gärtnerin aus Liebe“, und Belfiore (Chloë Morgan und Sergei Nikolaev mit hellen, schlanken Stimmen Verzagtheit wie zurückkehrende Liebe und Selbstvertrauen spiegelnd) wieder zueinander finden, muss Anchise endlich klare Verhältnisse schaffen: Violante heiratet den Grafen, Arminda Ramiro, Serpetta doch Nardo, ganz im Sinne der Rangordnungen der Commedia dell’arte. Ob die Liebeswirren damit auf Dauer ausgeräumt sind?
Im Graben sorgte Christopher Schumann für frischen Mozartwind und schlug einen eingängigen Mittelweg zwischen Klangrhetorik und würzig warmtönigem Orchestersound ein. Liedhafte Grandezza, einfühlsame Charakterporträts und impulsive Ensemble-Finali wiesen schon gekonnt in die Zukunft des großen Opern-Komponisten. Dass dieser in seinem Jugendwerk bereits eine derartige Reife der musikalischen Behandlung zeigte und offensichtlich an der verworrenen Beziehungssituation Gefallen fand, mag ein früher Hinweis auf seine späten Opernsujets sein, die – wie bei Così fan tutte etwa – wiederum verzwickte Liebesaffären auch ohne Prognose entwickeln. Mit dem Besuch bei der Nürnberger La finta giardiniera ist man um eine liebevoll wachgeküsste, anregende Entdeckung reicher.





