Gaetano Donizettis L’elisir d’amore, 1832 uraufgeführt, wurde 1980 von Otto Schenk und seinem Ausstatter Jürgen Rose zu einer eisernen Säule des Repertoires an der Wiener Staatsoper geschmiedet. Anders als alle vier Vorgänger-Inszenierungen des letzten Jahrhunderts, von denen es keine auf zehn Vorstellungen brachte, steht sie praktisch jede Saison am Programm, womit man mit der hier besprochenen Aufführung bei Nummer 283 angelangt ist.

Diese Regiearbeit vermittelt das Flair eines italienischen Dorfplatzes am Spätnachmittag eines Sommertages, wenn die größte Hitze nachlässt, und hitzige junge Gemüter nicht allein sein wollen (oder zumindest wollten, wir befinden uns in vorindustriellen Zeiten ohne Handy). Bis feststeht, wer am Ende mit wem zusammenkommt (das dörfliche It-Girl Adina und ein unbedarftes, aber fesches Landei namens Nemorino), fließen durch die Kehle des männlichen Protagonisten etliche Schlucke von dem Wein, den er dem fahrenden Quacksalber Dulcamara als Liebestrank à la Tristan und Isolde abgekauft hat.
Insofern ist Donizettis Melodramma giocoso gleichzeitig ein ewig aktuelles Trauerspiel, denn 200 Jahre später heißt der Marktplatz für Wundermittel und schnelle Lösungen für komplexe Probleme einfach Internet. Statt „Augen auf beim Kauf“ passiert oft „Emotion an, Hirn aus“ – das ist immer bequem, und in L’elisir d‘amore wird der naive Liebestrankler sogar mit einem reichen Erbe und Glück in der Liebe belohnt. Vielleicht macht das den ungebrochenen Reiz dieses Märchens aus, oder vielleicht tut es in Zeiten, wo man ständig Reich, Schön und Toll am Bildschirm hat, einfach gut, wenn nicht der schneidige Sergeant Belcore, sondern ein Niemand wie Nemorino die schöne Maid bekommt.

Als dieser präsentierte sich erstmals Michael Spyres, also jener stimmliche Wunderwuzzi, der nicht nur Tenor- und Baritonpartien singen kann, kürzlich als Tristan in New York zu erleben war, und nun Wien mit Belcanto beehrt. Dieser Herr ist einer der spannendsten Sänger der Gegenwart, und daher will man das Experiment eines post-Tristan Nemorino nicht versäumen. Natürlich hat Spyres nicht oder nicht mehr ganz jene Leichtigkeit der Stimme, die man für diese Dorfbuben-Partie gewohnt ist, aber dank Technik fällt das kaum auf. Und für „Una furtiva lagrima“ schadet eine dramatisch gereifte Stimme schon gar nicht. Einschränkend muss gesagt werden, dass er ziemlich sicher nicht seinen allerbesten Abend hatte und am Anfang ein wenig die Geschmeidigkeit fehlte. Für Entzücken sorgte er allemal, denn wie sich dieser bärig-bärtige Mann darstellerisch in einen drolligen Lausbuben verwandelt, der in der Umarmung mit seiner Adina neckisch das Bein anwinkelt.

Auch bei Pretty Yende lief anfangs nicht alles ganz rund, und das kann natürlich ein Zufall sein, andererseits wohl auch das das heiß-windige Wiener Wetter der letzten Tage, welches viele über Kopfschmerzen und Kreislaufprobleme klagen ließ und just an jenem Abend in Regen umschlug. Baritone und Bässe sind stimmlich robuster, und so kam es dazu, dass der erste Szenenapplaus des Abends an Clemens Unterreiner als Belcore ging – und das verdient, denn stimmlich und schauspielerisch war er mit vollem Einsatz unterwegs, sodass man ihm vergönnt hätte, Adina zu bekommen.
Als alle warmgesungen waren, gab es viel Vergnügliches, tadellose Koloraturen von Yende inklusive. Dass sie an der Gestaltung von selbstbewussten, nicht ganz so braven Belcanto-Mädel ihren Spaß hat, und sich diese Freude auf das Publikum überträgt, ist bekannt. Allerdings beschlich einen der Gedanke, dass ihre Stimme und die von und Spyres für diese Dorfgeschichte beinahe verschwendet sind, und es für die beiden an der Zeit für königlichen Donizetti wäre.

Völlig angekommen in seinem Repertoire ist hingegen Ambrogio Maestri als Dulcamara, der auf Italienisch wissen ließ, dass er „unter den Wienern geboren sei“ und auch ein „Dankeschön“ hören ließ. Da kann man ihm nur ein „Dankeschön“ zurückschicken, zumal er nicht allein auf italienische Geschäftigkeit setzte, sondern anscheinend auch schon Wiener Schmäh gelernt hat. Ana Garotić ließ als Giannetta aufhorchen, und auch der Chor war gut disponiert, obwohl er anfangs mit dem Orchester unter dem Dirigat von Gianluca Capuano nicht ganz eins war. Das besserte sich im Laufe des Abends, allerdings wäre noch einiges mehr an Emotion aus der Partitur herauszuholen gewesen. Erfreulicherweise gelang das Timing zwischen Bühne und Graben hinsichtlich der Pointen bestens, und bis hin zum Chor hatten offenbar alle genug Regieanweisungen, um die Inszenierung immer noch mit Leben zu füllen und nicht in Routine erstarren zu lassen.





