Von Claudio Monteverdis erhaltenen Opernstoffen kreisen zwei um mythologische Figuren wie Götter oder Elfen: Orfeo sowie der heimkehrende Ulisse behandeln fast unlösbare Beziehungskonflikte, fußen auf überlieferten Sagenstoffen. Bei seiner letzten Oper L'Incoronazione di Poppea greift Monteverdi 1642, zur Karnevalssaison in Venedig, eine historische Begebenheit aus der römischen Geschichte auf, die der – Latein paukenden Oberschülern aus seinem Buch über die Germanen in oft unangenehmer Erinnerung stehende – römische Geschichtsschreiber Tacitus in seinen Annalen überliefert hat und die auch als Tragödie Octavia zunächst dem Philosophen und Dramatiker Seneca zugeschrieben wurde. Als Historienspiel behandelt sie die Ermordung von Kaiser Neros erster Frau Octavia, Tochter des römischen Kaisers Claudius, im Jahr 62 n. Chr.; Nero verstieß sie zu Gunsten seiner jüngeren Mätresse Poppaea Sabina. Monteverdi und sein Librettist Giovanni Francesco Busenello entschieden sich in ihrer Erzählung für eine weniger blutrünstige Verbannung von Octavia.

War Tacitus noch als gewissenhafter Geschichtsschreiber an der Liaison des Kaisers interessiert, könnte Monteverdi bereits die Analogie zu zeitgenössischen Liebesgeschichten des 17. Jahrhunderts gereizt haben, diese bunte Sex-and-Crime-Story als Kritik an Machtmissbrauch und Willkür auf die Bühne zu bringen. Dass Busenellos Libretto mit einem der berührendsten Liebesduette endet, zu dem sich nach der Krönung Poppea und Nero in den Armen liegen, und dass die drei Gottheiten Amor, Fortuna und Virtù von Beginn an den Verlauf der göttlichen Wette, wer wohl den größten Einfluss auf die Menschen besäße, in ihrem Interesse beeinflussen, mag man als menschliche Ohnmacht gegenüber höheren Plänen verstehen. So mündet die Story in ein glückliches Finale, da die Liebe und damit Gott Amor siegt.

So ist die antike Parabel geradezu eine Steilvorlage für die Inszenierung des Intendanten der Stiftung Staatstheater Augsburg, André Bücker, Personen, Handlung und Rahmen in der modernen Weltpolitik zu verorten. Verlegt in ein Amerika der 80er Jahre, als Schulterpolster, Polaroid und Fitness-Studios aufkamen (Kostüme: Aleksandra Kica), kann ein gegenwärtiger Präsident wie Nero handeln: was kümmert mich mein Gesetz von gestern!
Die Augsburger Drehbühne kommt nur selten zum Stillstand; Bücker sowie Robi Voigt (Bühne & Video) kommentieren die Story auf seitlichen Screens („Hasta la vista, Ottavia!“ als ikonisches Terminator-Filmzitat, oder „My way to fame“ wie eine Premium-Videoedition) ebenso wie auf mobilen Schnürenvorhängen mit Videosequenzen alter musealer Büsten und Statuen. Liebe findet auf Kissen und Canapées statt, die vergoldete Stange zum Pole Dance neben der antiken Marmorsäule ist sexy, aber nicht vulgär. Die mediale Flut und eine intensive Personenregie lassen trotz des 2000-jährigen Zeitsprungs die innerlichen und äußeren Auseinandersetzungen überzeugend beim Betrachter ankommen. Die große Bühne mit Bewegung zu füllen mündet zeitweise auch mal im „Leer-Lauf“. Da ist eine gute Entscheidung, solistische Abschnitte auf einem noch vor dem Orchester verlaufenden Laufsteg zu präsentieren und damit aus der manchmal überbordenden Aktion im Hintergrund herauszulösen.

Der Countertenor Gerben van der Werf ist ein jugendlicher Nero, ein Dandy in Bundfaltenhose und Bermuda-Hemd. Er brachte Spaß am Spiel ein ebenso wie kraftvolle und lyrische musikalische Gestaltung, die dank seiner Tonlage gut mit Jihyun Cecilia Lees energiegeladener Poppea harmonierte, die leidenschaftlich auf ihren Aufstieg zum Königsthron hinarbeitete. Ein großartiger Moment das abschließende gemeinsame Duett „Pur ti miro”, das in Distanz der beiden begann und anrührend dicht am Publikum zu seinem Höhepunkt geführt wurde.

Die zentrale Rolle der Ottavia, tragischste Figur des Abends, wusste Natalya Boeva mit viel Emotion wie feiner rezitativischer Rhetorik anzureichern. Atemlos musste man ihren Abschied „Addio patria” von Rom, ihren Freunden erleben, allein gelassen, nur von der Laute begleitet. Unverständlich warum in dieser Szene die Aufmerksamkeit durch eine Tänzerin beim Stangentanz geteilt wurde.
Geradezu slapstickartig agierten Kate Allen in einer köstlichen Hosenrolle als Poppeas früherer Gatte Ottone mit XXL-Einkaufstasche sowie Olena Sloia als Ottones frühere Geliebte Drusilla, deren Horizont vom Florida-Flamingo-Schwimmreif abgesteckt wurde und die sich beide auf einen Attentatsversuch an Poppea einlassen wollten.

Der weise Seneca, mit Nachdruck zur Mäßigung mahnender alter Lehrer Neros, wurde von Avtandil Kaspeli mit Achtung gebietender Würde und stimmvoller Bassfülle ausgestattet. Die das Schicksal steuernden Göttinnen des Glücks, der Tugend und der Liebe verkörperten klangselig Priya Pariyachart, Luise von Garnier und der Tenor Jasper Sung. Carola Bach streute als Ottavias Amme Nutrice Lebensweisheiten in die Handlung und schenkte freigiebig Schnaps aus für Amor und Ottone: nur mit Alkohol seien Leben und Sterben schließlich zu ertragen. Dass Poppeas Amme Arnalta, die als Männerrolle in Counter-Besetzung das Bühnenspiel andernorts mit köstlich amüsanter Kommentierung würzen darf, hier nicht besetzt war, mag an der benutzten Libretto-Fassung liegen.

Man konnte dem Ensemble anmerken, dass in Augsburg Werke aus Barock oder Renaissance immer wieder auf dem Spielplan stehen. Sehr sicher wurde gesungen in Koloraturen und vokalen Läufen, stilprägenden Merkmalen dieser Epochen, dazu in zumeist rezitativischer Form, die den dramatischen Ablauf von Streitgesprächen besonders hervorhebt. Nur in Momenten besonderer Sinnlichkeit durften kurze strophische Formen Nachdruck verleihen. Sebastiaan van Yperen hatte den Orchestersatz sinnstiftend eingerichtet, die Augsburger Philharmoniker brachten den instrumentalen Part von Monteverdis genialer Komposition zu faszinierendem Leuchten. Ein bewegendes Bühnenstück mit nachklingenden Eindrücken für Augen, Ohren und Erinnerung!







