Wenn auf der Erde erst mal alle Regiekonzepte durchgespielt sind, weichen wir eben ins All aus – das dürfte sich Regisseur Ersan Mondtag gedacht haben, als er Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos bei den Salzburger Festspielen kurzerhand auf den Mars verfrachtet hat. Grundsätzlich klingt die Idee, dass ein steinreicher Mann ohne jegliches Gespür für Kunst ein dekadentes Fest am Mars veranstalten lässt und bei der Programmgestaltung kein “Nein” akzeptiert ja vielversprechend und in Anbetracht von Elon Musks SpaceX-Ambitionen keineswegs aus der Luft gegriffen. Allerdings bleibt die Umsetzung so diffus, dass jegliche Gesellschaftskritik verpufft und man sich fragt, was denn nun der Mehrwert dieser Interpretation sein soll.

Das Einheitsbühnenbild besteht aus einem schmucklosen Foyer in sandigen Farben, im Hintergrund laufen vor einer Art Fenster permanent Videoprojektionen. Und wer schon mal Bully Herbigs Traumschiff Surprise gesehen hat, wartet eigentlich nur darauf, dass früher oder später noch Jens Maul mit seinem Zeitmoped vorbeifliegt.
Während das Vorspiel immerhin noch von Witz und Tempo lebt, wirkt die eigentliche Oper dann so langweilig inszeniert, wie das Stück laut Libretto angeblich ist. Auch die Tänzerinnen und Tänzer – offenbar heuer im Festspielangebot, denn gleich zwei Produktionen mit spastisch zuckender Choreographie sind doch eine interessante Häufung – liefern keinerlei Mehrwert und warum sie sich während Zerbinettas Arie einmal quer durchs Kamasutra kopulieren müssen verstehe wer will.

Was der Regisseur zwischen futuristischen Kostümen, Schnee und Rampensingen eigentlich zum Ausdruck bringen will, erschließt sich nicht. Der Höhepunkt der Ratlosigkeit: Bacchus erscheint im goldenen Raumanzug mit Flügelhelm, nimmt Ariadne mit auf sein Raumschiff und der Haushofmeister (verkörpert von Johannes Silberschneider mit routinierter Präsenz) sprengt es kurzerhand in die Luft. Warum? Das bleibt, wie so vieles an diesem Abend, unklar.

Das versammelte Sängerensemble versuchte redlich, das Beste aus der Situation zu machen, wobei darstellerisch Kate Lindsey als Komponistin (ja, in dieser Inszenierung weiblich interpretiert) herausragte. Die von sich selbst eingenommene, aber im Kern völlig verunsicherte, Künstlerinnenfigur am Rande des hysterischen Nervenzusammenbruchs verkörperte sie ebenso unterhaltsam wie glaubhaft; und die Slow-Burn-Enemies-to-Lovers-Romanze mit Zerbinetta fügte sich organisch in die Gestaltung der Rolle ein.

Stimmlich überzeugte Lindsey besonders in der Mittellage mit warmem, ausdrucksstarkem Klang, wobei sie in der Höhe allerdings zu einer gewissen Schärfe neigte. Christoph Pohl strahlte hingegen als Musiklehrer – und diplomatischer Vermittler in der Weltraumposse – mit eleganter Gesangslinie und ruhiger Präsenz sowohl stimmlich als auch darstellerisch Souveränität aus und lieferte einige der schönsten Phrasen des Abends.

Ziyi Dai gab eine quirlige Zerbinetta mit agilem Sopran, auch wenn manche Koloratur nicht ganz so leichtfüßig gelang wie Strauss sich das wohl vorgestellt hatte. Interessanterweise lagen ihre stärksten Momente nicht in den exponierten Höhen und perlenden Verzierungen, sondern in den eher lyrischen Passagen. Eine wirkliche Entdeckung war Leon Košavić als Harlekin: Sein warm timbrierter Bariton, präzises Timing und spielerischer Ausdruck machten „Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen” zu einem echten Highlight des Abends.

Während die Figuren des Vorspiels und ansatzweise auch Zerbinettas Commedia dell’Arte Truppe durch präzise Personenregie lebendig wurden, wirkten die Charaktere des tragischen Stücks von der Regie völlig alleine gelassen. Ein paar emphatisch ausgestreckte Arme hier und da oder ein dramatisches auf den Boden Sinken waren das Höchste der Gefühle.

Christina Nilsson tat sich dementsprechend schwer, ihrer Ariadne in dieser Inszenierung echtes Profil zu verleihen, sang die Partie jedoch anstandslos mit schön aufblühenden Höhen und ebenmäßiger Tiefe. Eric Cutler kämpfte als Bacchus mit einem breiten Vibrato und angestrengten Höhen; besonders bei den Circe-Rufen war deutlich hörbar, dass ihm die Partie nicht leicht von den Stimmbändern geht. Die drei Nymphen (Jasmin Delfs, Anja Mittermüller und Marlene Metzger) überzeugten hingegen; vor allem im fein abgestimmten Zusammenklang mit wunderbar entrückter Aura.

Am Pult der Wiener Philharmoniker stand mit Manfred Honeck ein Kapellmeister im besten Sinne des Wortes, denn er legte die Partitur kammermusikalisch und dezent an, wodurch der Klang stets sängerfreundlich blieb und niemand auf der Bühne je zum Forcieren gezwungen wurde. In einer transparenten Interpretation voll feiner Akzente räumte er dem subtilen musikalischen Witz ebenso Raum ein wie schwelgerischem Pathos; und da die Wiener Philharmoniker bei Strauss verlässlich zur Höchstform auflaufen, blieben zumindest orchestral am Mars keine Wünsche offen.

























