Es war einmal ein Prinz, der verirrte sich in das Reich einer mächtigen Königin. Deren Tochter wird, so erzählt sie ihm, von einem Bösewicht gefangen gehalten. Der Prinz, der ein Bildnis der Schönen zu Gesicht bekommt, verliebt ich sogleich in sie und verspricht, sie dem Bösewicht zu entreißen und der Mutter zurückzubringen. Als Begleiter gibt die Königin dem Prinzen ihren Vogelfänger und eine Flöte mit, die ihn vor Gefahren aller Art beschützen sollen. So beginnt, man errät es sogleich, der erste Akt von Mozarts Zauberflöte. Alle kennen das Stück, es ist die am häufigsten gespielte Oper des Repertoires. Für einen ambitionierten Regisseur bedeutet dies eine echte Herausforderung, gilt es doch, dem Werk womöglich eine Deutung zu verpassen, die bisher noch nicht realisiert worden ist.

Magnus Dietrich (Tamino) © Herwig Prammer
Magnus Dietrich (Tamino)
© Herwig Prammer

Der Regisseur Daniele Finzi Pasca, der Die Zauberflöte am Opernhaus Zürich inszeniert, schafft dieses Kunststück. Der aus Lugano stammende Regisseur kommt beruflich vom Zirkus her und hat als Theaterregisseur diverse aufsehenerregende Projekte realisiert, die auf ein großes Publikum ausgerichtet sind, beispielsweise die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Sotschi. Diese Sicht eines Außenseiters bringt tatsächlich frischen Wind in das 235 Jahre alte Stück.

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Magnus Dietrich (Tamino) © Herwig Prammer
Magnus Dietrich (Tamino)
© Herwig Prammer

Für das Publikum bedeutet dies, alle herkömmlichen Vorstellungen von einer Zauberflöte an der Garderobe abzulegen. Die Stichworte von Finzi Pascas Inszenierung lauten Zirkus, Märchen und Traum. Wie in einem Märchen kämpfen die Guten gegen die Bösen, wie in einem Traum sind Logik und Rationalität weitgehend ausgeschaltet, und wie im Zirkus haben Tanz und Akrobatik einen festen Platz im Gefüge. Zudem herrscht eine Ästhetik des Heterogenen, und auch die ironische Brechung kommt nicht zu kurz. Die Vorteile einer solchen Deutung überwiegen klar, wenn auch einige Details willkürlich erscheinen oder um des bloßen Effekts wegen realisiert werden.

Regula Mühlemann (Pamina) und Nathan Haller (Monostatos) © Herwig Prammer
Regula Mühlemann (Pamina) und Nathan Haller (Monostatos)
© Herwig Prammer

Tamino ist ein zu spät erscheinender Orchestermusiker, der spontan in die Rolle des Prinzen schlüpfen muss. Dass er seine Geige gegen eine Flöte tauschen soll, gefällt ihm gar nicht. Papageno reitet auf einem überdimensionalen grünen Vogel, und in seinem Gefolge agieren sechs Akrobaten, die als gefiederte Wesen den Gang der Handlung pantomimisch begleiten. Pamina ist als „Girl next door“ gekleidet und verbindet in den Farben rot und grün das Rot der Sternenkönigin und das Grün des Vogelfängers. Damit wird auch eine erotische Nähe der beiden Figuren postuliert, die ja im ersten Akt das Duett „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ singen.

Regula Mühlemann (Pamiina) und Jasmin Delfs (Königin der Nacht) © Herwig Prammer
Regula Mühlemann (Pamiina) und Jasmin Delfs (Königin der Nacht)
© Herwig Prammer

Sarastro erscheint nicht in erster Linie als Humanitätsapostel wie in den gängigen Inszenierungen, sondern als rätselhafter ägyptischer Pharao. Dass er seinen Thron mit einem elektronischen Steuergerät auf der Bühne herummanövriert, ist der Gipfel der Ironie. Am problematischsten ist die Figur des Monostatos geraten: Der lüsterne Diener Sarastros trägt einen mit Glühbirnen gespickten Rock und wirkt mehr lächerlich als bedrohlich. Bei der Feuer- und Wasserprobe für Pamina und Tamino werden drastische Videos eingesetzt, und im Hintergrund der Bühne vollführt ein Double des Liebespaares einen akrobatischen Tanz.

Yannick Debus (Papageno) und Mariam Suleiman (Papagena) © Herwig Prammer
Yannick Debus (Papageno) und Mariam Suleiman (Papagena)
© Herwig Prammer

Bei der Besetzung der Rollen hat man in Zürich auf vorwiegend junge und, bis auf Regula Mühlemann, unbekanntere Namen gesetzt. Auch dies trägt zum erfrischenden Charakter der Produktion bei. Mühlemann gibt Pamina mit beeindruckender Natürlichkeit und bringt die Entwicklung der Rolle im Spannungsbereich zwischen Mutterliebe und Verzweiflung am angeblich untreuen Geliebten gekonnt zur Geltung. Magnus Dietrich als Tamino verfügt über einen mühelos strahlenden Tenor und repräsentiert mit seinem weichen Charakter einen zeitgeistigen Liebhaber.

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Magnus Dietrich (Tamino) mit den Drei Knaben © Herwig Prammer
Magnus Dietrich (Tamino) mit den Drei Knaben
© Herwig Prammer

Die erst 28 Jahre alte Jasmin Delfs gibt die Königin der Nacht als gestrenge Herrscherin und bringt die Koloraturen ihrer berühmten Arie „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ wie mit dem Messer geschliffen zum Klingen. Yannick Debus mit seinem angenehm klingenden Bariton macht aus Papageno einen Kumpel zum Anfassen. Mariam Suleiman als Papagena ist ihm eine ebenbürtige Kommilitonin. Und Tobias Kehrer mit seinem abgründigen Bass ist ein Sarastro wie aus dem Bilderbuch.

Tobias Kehrer (Sarastro) © Herwig Prammer
Tobias Kehrer (Sarastro)
© Herwig Prammer

Für musikalische Kontinuität in der heterogenen Bilderwelt der Regie sorgen die Drei Damen vom Zürcher Opernstudio und die Drei Knaben aus dem Tölzer Knabenchor. Letztere scheinen direkt dem Märchen Schneewittchen und die sieben Zwerge entlaufen zu sein und bewirken etwa bei der Verhinderung von Paminas Suizid größte Rührung.

Nathan Haller (Monostatos) und Jasmin Delfs (Königin der Nacht) mit den Drei Damen © Herwig Prammer
Nathan Haller (Monostatos) und Jasmin Delfs (Königin der Nacht) mit den Drei Damen
© Herwig Prammer

Der Jüngste im Bunde (abgesehen von den drei Knaben) ist der Dirigent. Der Finne Tarmo Peltokoski gilt als der Shooting Star in der klassischen Dirigentenszene. Mit seinen zarten 26 Jahren ist er bereits Chefdirigent des Orchestre National du Capitole de Toulouse und übernimmt ab der eben begonnenen Spielzeit zudem das Hong Kong Philharmonic Orchestra. Schon bei der Ouvertüre ist zu hören, dass da keineswegs ein Anfänger vor dem Orchester der Oper Zürich steht. Aufgewachsen in einer Zeit, in der die historische Aufführungspraxis längst den Rang einer Leitkultur erreicht hat, lässt er das Orchester ganz in deren Geist musizieren, ohne jedoch ins Dogmatische abzudriften. Eine weitere Stärke des Dirigenten liegt in der dynamischen und rhythmischen Ausrichtung des Orchesterklangs auf das vokale Geschehen, wodurch sich ein stimmiges Ganzes ergibt.  

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