Wie lockt man das große Publikum ins Symphoniekonzert? Auch Leute eben, die nicht so klassik-affin sind? Man setzt auf illustre Solisten und lässt diese die Hits des Repertoires aufführen. Die Tonhalle-Gesellschaft Zürich weiß, wie das geht. Als Fokus-Künstler der Saison 2026/27 hat sie die Pianistin Khatia Buniatihvili sowie den Organisten, Pianisten und Dirigenten Wayne Marshall eingeladen. Nachdem Buniatishvili die Woche zuvor mit Tschaikowskys unsterblichem Erstem Klavierkonzert brilliert hat, stellte sich nun Marshall als Solist in George Gershwins Rhapsody in Blue vor.

Auch wer den Briten mit karibischen Wurzeln noch nie gehört hat, stellt nach wenigen Augenblicken seines Spiels fest, dass hier der Interpret und das Werk perfekt zusammenpassen. Tatsächlich zählen die Werke Gershwins, Bernsteins und der zeitgenössischen amerikanischen Komponisten zu den Stärken Marshalls. Vom Tonhalle-Orchester Zürich, das den Pianisten unter der Leitung von Chefdirigent Paavo Järvi begleitet, lässt sich dies nicht unbedingt sagen. Doch es ist die Überraschung des Abends, dass sich Dirigent und Orchester vom charismatischen Spiel des Solisten derart anstecken lassen, dass sie förmlich über sich hinauswachsen und kongenial mitwirken.
Bereits das eröffnende Solo des ersten Klarinettisten, mit diesem hochgezogenen Glissando bis ins hohe B, klingt, als ob es vom Leader einer Jazz-Band gespielt würde. In der Folge lassen sich insbesondere die Holz- und Blechbläser von diesem amerikanischen Sound anstecken, aber auch bei den Streichern geschieht Wunderliches. Im Unterschied zu herkömmlichen Klavierkonzerten mit der typischen Verzahnung von Solo- und Orchesterpart besteht die Rhapsody in Blue mehr in einem Nebeneinander der beiden Akteure. Und so begeistert denn Marshall insbesondere in seinen Soloblöcken, die er mit elektrisierenden Rhythmen und großer agogischer Freiheit angeht. Dass sein Spiel oft wie improvisiert klingt, ist nicht nur Einbildung. Denn tatsächlich schmuggelt der Pianist immer wieder Einschübe in den Solopart, die von Gershwin nicht vorgesehen sind. Dass Marshall eben auch ein glänzender Improvisator ist, zeigt er bei seiner Zugabe, der man gerne eine halbe Stunde oder mehr gelauscht hätte.
Dass Gershwin neben der berühmten Rhapsody in Blue noch ein Schwesterwerk dieser Art komponiert hat, ist wenig bekannt. Im Konzert des Tonhalle-Orchesters erklingt diese Second Rhapsody gleich im Anschluss und ermöglicht damit einen Vergleich mit jener. Im Unterschied zur Rhapsody in Blue, deren Orchesterpart vollständig von Ferde Grofé stammt, hat Gershwin bei der Zweiten Rhapsodie offenbar teilweise selber an der Orchestrierung mitgewirkt. Sie erscheint symphonischer, klassischer. Und neben den Jazzelementen finden sich auch lateinamerikanische Rhythmen und Anspielungen an das amerikanische Großstadtleben. Auch hier legen der Solist und das Orchester eine packende Interpretation hin. Ganz so wie bei der Rhapsody in Blue vermag der Funke aber nicht überzuspringen.
Ach ja, und da gab es auch noch ein Rahmenprogramm, das aber mit Gershwin überhaupt nichts am Hut hatte. Zwei Raritäten aus dem französischen Repertoire, nämlich Gabriel Faurés Pelléas et Mélisande-Suite und George Bizets Roma-Symphonie. Zwei wunderbare Werke, die, zusammen mit einem Klavierkonzert eines Franzosen, ein eigenes attraktives Programm ergeben hätten. Aber als Vor- und Nachspann zum Auftritt des charismatischen Klavierstars kommen die beiden Werke nicht mit der nötigen Gebühr zur Geltung. Nichtsdestotrotz hat Järvi bei beiden Kompositionen eine glückliche Hand. Faurés Suite mit den Assoziationen an das bekannte Liebespaar bekommt in der Interpretation des Tonhalle-Orchesters eine berückende Delikatesse. Und bei Bizets Roma, einem Frühwerk des Komponisten, bringt der Dirigent die schlummernden Fähigkeiten des späteren Opernkomponisten Bizet raffiniert zur Geltung.




















