Kirill Petrenko wird Nachfolger von Simon Rattle als Chef der Berliner Philharmoniker. Innerhalb von wenigen Wochen ist die Wahl auf ihn gefallen. Petrenko ist eine erstklassige Entscheidung, auch dann, wenn er zweite Wahl gewesen sein sollte.

Kirill Petrenko © Wilfried Hösl
Kirill Petrenko
© Wilfried Hösl

Eine fulminante Karriere von Meiningen über die Komische Oper in Berlin und München, mit Verpflichtungen in aller Welt und einem musikalisch umjubelten Ring in Bayreuth. Warum nicht gleich so? Weil es offenbar einen desaströsen Streit innerhalb des Orchesters gegeben hatte und bei der Vorbereitung Fehler gemacht worden waren. Die Berliner Philharmoniker, die den Titel des 'Besten Orchesters der Welt' gerne wie eine Trophäe in Anspruch zu nehmen scheinen, haben in diesem Jahr auf eine ungewöhnliche Weise für Schlagzeilen gesorgt, die ihnen allen recht unangenehm sein müssen – sie haben sich selbst ein schlechtes Zeugnis ausgestellt.Worauf die Mitglieder dieses Orchesters besonders stolz waren, und sind – ihre absolute Unabhängigkeit bei der Suche nach ihrem Dirigenten seit 133 Jahren – endete mehr als unbefriedigend.

Die Vorgeschichte ist bekannt. Lang war angekündigt und festgelegt worden: Anfang Mai wird der Nachfolger von Simon Rattle gekürt. An einem geheim gehaltenen Ort, einer Kirche, trafen sich die Mitglieder des Orchesters, um sich für einen Kandidaten zu entscheiden, allesamt Dirigenten von Weltruf, ein erlauchter Kreis. Es galt bereits als eine Ehre, in dieser Runde genannt zu werden. Der internationalen Presse sollte an diesem Tag die frohe Botschaft verkündet werden. Große Spannung vergleichbar mit einer Papstwahl – wann würde der weiße Rauch aufsteigen?

Simon Rattle hat seinen Abschied für 2018 angekündigt und wird nach London wechseln. Bekannt auch, dieser Entschluss wurde bei allen Verdiensten um das Orchester insgeheim begrüßt. Längst wurde gemunkelt, die Konkurrenz wie das holländische Concertgebouw Amsterdam seien dabei, den Berlinern ihren Spitzenplatz streitig zu machen. Als ginge es um eine Trophäe, einen Pokal wie im Fußball, bei dem Spanier, Italiener, Briten und Deutsche in die Arenen steigen.

Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle, 2014 © Monika Rittershaus
Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle, 2014
© Monika Rittershaus
Solche Titelsucht ist in der Kunst ein Irrtum, wie bereits die Auszeichnungen vom Theater oder Opernhaus des Jahres falsche Wege sind. Klassikfreunde wissen aus eigenem Hörerleben: Es gibt keine Nummer Eins, sondern eine beachtliche Zahl von Weltklasse-Orchestern, allein in Deutschland... Oder geht es um andere Prioritäten; um Eitelkeit, PR, Werbung, Geschäft?

Zahlreiche Mitglieder der Berliner Philharmoniker sind nicht nur exzellente Musiker, sondern auch treffliche Geschäftsleute, Vermarkter, auf ihr Image bedacht. Unter Rattle waren neue Wege in der Vermittlung klassischer Musik beschritten und das Renommee des Hauses, zum Beispiel in der Jugendförderung und der weltweiten Vermittlung, bestärkt worden. Das Wichtigste aber, das Kerngeschäft gewissermaßen, hat unter dieser Weltläufigkeit gelitten. Doch es war und ist mehr, was von Kritikern bemängelt wurde: eine gewisse Einseitigkeit, eine Vernachlässigung des deutschen Repertoires und eine eher sachlich-bewundernswert präzise Interpretation. Es hat wohl an dem gefehlt, was Publikum und Musiker sich wünschen: die Spontaneität, das Eruptive, Überwältigende.

Wer sollte diese unmögliche Aufgabe übernehmen? Ja, es gab in der Nachfolge Karajans den Einzigartigen, die kurze glückliche Zwischenzeit mit Claudio Abbado. Danach kam Rattle, in seiner faszinierenden Erscheinung gewiss eine treffliche Wahl, mit immer ausverkaufter Philharmonie, auch international erfolgreich. Dass er dieses Orchester verlassen wollte, war eine kluge Entscheidung, wohl auch, weil er spürte, wie sich aus Begeisterung allmählich Distanz entwickelt hatte.

Christian Thielemann am Pult der Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger
Christian Thielemann am Pult der Staatskapelle Dresden
© Matthias Creutziger

Rattle hat diesen Abschied lang genug angekündigt. Es war ausreichend Zeit, sich auf den Termin im Mai vorzubereiten, und offenbar gab es eine Liste der Auserwählten zwischen Jung und Alt, von Barenboim und Chailly unter den Senioren über Thielemann und Ivan Fischer, dazu aus der mittleren Generation Petrenko bis zu den Jungen Dudamel und Nelsons. Thielemann, einst Assistent Karajans, galt für viele, und wie es heißt vor allem bei den Streichern, als erste Wahl, auch wenn er bei anderen umstritten war, denen seine eher konservative politische Gesinnung nicht passte.

Was sich bei diesem Showdown im Detail ereignete, wissen wir nicht (oder noch nicht). Spekulativ könnte der Streit zu einer Absage Thielemanns geführt haben. Bei Kritikern heißt es, sein Ruf sei für Berlin beschädigt gewesen. Für Dresden jedoch bedeutet es Kontinuität, die Fortsetzung seiner Arbeit dort. Die Staatskapelle als Orchester bekommt durch ihn einen eigenen, unverwechselbaren Klang und einzigartiges Profil. Was vom Berliner Spektakel bleiben wird, sind peinliche Erinnerungen. Die internationale Kulturpresse war kurzfristig zur geplanten Verkündigung beordert worden. Es hieß, es werde ein kurzes Konklave, hatte es doch genügend Zeit zur Orientierung gegeben. Stattdessen kein weißer, sondern immer nur schwarzer Rauch. Keine Einigung, kein Schlichter. Oder hatte einer der Favoriten abgesagt? Der Schaden wäre nicht minder groß.

Nun sind sie aus dem Schaden klug geworden. Und haben schnell gehandelt. Auch wenn ein Schatten dunkler Erinnerungen bleiben wird, am Ende haben die Mitglieder der Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko ein glückliche Wahl getroffen, die eine spannende Zeit verspricht. Mit ihm bekommen sie einen Dirigenten, der dem Orchester in seiner Besessenheit und mit seiner Fähigkeit zu begeistern neue musikalische Impulse zu geben vermag.