Es ist einfach so: Jedes der bisher besuchten Konzerte des Monteverdi Choir sind mir in eindrücklicher Erinnerung. Als jüngstes liegt mir die zwei Jahre zurückliegende Aufführung Händels Israel in Egypt zum 60. Jubiläum des Chores noch vor Augen und geistigen Ohren, als Peter Whelan bei dem von John Eliot Gardiner gegründeten Vokalensemble samt mit identischem Hintergrund ausgestatteten Instrumentalisten der English Baroque Soloists sein Debüt feierte. Fast auf den Tag genau fünf Jahre her ist die Wiedergabe Bachs Johannes-Passion unter Gardiner in Zeiten des Lockdowns, die trotz oder gerade wegen der Entfernung auch immense Kraft besaß. Whelan kam nun zu den Ensembles zurück, um mit ihnen seine Lesart der Passion vorzustellen. Und das zum Abschluss einer Mini-Tour an Karfreitag im Pesti Vigadó in Budapest im Rahmen des Müpa Bartók Spring Festivals.

Peter Whelan © Attila Nagy, Müpa Budapest
Peter Whelan
© Attila Nagy, Müpa Budapest

Auch dieses Konzert des Monteverdi Choir sollte keine erste Ausnahme bilden, selbst wenn im Chorischen nicht immer früherer einzigartiger, lüsterner Funke an entgegengebrachter Ausdrucksüberwältigung fliegen sollte. Das lag an Whelans vermittelndem Ansatz, die Dramatik Christi Leidenswegs nicht allzu (kontrastgeladen-)exzessiv durch demonstrative Extreme, besonders mittels Forte oder Akzentuierungen, zu schildern. Obwohl damit vor allem im Eröffnungschor „Herr, unser Herrscher“ und Kriegsknechte-Turba „Lasset uns den nicht zerteilen“ etwas fraglich war, warum für das tobende Pochen schließlich doch eine derart starke, mitunter etwas balanceeinschränkende Instrumentalbassbetonung der stets äußerst souveränen, pragmatischen EBS gewählt wurde.

Jedenfalls bewies der 18-köpfige Chor seine weiter als Markenkern offenbarten ausgezeichnet piano-dynamischen, artikulatorischen und deklamatorischen Fähigkeiten in den einfühlsam gewichteten, nach wie vor flüssigen, sprich dennoch intensiven Chorälen. Beispielhaft erwähnt seien „Ach, großer König“ und „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn“. Oder der hoffnungsvolle Schlusschoral der Johannes-Passion erster Fassung, dessen voranstehender, vom Monteverdi Choir herzlich-warm gebundener, voller behauptender Würde vorgetragener Chor „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“ nicht als ein vages Trauermeer dahinwaberte, sondern ein unverbrüchliches Gott- und Auferstehungsvertrauen in sich trug.

Konstantin Krimmel © Attila Nagy, Müpa Budapest
Konstantin Krimmel
© Attila Nagy, Müpa Budapest

Whelans Deutung, die den emotionalen Höhepunkt des Kreuzigungstodes höchst ergreifend einfing, richtete sich an den zentralen Solisten der Vertonung Johannes' Darstellung von Verleugnung, Sünde und Buße aus, den Evangelisten und Jesus. Und deren Wiedergabe bleibt im Gedächtnis, so in allen Belangen tadellos füllten Kieran Carrel und Konstantin Krimmel ihre Wesen, aus ungemein hilfreicher Sicherheit erwachsende Ruhe und Demut transportierenden Partien aus. Carrels ganz und gar mühelos erscheinender, elastischer, kristallinfrischer Tenor ist optimal geschaffen für die Evangelistenrolle, die er mit erzählrealistischer und diktionaler Zutraulichkeit, insgesamt beachtlicher Verständlichkeit bedachte. Seiner im Pianississimo erstickenden, menschlich dichten Verkündung Jesu Tod folgte eine rührende, andächtige, kaum ertragbare Stille. Auch für die Tenor-Arien, dort theatralisch und kontrastschärfend einen Gang höher geschaltet, erwies sich Carrel als exzellente Wahl, glitt er durch sie in seidiger Abstinenz von Enge.

Julia Doyle © Attila Nagy, Müpa Budapest
Julia Doyle
© Attila Nagy, Müpa Budapest

Als stillerer Jesus nahm Krimmel mit seinem angenehmen, überdeutlichen, heilandsnoblen Bariton so glaubwürdig jede Last von uns wie selten zuvor vernommen. Dazu passte, dass er gleichfalls die Bass-Arien mit exquisiter Klangform und Phrasierung zu einem Gedicht von Güte und Vergebung werden ließ. Mit gewohnt großer Klarheit und stilistischer Eleganz, durch etwas Vibrato an den Versenden angewärmt, wusste Julia Doyles Sopran zu beeindrucken, speziell als in „Erzähle der Welt” in „Zerfließe, mein Herze“ noch ihr vortreffliches Atem- und Betonungsgeschick hervortrat. Auch wenn sie sie nicht nötig hatte, hielt sie dabei ihre Noten vor sich, im Gegensatz zu Rebecca Leggett, die durch das völlig freie Auswendigsingen eine immens direkte Kommunikation pflegte, zu der sich die anregende Farbtiefe, präsente Gestaltung und gute Aussprache des Mezzos gesellten. Ebenfalls ohne Notenblätter, unaufgeregt ernst und ausgesprochen solide meisterte Malachy Frame aus den Bassreihen des Monteverdi Choir die Partie des Pilatus.

Peter Whelan © Attila Nagy, Müpa Budapest
Peter Whelan
© Attila Nagy, Müpa Budapest
Konstantin Krimmel © Attila Nagy, Müpa Budapest
Konstantin Krimmel
© Attila Nagy, Müpa Budapest
Julia Doyle © Attila Nagy, Müpa Budapest
Julia Doyle
© Attila Nagy, Müpa Budapest