Der berüchtigte Röstigraben trennt die Deutschschweiz und die französische Schweiz nicht nur sprachlich und politisch, sondern auch kulturell. So ist es beispielsweise eine Tatsache, dass das Orchestre de la Suisse Romande fast nie in der Deutschschweiz auftritt. Das Konzert im Kultur- und Kongresszentrum Luzern vom Freitag vor Pfingsten bildete da eine löbliche Ausnahme. Eingeladen hatte das Luzerner Sinfonieorchester, das Residenzorchester des KKL. Angetreten ist der in Genf beheimatete Klangkörper jedoch nicht mit seinem scheidenden Chefdirigenten Jonathan Nott, sondern mit der litauischen Gastdirigentin Mirga Gražinytė-Tyla.

Mirga Gražinytė-Tyla © Frans Jansen
Mirga Gražinytė-Tyla
© Frans Jansen

Wie man es von einem frankophonen Orchester erwarten konnte, präsentierten die Gäste ein vorwiegend „welsches“ Programm mit Martin, Chopin, Debussy und Ravel. Der Genfer Komponist Frank Martin hat Les quatre éléments – Études symphoniques zum 80. Geburtstag von Ernest Ansermet, dem legendären Gründer und langjährigen künstlerischen Leiter des OSR, komponiert. Mit verschiedenen klanglichen Assoziationen charakterisieren die vier Sätze die Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer. Für die Dirigentin und das Orchester bildete die Komposition ein willkommenes Aufwärmstück, das im Publikum den Appetit auf das Kommende erweckte. Die impressionistischen Klänge des Satzes Wasser gaben dabei bereits einen Vorgeschmack auf Debussys La Mer.

Bei Chopins Klavierkonzert Nr. 2 in f-Moll beschränkte sich die Rolle der Dirigentin auf die Funktion einer Koordinatorin, da das Werk eigentlich eine Klaviersonate mit Orchesterbegleitung ist. Umso mehr stand der 31 Jahre junge lettische Pianist Georgijs Osokins im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dies umso mehr, als praktisch alle großen Meister des Tastenspiels das f-Moll-Konzert im Repertoire haben. Die Überraschung dabei: Es zeigte sich, dass auch ein relativ unbekannter Künstler den Vergleich mit den Berühmtheiten nicht zu scheuen braucht. Das für Chopin typische Rubato-Spiel beherrschte er hervorragend, und im Ausdruck zeigte er eine Bandbreite von energischem Drängen bis zu zärtlicher Hingabe. Was Letzteres betrifft, verlor er sich, besonders im ersten Satz, gelegentlich in einem fast selbstverliebten Verweilen. Als wollte Osokins beweisen, dass er auch anders kann, legte er bei der Zugabe mit Liszts Klavierfassung des ungarischen Rákóczi-Marsches ein halsbrecherisches Bravourstück hin, bei dem einem Hören und Sehen vergingen.

Im zweiten Teil des Abends schlug dann die Stunde von Gražinytė-Tyla. Nachdem sie von 2016 bis 2022 – als erste Frau – als Chefdirigentin des City of Birmingham Orchestra wirkte, ist sie diesem Orchester bis heute als erste Gastdirigentin verbunden. Zudem erobert sie in den letzten Jahren als Gast eines nach dem anderen der berühmten europäischen Orchester. Hauptstück des Luzerner Konzerts mit dem OSR bildete die Symphonische Dichtung La Mer von Claude Debussy.

Als Erstes fiel auf, wie souverän die Dirigentin den riesigen Orchesterapparat der Debussy-Partitur im Griff hatte. Sie dirigierte sehr kantig, gab viele Einsätze und behielt stets den Überblick über das Geschehen. Durch wechselnde Mischung der Register verlieh sie jedem der drei Sätze ein eigenes Gepräge. Will man ihren Interpretationsansatz einordnen, könnte man ihn mehr deutsch als französisch, eher genau als poetisch, nennen. Interessant ist, dass Gražinytė-Tyla La Mer bereits im vergangenen August im KKL dirigiert hatte, damals als Gast des Orchestre Philharmonique de Radio France im Rahmen des Lucerne Festival. Im Vergleich zu jener Aufführung war ein merklicher Reifeprozess der Dirigentin festzustellen.

Den Abschluss bildete die Zweite Orchestersuite des Balletts Daphnis et Chloé von Maurice Ravel. Man spürte schnell, dass diese Musik den Geschmack des Orchestre de la Suisse Romande zu hundert Prozent traf. Die kompositorische Verknüpfung von Naturstimmungen und Liebeszauber setzten die Musikerinnen und Musiker – hier in noch größerer Besetzung als bei Debussy – mit Hingabe um. Das OSR ist, wenn die Chemie zwischen Dirigenten und Klangkörper stimmt, wirklich zu beeindruckenden Leistungen fähig.