Nach zahlreichen landesweiten Feierlichkeiten – von historischen Nachstellungen bis hin zu Formel-1-Rennen –, mit denen der 250. Jahrestag der Vereinigten Staaten begangen wurde, präsentiert die Metropolitan Opera nun eine Hommage in Form einer Oper: Missy Mazzolis Lincoln in the Bardo, die erste Oper, die von einer Frau komponiert und von der Metropolitan Opera in Auftrag gegeben sowie uraufgeführt wurde. Das zweistündige Werk basiert auf George Saunders’ Roman aus dem Jahr 2017, der mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde und von Abraham Lincolns unermesslicher Trauer nach dem Tod seines elfjährigen Sohnes Willie handelt.

Peter Mattei (Abraham Lincoln) und Everett Sobers (Willie Lincoln) © Karen Almond | Met Opera
Peter Mattei (Abraham Lincoln) und Everett Sobers (Willie Lincoln)
© Karen Almond | Met Opera

Die Geschichte, deren Libretto von Mazzolis langjährigem Weggefährten Royce Varek stammt, vermischt historische Fakten mit übernatürlicher Fiktion und spielt im Februar 1862, zehn Monate nach Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs. Die Handlung spielt in der übernatürlichen Welt des „Bardo“ – einem Übergangszustand zwischen diesem und dem nächsten Leben – und dreht sich um die Schwierigkeiten des Präsidenten, die noch relativ junge Republik durch den Bruderkrieg zu führen und gleichzeitig den vorzeitigen Tod seines Sohnes zu verkraften, sowie um Willies eigenen Kampf, trotz der Ermutigung durch seine Mitgeister in die nächste Welt überzugehen. Diese Geister sind gefangen, weil sie ihren Tod leugnen; sie ziehen es vor, sich selbst als Opfer einer vorübergehenden „Krankheit“ zu betrachten, und bezeichnen ihre Särge als „Krankenkisten“, während sie auf die Heilung durch einen Arzt warten.

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Peter Mattei (Lincoln) und Ensemble © Karen Almond | Met Opera
Peter Mattei (Lincoln) und Ensemble
© Karen Almond | Met Opera

Zwei Jahre nach ihrem Erfolg mit John Adams’ El Niño kehrt Lileana Blain-Cruz an die Met zurück und hat eine genreübergreifende, visuell spektakuläre und überraschend lebensfrohe Inszenierung geschaffen. Adam Riggs flexibles, äußerst effizientes Bühnenbild, das in den Lava-Lampen-Farbtönen der Beleuchtung von Yi Zhao und Stacey Derosier erstrahlt, präsentiert eine unheimliche, waldähnliche Umgebung voller Bäume und hochgewachsenem Gras. Die in verschiedenen Grau-, Violett- und Grüntönen gehaltene, gespenstische Kulisse fügt sich nahtlos in die brillant-kreativen Kostüme von Montana Levi Blanco und die eindringlichen Bewegungen der geisterhaften Bewohner ein. Ebenso gut in das Bühnenbild integriert ist die Puppenspielkunst, eines der auffälligsten Elemente der gesamten Inszenierung. Anstatt einzelne Figuren darzustellen, verkörpern die riesigen Puppen von James Ortiz Erweiterungen der Seelen und der inneren Psyche der Bewohner des Bardo.

<i>Lincoln in the Bardo</i> &copy; Karen Almond | Met Opera
Lincoln in the Bardo
© Karen Almond | Met Opera

Mazzolis vielseitige und stimmungsvolle Partitur ist eine faszinierende, sich ständig wandelnde Mischung aus traditioneller Orchesterkomposition und unkonventionellen Gesangs- und Instrumentaleffekten, darunter ein riesiger Chor, der in Kazoos summt. Es gibt zahlreiche explosive Musikpassagen, insbesondere die „matterlightblooming“-Momente, die erklingen, wenn einzelne Seelen im Bardo endlich den Tod akzeptieren und in die nächste Phase ihrer Existenz übergehen.

Christine Goerke (Reverend) &copy; Karen Almond | Met Opera
Christine Goerke (Reverend)
© Karen Almond | Met Opera

Die größtenteils hervorragende Besetzung wird von Peter Mattei angeführt, der eine herzzerreißende Darstellung Lincolns lieferte und die persönliche Trauer seiner Figur vor dem Hintergrund des politischen Traumas des Bürgerkriegs perfekt zum Ausdruck brachte. Seine Arie „Dear Little Chap“ im zweiten Akt, während er Willies Leichnam im Arm hält, war ein Höhepunkt. Eine weitere herausragende Darbietung war Christine Goerkes mitreißende Darstellung des Reverends, einer der drei Geister, die Willie auf seiner Reise zur Akzeptanz begleiten. Der dramatisch und gesanglich beeindruckendste Moment der Sopranistin war im zweiten Akt, als ihre Figur offenbart, inwiefern er sich von den anderen Bewohnern des Bardo unterscheidet: Er hat einen Blick auf das Jüngste Gericht erhascht und weiß, dass er tot ist.

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Im Gegensatz dazu war die übermäßig nasale, theatralische Darstellung der 14-jährigen Bardo-Bewohnerin Miss Elise Traynor, die starb, bevor sie ihren Traum von Romantik und Mutterschaft verwirklichen konnte, durch den Countertenor Anthony Roth Costanzo weniger gelungen.

Anthony Roth Costanzo (Miss Elise Traynor) &copy; Karen Almond | Met Opera
Anthony Roth Costanzo (Miss Elise Traynor)
© Karen Almond | Met Opera

In der Rolle des Thomas Havens gelang Joshua Blue mit seinem heldenhaften, selbstbewussten Tenor eine besonders ergreifende Darstellung eines ehemaligen Sklaven. Als die beiden anderen Seelen, die Willie begleiten, sorgten der Bassbariton Ryan McKinny als Vollman und der Tenor Jonah Hoskins als Bevins für einige der heiteren Momente des Abends. In der anspruchsvollen Rolle des 11-jährigen Willie feierte Everett Sobers ein beeindruckendes Met-Debüt; seine verstärkte, aber angemessen reine und ätherisch klingende Knabenstimme stand in wunderbarem Kontrast zu Lincolns würdevoller, zart klingender Musik.

Unter der stets aufmerksamen Leitung von Yannick Nézet-Séguin klang das Met-Orchester den ganzen Abend über energiegeladen und ausgefeilt, während es sich durch Mazzolis wechselhafte und strahlend farbenfrohe Partitur bewegte.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.

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