Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Frauen an der Spitze eines Orchesters – noch vorsichtig ausgedrückt – ziemlich dünn gesät, dabei wäre ohne sie die klassische Musik vermutlich schon längst untergegangen. Nun machen Dirigentinnen bei namhaften Klangkörpern endlich Karriere, nachdem im Laufe der letzten hundert Jahre auch Komponistinnen beispielsweise wie die Boulangers, Imogen Holst, Sofia Gubaidulina oder Kaija Saariaho ihren Platz auf prominenter Bühne gefunden haben. Natürlich war ihr Stand beim weiten Blick zurück noch weitaus schwieriger. Der Platz vor oder in einem Orchester war unvorstellbar und die Arbeit als Vertonerin – quasi höfischer Zeitvertreib erwählter Damen – geriet in Vergessenheit, da nichts bis wenig gedruckt wurde. Kein Verleger, keine Verbreitung. Auch der Name Francesca Caccini, von Claudio Monteverdi gepriesene Komponistengröße und bestbezahlte Musikerin am Medici-Hof, ist heute selbst unter eingefleischten Spezialisten Alter Musik kaum zu hören. Ein wenig besser steht es da um Barbara Strozzi und allmählich Louise Farrenc, obwohl – immerhin dem Namen nach am bekanntesten – selbst Clara Schumann oder Fanny Mendelssohn zu wenig gespielt werden.

Élisabeth Jacquet de La Guerre © Wikimedia Commons
Élisabeth Jacquet de La Guerre
© Wikimedia Commons

Als nahezu einzige Komponistin in der Hochzeit des Barocks, die sich wirklich einen Namen machen konnte, blieb Élisabeth Jacquet de La Guerre in Erinnerung und vereinzelt in manchem barocken Programm eines historisch informiert spielenden Ensembles. Schon zur ersten Kulminationsphase der Entstehung der Alte-Musik-Gruppierungen am Beginn der 1980er kamen mit ausgewählten Einspielungen Zeugnisse Jacquets auf den (noch kleinen) Markt. Sie lüfteten musikalische Raritäten, von denen damalige Meister so angetan waren, dass sie Jacquet als „la première musicienne du monde“ bezeichneten (laut einem Epistre de M. de Lully à Mlle de la Guerre). Umso erstaunlicher und qualitätszeugnishafter, tummelte und beäugte sich in ihren Jahren am französischen Hofe doch alles, was Rang und Namen hatte. Vermutlich war die Produktion einer solchen Ausnahmeerscheinung aber gerade nur in diesem Umfeld, in dem es sich zu behaupten galt, und unter der Regentschaft des musikbegeisterten Ludwig XIV. denkbar, für den sie erstmals im zarten Alter von fünf Jahren am Cembalo vorspielte. Zeitlebens vergaß sie dessen Förderung nicht und so widmete sie ihm alle entstandenen Werke.

In den Anfangsmonaten des Jahres 1665 hatte Élisabeth Jacquet das Licht der Welt erblickt, lediglich ihr Taufdatum vom 17. März ist uns bekannt. Und gleich mit in die Wiege wurden ihr ihre musikalische Bestimmung und ihr Talent gelegt, waren ihr Vater Claude Organist und ihr Onkel ein bekannter Instrumentenbauer. Wie ihre drei Geschwister auch selbstverständlich im Tastenspiel unterrichtet, bestand Jacquet ihr höfisches Debüt, sodass Ludwigs Mätresse Madame de Montespan sie unter ihre Fittiche nahm. Im Alter von acht bis dreizehn Jahren verschaffte sich Jacquet bereits beachtlichen Ruhm durch einige Konzerte am Hof in Versailles und bei Hausaufführungen bis ins städtische Zentrum nach Paris, wo sie auf den Organistenkollegen Marin de la Guerre getroffen sein muss. Er wird ebenfalls vernommen haben, dass sie die „schwierigsten Stücke vom Blatt singe und spiele, aus dem Stegreif accompagniere und komponiere“. Am 23. September 1684 folgte ihre Heirat und der Umzug in die Pariser Wohnung, in der sie fortan erfolgreich Cembalo unterrichte und eigene Hauskonzerte veranstaltete.

„Alle großen Musiker und Musikkenner waren eifrigst beflissen, sie am Cembalo zu hören: Sie hatte vor allem ein wundervolles Talent, aus dem Stegreif zu präludieren und zu fantasieren, und manchmal folgte sie eine ganze halbe Stunde lang dem Fluß ihrer Ideen in einem Präludium und einer Fantasie mit außerordentlich variierten Melodien und Akkorden und einem ausgezeichneten Goût, der alle Zuhörer verzauberte.“ (E. Titon du Tillet, Le Parnasse François, 1732)

1687 erschien schließlich ihr erster Druck, logischerweise mit Suiten für Cembalo (Les Pièces de Clavessin. Premier Livre), 1707 weitere Cembalostücke und die 1695 komponierten Sonaten für Violine(n) und Cembalo (Continuo). Dabei bedeutete jenes Jahr 1707 für Jacquet ein année horrible, da erst ihr einziger Sohn, dann noch ihr Mann verstarben. Gleichzeitig zeigt es jedoch ihre Standhaftigkeit, Stärke, ihre Passion und kämpferische Unerschütterlichkeit, die sie sogar dazu brachte, 1708 revolutionäre Cantates françaises sur les sujets tirez de l’Écriture zu veröffentlichen, die ihre männlichen Kollegen prägen sollten.

„Da diese Kantaten von völlig neuer Art sind, müssen wir ihnen Aufmerksamkeit schenken. […] Was die Musik betrifft, so zweifeln wir nicht, dass die Kenner bei den Melodien und Harmonien auf ihre Kosten kommen: Neben diesem Vorzug haben wir dort aber auch eine Methode bemerkt, die man den Musikern nicht genug empfehlen kann. Mademoiselle Delaguerre richtet den Verlauf der Musik immer nach dem Sinn oder der Leidenschaft, die in einem jeden Stück vorherrschen und ordnet diesem den Ausdruck der Worte unter. So erfolgreich sie darin ist, so sehr hütet sie sich auch, es zu übertreiben.“ (Journal des sçavants, 7. Januar 1709)

Schon in den Jahren zuvor bewies sie ihren innovativen Geist, als sie neben der Entwicklung des französisch-italienischen Geschmacks drei Opern komponierte, von denen Céphale et Procris von 1694 erhalten ist und damit als erstes von einer französischen Frau verfertigte Stück dieser Gattung gelten darf. Selbst wenn eben diese nicht zu oft im Pariser Spielplan auftauchte, sprach man von Jacquets Errungenschaften und ihrer Begabung noch einige Jahre später, auch über Landesgrenzen hinaus. Ab 1715 zog sie sich – ähnlich wie François Couperin – unter der Herrschaft Ludwigs XV. mehr und mehr zurück und starb am 27. Juni 1729. Ihr zu Ehren ließ der Regent die Medaille „Aux grands Musiciens j’ai disputé le prix“ anfertigen. 1734 bekleidete Marguerite Antoinette Couperin als erste Frau die Position der ordinaire de la musique de la chambre du roi pour le clavecin in der Nachfolge ihres Vaters François. Es bleibt natürlich anderen vorbehalten, genauer zu untersuchen, welchen Einfluss neben der Couperin-Dynastie Jacquets Rolle gespielt hat. Eines dürfte aber sicher sein: sie war „la merveille de nostre Siecle“ (im Mercure galant, Dez. 1687), ein Jahrhundertwunder!

 

Quellen:

Hochschule für Musik und Theater Hamburg (MUGI – Musik und Gender im Internet): Élisabeth-Claude Jacquet de la Guerre

Sophie-Drinker-Institut: Komponistinnen-Lexikon, Europäische Instrumentalistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts