Antonio Vivaldis Wirken am Ospedale della Peità, eine Venedigs damaliger Waisenunterkünfte und Musikschulen mit angeschlossenem Oratorium, übt nach zwischenzeitlichem Vergessen im 19. Jahrhundert seit langem wieder einen beständigen historischen Reiz auf Interpreten wie deren Rezipienten aus. Vivaldis preußischer Lehrerkollege Johann Joachim Quantz, der natürlich in Italien gelernt und sein Vorbild in der Lagunenstadt erlebt hatte, hielt beispielsweise fest, dass „man die besten Kirchenmusiken in den Hospitälern, alla Pietà, agli Incurabili, und ai Mendicanti von lauter Mädchen aufführen hörte. Die alla Pietà hatten damals den Vorzug.”

Zumindest, mit Unterbrechungen, bis 1716, danach in abgespeckter Form, wurde von Violin- und temporärem Co-Chordirektor Vivaldi verlangt, zwei Vespern sowie Ostern- und Marienmessen pro Jahr, zwei Motetten im Monat und jedwede andere Sakralmusik für zwingende Samstags- und Sonntagsanlässe zu schreiben. Sind viele verloren, stellt Vivaldis Gloria in D, RV 589 (vermutlich 1716), heute seine mit Abstand bekannteste Kirchenkomposition dar, um die sich weitere Stücke für eine größere Messrekonstruktion gesellen. Dabei wird in unterschiedlichen Formen auf die Pietà-Bedingungen beziehungsweise Vivaldis differente, zur Verbreitung gedachten und einnahmedienlichen Notenausgaben eingegangen: entweder, wie Paul Agnew mit Les Arts Florissants, mit einem rein weiblich besetzten Orchester bei gemischtem Chor; oder, wie bei Jordi Savall mit Les Musiciennes du Concert des Nations konsequenter, durch ein komplettes Frauenensemble bei Instrumenten und Vokalem.
Den dritten Weg geht Hervé Niquet mit seinem Concert Spirituel, der ein gemischtes (Doppel)-Orchester mit ausschließlichem Damendoppelchor (transponiert und zudem ohne Soli arrangiert) kombiniert, zugleich das Messordinarium in der Auswahl der die trinitarische Gloria-Doxologie beinhaltenden Vertonungen leicht freier durcheinanderwürfelt, bei besagtem Gloria in D auf Oboe und Clarine sowie bei den anderen, teils römischen, partiturangepassten Werken für seine imaginäre, freilich venezianisch getaufte Marienmesse auf die vorgesehenen Bläser verzichtet. Nach 2014 und CD-Einspielung unter anderem auch zum videoaufgezeichneten Abschlusskonzert des Festivals Oude Muziek Utrecht 2016 vorgestellt, kehrten die Musikerinnen und Musiker des Concerts Spirituel für eine Niederlande-Tournee mit ihrem sakralen Vivaldi-Programm nach Utrecht zurück. Bevor es für sie dahin ging, hieß zweiter Stopp nach Groningen aber zunächst: Muziekgebouw Eindhoven.
Dort begann die Messe mit dem mit einigen als Antiphon gesetzten Verseingriffen versehenen, aus römischem Ottoboni-Auftrag resultierendem, original für Männer komponiertem Dixit Dominus, RV 594, in dem sich die aus je drei Sopran- und Altstimmen gebildeten Doppelchöre des Ensembles als distinguierte, ansatzweiche, lichte, elegante und frische Klangquelle offenbarten. Das gemäß Pietà-Orgelempore minimal besetzte Doppelorchester des Concerts Spirituel, dadurch mit starkem Bassfundament ausgestattet, erwies sich dazu als erhebender, gleichzeitig – und somit ab und zu an der Gefahrenschwelle zur vokalen Konterkarierung – als mit Bogendruck definierter, dennoch nötiger und sich ansprechend aufdrängender Motor, dessen PS Niquet allerdings zugunsten von Transparenz, Deutlich- und Spielbarkeit ein wenig drosselte.
Erst danach folgte das Eingangsresponsorium Domine ad adiuvandum me festina, RV 593, das sich in fein-anmutiger Entspanntheit und erfüllender Homogenität, jedoch obligatorischem Vivaldi-Pep auftat. Schließlich in liturgischer Ordnung, präsentierte sich Le Concert Spirituel mit dem 1739 aus Vivaldis letzten Pietà-Gelegenheiten stammenden Psalmsatz Lauda Jerusalem, RV 609, in Färbung und Dynamik etwas kontrastreicher bei unverändert hoher Präzision und Umsichtigkeit. Der Charme der Frauenstimmen, vor allem mit aufgehenden Alttönen, breitete sich merklich im Messfinale des Magnificats, RV 610, aus, dessen überzeugungskräftige Gloria-Doxologie die sukzessive Steigerung dieses jeweiligen Parts über die vorausgehenden Stücke eindrücklich bestätigte.
Noch entschiedener festlich betont, gleichermaßen von Intensität, Pulsierung, Tempo, Andacht und Charakter durchzogen war am Programmende das besagte, durch Pause getrennte und somit losgelöste Sequenz-Gloria, RV 589, das in stimmigen Überführungen sowie durch die Klänge des konturscharfen Orchesters, der schmeichelnden, muckelig-sanften Soprane und edelsamtigen Alte des Concerts Spirituel zu einer erlesenen Vivaldi-Feierstunde geriet. Wie in Utrecht 2016, verabschiedete sich das Ensemble mit der Zugabe des tempogesteigerten „Domine, Fili unigenite“ und Niquets schauspielerischen Einlage, vor dem Schluss das Podium mit humorigem Blick auf die Uhr zu verlassen.


















