Dominique Meyers entspanntes Auftreten und ruhiges Wesen täuschen, wie sich bald herausstellt, über eine eiserne Entschlossenheit und Anpackmentalität hinweg; was sich zu Beginn unseres Interviews noch wie eine gallische Hochmütigkeit anfühlt, entpuppt sich schnell als zauberhafter Charme. Tatsächlich zog sich, was ich als kurzes Gespräch angenommen hatte, über 90 Minuten und endete mit einer enthusiastischen Tour diverser Illustrationen aus der Opernwelt, die das Büro des Staatsoperndirektor schmücken – einige von Meyer selbst, einige kamen mit dem Job.

Dominique Meyer © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Dominique Meyer
© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Meyer mag einen Hintergrund haben, zu dem Beteiligungen an der Niederlassung der ersten CD-Fabrik Frankreichs sowie Französischer Film und Kulturpolitik zählen, aber in erster Linie ist er ein Opernfan, der weniger an Technologie per se interessiert ist, sondern darin, wie „Technologie und Kunst interagieren können”. Von Beginn an (er wurde 2010 zum Staatsoperndirektor berufen) wollte er “mehr Modernität in das Haus” bringen.

Das erklärt möglicherweise, warum das State-of-the-art Streamingservice der Staatsoper, Live at Home, so ungewöhnlich ist. Wie Meyer Bachtrack letztes Jahr erklärte, wurde es mit Blick auf den Opern-Liebhaber konzipiert. Es ist ein weniger interventionistischer Zugang was die Kameraführung angeht – weniger Schnitte, weniger close-ups, weniger Herumspringen von einem Sänger zum nächsten, als ob man „bei Wimbledon zusehe”.

Es macht auch geschäftlichen Sinn. Das Opernhaus behält die Kontrolle, und das Equipment, das umsichtig im Zuschauerraum eingebaut wurde und von einem kleinen Team im Haus verwaltet wird, entspricht höchster Anforderungen, sodass keine Anpassungen bei den Inszenierungen notwendig sind – die Beleuchtung ist traditionell ein Problem, wenn es darum geht, eine Oper zu filmen. „Die Kosten einer normalen Übertragung [mit TV Stationen] belaufen sich auf etwa 200,000€”, erklärt Meyer, „aber die technischen Kosten, wenn wir selbst übertragen, sind geringer als 10,000€” Mit etwa 40 Vorstellung im Jahr, hat sich außerdem ein beeindruckendes Archiv in den letzten drei Jahren angesammelt; dieses kleine hausinterne Team hat eine enorme Menge an Erfahrung gesammelt: „Nur Leute, die im Fußball arbeiten haben mehr.”

Wiener Staatsoper © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Wiener Staatsoper
© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Meyer hatte schon etwas in dieser Art geplant, bevor er am Haus am Ring ankam, erzählt er mir. Ursprünglich gab es technische Hürden, nicht zuletzt in die unerschwinglichen anfänglichen Kosten der notwendigen Ausstattung. Ein anderes ausschlaggebende Problem war das des Personals, das sich löste, als Meyer Christopher Widauer fand, der kluge Kopf hinter dem Unternehmen.

Widauer, ein Mann, der blanken Optimismus ausstrahlt, schließt sich uns an, um ein paar Zahlen aus dem Ärmel zu schütteln. Es gibt 25,000 registrierte User, erklärt er, und 6,500 Personen, die regelmäßig verschiedene Produkte kaufen – Abonnements oder einzelne Veranstaltungen. Es gibt etwa 15,000 Abonnementen, und jede Veranstaltung wird von 800 bis 5,000 Zusehern verfolgt. Aber wie Widauer erwähnt, werden die Streams selten alleine angeschaut: „die Leute laden Freunde ein, öffnen eine gute Flasche Wein und genießen die Oper zusammen. Wenn wir 1,000 Streams haben, sind das mindestens 2,000 oder 3,000 Zuseher – es ist also bereits ein volles Haus.”

Wiener Staatsoper © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Wiener Staatsoper
© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Diese Zahlen wurden ohne der Unterstützung eines Marketing-Budgets erreicht, und beide Männer sind besonder stolz darauf, dass dieses System ein Hit bei Schulen ist, was es dem Opernhaus in der Hauptstadt ermöglicht, junge Leute im ganzen Land zu erreichen. Ungefähr 470 Schulen buchen regelmäßig Aufführungen, was gleichbedeutend mit etwa 12,000 Zusehern ist, die entweder auf Computern oder größeren Leinwänden in Versammlungsräumen zusehen. „Und manchmal stellen wir einen interaktiven Rückanschluss her, um ihre Freude zu sehen”, fügt Widauer mit einem Lächeln hinzu.

Aber die Innovationen der Staatsoper hören hier nicht auf. Eine weitere jüngste Entwicklung war die Installation einer LED-Beleuchtung im Auditorium, ein Projekt mit einigen Tücken. Das zunächst grünliche Licht stellte ein Problem dar – „die Damen brauchten ein starkes Make-up”, scherzt Meyer. Jetzt würde man den Unterschied nicht mehr merken, versichert er mir.

Die neue Saison sah auch den Austausch der zunehmend unzuverlässigen 15 Jahre alten Untertitel-Bildschirme des Hauses – ein Installationsprojekt, das in lediglich fünf Wochen während der Sommerpause über die Bühne gehen musste. Mini-Tablets bieten jetzt eine Übersetzung des Librettos in sechs Sprachen an – Italienisch, Französisch, Russisch und Japanisch sowie natürlich Englisch und Deutsch – ein Paar weitere kommen bald hinzu.

Zusätzliche Funktionen, die kurz vor Beginn der Vorstellung ausgeschalten werden, bieten Informationen über die Darstellung, kurze Inhaltsangaben und die Möglichkeit, sich für den Newsletter der Staatsoper anzumelden, etwas, das 1,500 Leute im ersten Monat gemacht haben. Filter ermöglichen, dass niemand vom Bildschirm seines Nachbarns gestört wird, während die Technologie es auch erlaubt, maßgeschneiderte Nachrichten zu den Bildschirmen einer beliebigen Anzahl an Sitzen zu senden, was erst kürzlich für einen Sponsor und dessen Gäste gemacht wurde.

Aber nichts davon wäre möglich, wenn sich die Staatsoper nicht dem momentanen Trend in der Opernwelt widersetzen würde. Während andere Häuser mit fallenden Zuschauerzahlen kämpfen, verkauft die Staatsoper über 99% ihrer Plätze, während die Stehplätze, die für nur €3 oder €4 erhältlich sind, wohl die erschwinglichsten Tickets der großen Opernbühnen der Welt bleiben.

Wiener Staatsoper © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Wiener Staatsoper
© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Meyer führt den Erfolg auf eine Reihe von Faktoren zurück. Er gibt zu, dass sein Planen zu gewissen Zeiten pragmatisch sein muss, und er nicht zu viele Risiken in den drei kniffligen Zeiträumen – September, Juni und während der Ballsaison – eingehen kann. Die einmalige Vielfalt des Repertoiresystems des Hauses bedeutet allerdings, dass er mehr Stars in jeder Saison verpflichten kann als Stagione Häuser. In einem besonders schlauen Zug, ist er außerdem vorsichtig, dass das Angebot des Hauses nie den Bedarf übersteigt: „Ich habe 50 Opern und zehn Ballettproduktionen am Spielplan, aber immer in kurzen Reihen. Ich will, dass sich die Leute darüber beschweren, dass es keine Karten mehr gibt, dass sie auf die Stehplätze gehen müssen.” Es ist wahrscheinlich wenig überraschend, dass sich Meyer für die Zukunft der Oper im Allgemeinen engagiert. Und er tut das Seinige, indem er sich sowohl Kinderopern und dem Aufbau eines starken Ensembles an jungen Sängern an der Staatsoper widmet, eine Aufgabe bei der seine Jury-Mitgliedschaft bei etlichen Gesangswettbewerben sicherlich hilft.

Und wie sieht seine eigene Zukunft aus, nachdem er 2020 die Staatsoper verlässt? Die Antwort ist bezeichnend entspannt und philosophisch. „I plane nichts”, sagt er. „Ich will meinem Nachfolger [momentaner Chef von Sony Classical, Bogdan Roščić] die Schlüssel zu einem Theater im bestmöglichen Zustand hinterlassen. Ich habe jedemenge Erfahrung und bin bereit für ein weiteres Abenteuer. Ich hoffe, das Schicksel hält ein weiteres Geschenk für mich bereit.”

 

Der Artikel wurde von der Wiener Staatsoper gesponsert.

 

Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.