„Ich habe mit Lohengrin wahnsinnig viele sehr schöne Erfahrungen gemacht”, erzählt Klaus Florian Vogt als wir uns zwischen den Proben an der Royal Opera in London treffen. Es ist zweifelsohne die Paraderolle des deutschen Tenors, die ihn an die bedeutendsten Opernhäuser der Welt gebracht hat. Für David Aldens Neuinszenierung von Richard Wagners romantischer Oper kehrt Vogt – nach Alwa in Lulu 2009 – nun auf die Opernbühne in Covent Garden zurück.

Klaus Florian Vogt in den Proben für <i>Lohengrin</i> © ROH | Clive Barda
Klaus Florian Vogt in den Proben für Lohengrin
© ROH | Clive Barda

Seine musikalische Karriere begann er als Hornist im Philharmonischen Staatsorchester Hamburg, doch der Drang nach einer künstlerischen Herausforderung und einer solistischen Karriere führten zu einem Gesangsstudium. Über Tamino in der Zauberflöte und unbekanntere, dramatischere Fächer wie Zemlinskys Es war einmal, kam Vogt zu Wagner und sein Rollendebüt als Lohengrin am Theater Erfurt brachte 2002 schließlich seinen Heldentenor-Durchbruch. „Ich hatte das große Glück, dass ich dann relativ schnell, nach vier Jahren, schon den ersten Lohengrin angeboten bekam und das waren auch gute Umstände. Ich hatte einen guten Dirigenten, eine relativ konventionelle Inszenierung und tolle Kollegen. Es war einfach ein sehr gutes Gefüge und da habe ich auch gleich gemerkt, dass mir Wagner sehr liegt und mich das auch sehr anspricht.”

Vogts Timbre und leicht lyrische Stimme machen ihn zu einem prädestinierten Lohengrin und lassen ihn seine eigene Persönlichkeit auch in andere Wagner-Rollen bringen. Doch was zeichnen diese Rollen für Vogt aus? Was macht Wagner zu einer solchen Faszination? „Mich hat es gereizt, dass diese Partien eben schwer sind, dass es Heldenfiguren sind, und das tut es immer noch. Dazu kommt natürlich, dass diese Musik Wagners eine unglaubliche Tiefe hat. Sie erschöpft sich nie, sondern man entdeckt immer wieder neue Farben, neue Ausdrucksmöglichkeiten. Auch in den Figuren steckt so viel. Sie sind so vielseitig beleuchtbar, dass es nie langweilig wird sie auszuprobieren. Auch wenn ich jetzt schon häufiger Lohengrin gesungen habe, gibt es immer wieder neue Farben die man da entdecken kann und das ist das Schöne an der Musik.”

Über die Jahre hat Vogt so einige Erinnerungen an Lohengrin-Inszenierungen gesammelt, eine ganz besondere in Bayreuth mit Hans Neuenfels, die er als „sehr wichtig und schön” beschreibt. Und es war auch bei diesem Bayreuther Lohengrin, dass Vogt das erste Mal mit Andris Nelsons, der auch die Vorstellungen in London dirigieren wird, zusammenarbeitete. „Ich bin damals [für den erkrankten Jonas Kaufmann] eingesprungen, ohne Probe quasi. Also wir haben uns wirklich in dem Aufführungsmoment das erste Mal gesehen und es hat sofort funktioniert. Wir haben uns von Anfang an blind verstanden. Ich glaube das kommt daher, weil Andris’ Herangehensweise an die Musik total vom Herzen kommt, von der emotionalen Seite, und das ist auch die Richtung, aus der ich die Musik sehe. Musik muss, soll berühren und hat sehr viel mit Intuition und dem Zusammenwirken von ganz vielen verschiedenen Faktoren zu tun. Andris vertraut darauf, genauso wie ich, dass in dem Moment Musik eben passiert und nicht so wahnsinnig viel im Voraus geplant werden kann. Das ist das Schöne und das macht es auch zum Abenteuer. Man weiß nie, was an diesem Abend, in diesem Moment, wohl passieren wird.”

Jennifer Davis (Elsa) und Klaus Florian Vogt (Lohengrin) in David Aldens Inszenierung © ROH | Clive Barda
Jennifer Davis (Elsa) und Klaus Florian Vogt (Lohengrin) in David Aldens Inszenierung
© ROH | Clive Barda

Gerade bei modernen Inszenierungen ist es Vogt wichtig, dass die Figuren vom Regisseur treu dargestellt werden. „Es gibt manchmal bestimmte Wesenszüge, die vielleicht, in meinen Augen, zu einer Figur nicht so gut passen. Als Sänger muss man das überzeugend darstellen und auch empfinden können, sonst wäre es nicht glaubwürdig. Insofern kommt dann ein Punkt, wo man einfach [mit dem Regisseur] diskutieren und sich einigen muss.” Doch bei David Alden sollte dies kein Problem darstellen. „Die Zusammenarbeit macht großen Spaß. Es ist im Allgemeinen ein unheimlich nettes Team und es wird konzentriert gearbeitet. Ich habe ein gutes Gefühl, dass die Geschichte Lohengrins erzählt wird.”

Seine Elsa ist die junge irische Sopranistin Jennifer Davis, die für Kristine Opolais eingesprungen ist. Bereits als Mitglied des Jette Parker Young Artists Programms der Royal Opera hat sie in den vergangenen zwei Jahren für Begeisterung gesorgt und laut Vogt darf sich das Londoner Publikum auch auf ihre Elsa freuen. „Sie ist hervorragend vorbereitet und ich habe das Gefühl, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen”, schwärmt er. „Es ist wichtig, dass wir etwas finden, wo wir uns beide wohlfühlen. Als erfahrener Sänger muss ich ihr da nicht helfen, das weiß sie schon selber.”

Lohengrin ist eine geheimnisvolle Figur und auch wenn Vogt schon viele Fragen für sich beantworten konnte, tauchen immer wieder neue auf. „Lohengrin ist für mich ein von Grund auf ehrlicher Typ, der sehr gerechtigkeitsbewusst und gerechtigkeitsliebend ist. Er setzt eine Art Vertrauen voraus, auf das man sich nicht einigen muss – entweder es funktioniert auf einer Vertrauensbasis oder eben nicht. Deshalb ist auch diese Tragödie so groß, weil er in dieser Beziehung so enttäuscht wird und weil er erkennt, dass die Welt eine andere ist als die, die er sich wünscht oder auch kennt. Aber wo kommt er her? Weiß er, was ihn erwartet? Wurde er von jemandem geschickt? Hat er vorher sozusagen eine Einweisung bekommen, was er tun soll? Ist das das erste Mal, dass er einen solchen Auftrag hat? Und diese Fragen versucht man eben, bei einer solchen Inszenierungsarbeit für sich selber zu beantworten. Und das ist einfach ein Prozess, der dauert ein bisschen.”

David Aldens <i>Lohengrin</i> © ROH | Clive Barda
David Aldens Lohengrin
© ROH | Clive Barda

„Es gibt wahnsinnig vielschichtige und deshalb auch immer wieder neue Antworten und neue Anforderungen”, erklärt Vogt. „Der eine Regisseur sieht die Figur vielleicht ganz anders oder ein anderer legt mehr Wert auf einen bestimmten Charakterzug oder einen Wesenszug. Insofern verändert sich die Farbe einer solchen Figur und das macht es interessant. Das nimmt man auch mit in die nächste Inszenierung.”

Man sieht und spürt Vogts Begeisterung für Wagner – insbesondere für Lohengrin – und selbst nach Jahren und zahlreichen Inszenierungen, hat diese noch nicht nachgelassen. „Das geht gleich los mit den ersten Tönen und zieht sich durch bis zum Schluss. Die Gralserzählung ist natürlich ein Höhepunkt, auf den ich besonders hinsteuere. Aber ich möchte fast sagen, dass ich alle Stellen, alle Phrasen mit den unterschiedlichen Anforderungen liebe und versuche, das zu erfüllen, was man sich selbst darunter vorstellt.”

Siegmund, Stolzing, Parsifal, Tannhäuser – Lohengrin ist bei weitem nicht die einzige Wagnerpartie Vogts und er weiß ganz genau, wann es an der Zeit ist, eine neue Rolle anzupacken. „Natürlich ergänzen sich alle gegenseitig. Man kann von anderen Figuren wieder Farben und andere Sichtweisen in die Figur des Lohengrins mit reinnehmen. Meine Stimme sagt mir, wann es soweit ist. Deshalb habe ich zum Beispiel mit Tannhäuser sehr lange gewartet und es war, glaube ich, der richtige Zeitpunkt. Inzwischen denke ich, es könnte jetzt auch nochmal einen Schritt weitergehen.” Ich denke hier sofort an Siegfried oder Tristan. „Der Ring hat mich natürlich total fasziniert, gerade als Hornist sind auch da die Anforderungen hoch. Zunächst mal war da mein Fokus mehr auf Siegmund, den ich inzwischen schon öfter auf der Bühne darstellen konnte. Jetzt gehen die Gedanken mehr Richtung Siegfried. Und natürlich auch Tristan.”