Er stemmte im Juni 2003 im Wiener Konzerthaus einen beispiellosen Kraftakt: Rudolf Buchbinder spielte alle fünf Beethoven-Konzerte in der Früh und am Nachmittag eines einzigen Tages! Acht Jahre später gönnte er sich für dieses Projekt im Musikverein, bei dem er die Wiener Philharmoniker auch dirigierte, zumindest eine Nacht zwischen den beiden Blöcken. Er ist eine Institution in Sachen Beethovenscher Klaviermusik; im Münchner Gasteig wurde er nun im symphonischen Konzert der Münchner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev begeistert begrüßt.

Rudolf Buchbinder © Philipp Horak
Rudolf Buchbinder
© Philipp Horak

In Beethovens Drittem Klavierkonzert c-Moll ließen Gergiev und seine Musiker, in großer symphonischer Besetzung aufgestellt, mit einer sehr zügigen, fein modellierten Einleitung aufhorchen: das Con brio wurde sehr wörtlich nicht als Tempovorgabe verstanden, sondern im Sinn einer inneren Energieaufladung. Gergiev und Buchbinder steigerten dadurch die musikalische Ausdruckskraft im bewusst ausgespielten Gegensatz von Orchester und Soloinstrument, wie er schon durch Beethovens musikalische Themenverarbeitung aufleuchtet. Buchbinders Spiel drückte Natürlichkeit aus, war herzerfrischend spontan, suchte immer wieder den Blickkontakt zu den Orchestermusikern; sein Beethoven klang ebenso jugendlich wie reif. In der großen Kadenz stand die Titanenpranke am Anfang, fand Buchbinder berührende Augenblicke des Traumverlorenen neben frischen Rokokotrillern, wurde er am Ende von seidigen Streichern in lächelndem Dialog weich aufgefangen.

Auch im Largo stand nicht weihevolles Schreiten im Vordergrund, sondern duftig pointiertes Spiel voll von poetischem Schimmer, dem immer wieder eine kammermusikalisch betörende Feinabstimmung mit den Instrumentalisten gelang: herrlich die Dialoge mit der Soloflöte (Herman van Kogelenberg) oder der Klarinettistin (Alexandra Gruber). Beethovens bärbeißigen Witz versprühten die Partner im abschließenden Rondo, das, nach C-Dur gewendet, zwischen Solist und Orchester wie im Ballsport hin- und hergespielt wurde und durch entlegene Tonarten getrieben und rhythmische Vermummungen variiert rastlos in den brillanten Schluss mündete. Da war kein weiter Weg zum ebenso rasanten Allegretto aus Beethovens Sturm-Sonate in der launigen Zugabe.

Mit Anton Bruckners Siebter Symphonie E-Dur gastierten Gergiev und die Münchner Philharmoniker im Oktober bereits in New Yorks Carnegie Hall. Und musizierten sie in der Stiftsbasilika St. Florian, in deren Untergeschoss Bruckners Sarkophag steht: eine Nähe, die jeden Musikenthusiasten im Innern besonders anrührt. So war es nicht verwunderlich, dass bei der Aufführung im Gasteig weihevolle Momente nicht weihrauchschwer daherkamen, sondern aus begeisternder Geschlossenheit und gelöster Selbstsicherheit in langer Bruckner-Tradition.

Auf dunkel schwebendem Tremolo der Streicher schwang sich das Hauptthema in der Violoncellogruppe in strahlende Höhe, zeigte eine unerschöpfliche Energie und geradezu heldenhafte Einstellung. Und bizarrerweise fühlte man sich an ein anderes Heldenmotiv erinnert, das in diesem Herausfahren an Richard Strauss denken ließ. Ein Heldenleben Bruckners in der Kraft dieser unendlichen Melodie? Ein Held, der im Adagio sogar offen um sein Vorbild trauert und Empathie zeigt? Valery Gergiev ließ sich mit dem orchestralen Gesang des Hauptthemas viel Zeit, teilte das nicht enden wollende Crescendo klug ein, führte die nochmals verstärkten Philharmoniker zu gewaltiger Klangintensität. Dann war aber auch Raum da für die schwärmerischen Harmonien des zweiten Themas, von Oboen und Klarinetten in schmiegsamen Kantilenen dargeboten. Immer heller glühte der innige Gesang auf, bis das dritte Thema voll straffer Tatkraft wieder aus der Entrücktheit führte.

Nur wenige Orchester besitzen – wie die Philharmoniker – einen über 120 Jahre alten Satz von eng mensurierten Wagner-Tuben. Sehr langsam und feierlich, so überschrieb Bruckner sein Adagio in der Vorahnung von Wagners Tod, und hier beeindruckten sie mit der nachthaften Tiefe des Nibelungenmusik als ergreifend gesungenen Abschied von Wagner, wie im frommen Wissen um dessen ewiges Weiterwirken. Und Gergiev hatte sich für Beckenschlag und Triangelklingeln entschieden, die wie ein gleißender Lichtblitz die Szene erhellten.

Nach dem heiligen Frieden der Trauermusik führte das Scherzo mit spukhafter Hitzigkeit und herausfordernden Trompetenstößen wieder ins geschäftige Diesseits, dem auch das Trio kaum eine Atempause verschaffen konnte. Mit unverminderter Energie und Gestaltungswillen fächerten Gergievs Philharmoniker Bruckners kontrapunktisches Meisterwerk auf im bewegten Finale, wenn sich Motive und Themen der vorigen Sätze zu einem synchronen Höhepunkt aufeinander schichteten.

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