Wenn Herbert Blomstedt Bruckner dirigiert, dann habe ich stets den Wunsch danach verspürt, dass der seinerzeit so vielgeschmähte Komponist selbst im Saal als Zuhörer säße, um zu erleben, wie das gelingen kann, was in Wien um 1875 ganz unmöglich gewesen ist. Blomstedts jüngste Interpretation der Fünften Symphonie Bruckners mit den Berliner Philharmonikern war von jenem Zusammenwirken aus Hingabe und Kompetenz getragen, die in jedem seiner Konzerte die Hörer beglückt. Sie strahlte vom ersten bis zum letzten Takt das feste Vertrauen in ihr Gelingen aus, was sich insofern gut mit Bruckners Zuversicht verbinden konnte, als dieser in dieser Symphonie eine Geschlossenheit zu gestalten vermochte, die ihre Vorgängerinnen so nicht aufweisen.

Herbert Blomstedt
© Monika Rittershaus

Blomstedt brachte eine Fünfte zu Gehör, in der deutlich wurde dass Bruckner nicht allein kraftvolle Musik komponierte, mit der er sich nach eigenen Worten der „Schwäche der gegenwärtigen Weltlage“ entgegenstellte, sondern als ein Zauberer und Verwandlungskünstler das Entfernteste so zusammenbrachte und vermischte, wie dies vor ihm so niemand zu tun sich getraute. Und dank seiner Verbindung aus gestalterischem Scharfsinn und lebendiger Musizierlust ist Blomstedt der kongeniale Bruckner-Dirigent dieser Zeit. Seine Erfahrenheit mit dieser Partitur ließ ihn stets genau die Motive hervorheben, deren Entfaltung den Zusammenhang in dieser Partitur gewährt. Das Orchester ist mittlerweile so vertraut mit ihm, dass schon eine kleine Bewegung Blomstedts genügte, um die Basstöne im Choral hervortreten zu lassen, der im „Portal vor der Symphonie“ erklang. In diese Töne ist der Keim gelegt, der im Choral des Finales zur Blüte kommt und das Werk schließlich krönt. Das Hauptthema des ersten Satzes, in dem diese Töne in freier Umkehrung ertönen, hielten Dirigent und die Philharmoniker so in der Schwebe, dass ihm Festigkeit erst allmählich zuwachsen konnte, bis es in der Coda auf seine diatonischen Wurzeln gebracht wurde.

Im Adagio war der lange Atem zu bewundern, mit dem Blomstedt und das Orchester die unendliche Melodie des zweiten Themas auskosteten, in der Bruckner mit seiner alchemistischen Kunst die Harmonik von 200 Jahren Musikgeschichte zu vereinigen wusste.

Herbert Blomstedt dirigiert die Berliner Philharmoniker
© Monika Rittershaus

Der für Bruckner so charakteristische Höhepunkt eines jeden langsamen Satzes ist in diesem nur angedeutet und wurde in dieser Aufführung darum auch nicht hervorgekehrt, sondern so, als hätten sich vor die strahlende aufgehende Sonne doch noch einmal eine dunkle Wolken gezogen. Im Scherzo schichteten die Instrumente einfache Motive übereinander. Vertrackte rhythmische Modelle arbeiten gegeneinander, stachelten die Orchestergruppen aber zu hoher Virtuosität, um sich gegenseitig vorwärts zu treiben.

Der Konzertsaal wurde zu einem Laboratorium, in dem während des Musizierens chemische Prozesse diagnostiziert wurden. Doch so allein konnten zu Beginn der Reprise die Themen so zusammenklingen, dass zwei heterogene Gestalten zu einem homogenen Gebilde zusammengewachsen waren, und dabei endlich zusammengefunden hat, was ursprünglich eins gewesen war. In der Coda erklangen die beiden Fugenthemen in Vergrößerung und nahmen das erste Thema des Kopfsatzes noch in ihren Bund auf. Was häufig zu gigantomanischer, mitunter bloß noch lärmenden Übersteigerung führt, war an diesem Abend die Erfüllung eines langen Weges, die Summe aller kompositorischen Anstrengungen. Die Vereinigung aller drei Themen in Vergrößerung erstrahlte nicht allein edel im Klang. Blomstedt und die Philharmoniker vermochten es, in dieser Coda zusammenzubringen, was zu Beginn des Werkes noch nebeneinander stand. In diesem Zusammenspiel schlug regelrecht Quantität in eine neue Qualität um; denn auf dem Gipfel an polyphoner Verdichtung wandelte sich alles zu reinem homophonen Klang.

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