Jedes Konzert in der Philharmonie leitete Claudio Abbado mit großer Leidenschaft und Begeisterung. Nachdem er als Nachfolger Herbert von Karajans die Berliner Philharmoniker von 1989 bis 2002 künstlerisch leitet, kam er auch nach dieser Zeit immer wieder als Gastdirigent des Orchesters nach Berlin. Seine Konzerte in der Berliner Philharmonie waren das Highlight jeder Spielsaison, und trotz gesundheitlicher Probleme wollte niemand so recht glauben, dass er nicht mehr nach Berlin kommen würde. Leider war es ihm nicht mehr möglich, das für den heutigen Abend eigentlich geplante Programm zu dirigieren; er verstarb am 20. Januar.

Zum Gedenken an diesen großen Mann wurde nun am selben Abend dieses Konzert veranstaltet, zu dessen Beginn die Bratschistin Naoko Shimizu eine weiße Rose auf das Dirigentenpult legte. Zu Beginn des ersten Stückes, der Zwischenaktmusik aus Schuberts Rosamunde, stand kein Dirigent auf der Bühne, die Berliner Philharmoniker musizierten allein – ein seltener Anblick. Die Musik der Philharmoniker strahlte sowohl Melancholie als auch Frieden aus, und nach dem Eröffnungsstück standen sie geschlossen auf für ein stilles Gebet. Ein Teil des Publikums spendete unmittelbar großen Applaus, der in dieser Situation jedoch ein wenig respektlos wirkte, da er diesen spirituellen und ergreifenden Moment jäh beendete. Hier wäre vielleicht eine kleine Ansprache des Orchesters vorweg notwendig gewesen, um auf das gemeinsame stille Gedenken vorzubereiten, denn nicht nur für das Orchester, auch für das Publikum ist der Tod des so beliebten Dirigenten ein schmerzlicher Verlust.

Weiterhin ohne Dirigent spielte Frank Peter Zimmermann mit dem Orchester das Violinkonzert G-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart. Unter seiner musikalischen Führung erklang die Musik mit einer Heiterkeit, wie man sie in der Vergangenheit auch zusammen mit Abbado erlebt hatte, und blieb lebendig bis zum letzten Satz. Leider wurde der musikalische Verlauf bei jedem Satzwechsel abermals von Beifallsstürmen unterbrochen. Der Konzertmeister runzelte die Stirn und der Solo-Geiger lächelte bitter. Das Publikum benahm sich seltsam an diesem Tag: Einige Zuhörer verließen den Saal zwischen den Sätzen, ein Herr öffnete mit lautem Zischen eine Flasche Sprudelwasser, dauernd wurde gehustet, ein Handy klingelte laut - eine wenig passende Grundstimmung für ein solches Konzert.

Im zweiten Teil des Konzertes übernahm Chefdirigent Sir Simon Rattle die musikalische Leitung der Berliner Philharmoniker und besetzte somit das Dirigentenpodium wieder. Den Takt für die Symphonie Nr. 7 Anton Bruckners gab er geruhsam an, doch auch er vermochte das Publikum nicht vom Zwischenapplaus abzuhalten. Selbstverständlich sollte man die hohe Leistung der Musiker mit einem anerkennenden Beifall loben, aber manches Mal wäre es doch besser, den einer Komposition eigenen Fluss nicht damit zu unterbrechen. Trotz dieser kleinen Unterbrechungen aber erklang das 65-minütige Meisterwerk einwandfrei.

Das Gedenkkonzert für Claudio Abbado war etwas Besonderes für die Berliner Philharmoniker, denn es erinnerte an eine große Zeit des engagierte Berliner Orchesters. Friedlich und sympathisch sollte es sein, jedoch behandeln einige im Publikum das Orchester respektlos. Im Vergleich zu anderen Konzertsälen ist das Podium des großen Saals der Philharmonie als ein Mittelpunkt aufgebaut, um zwischen den Menschen und der Musik zu vermitteln. Anstelle einer Verbindung gab es an diesem Abend allerdings eher eine Kluft zwischen Menschen und Musik.

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