In Christoph Marthalers Eröffnungsinszenierung zur diesjährigen Ruhrtriennale hatte die Musik von jüdischen Komponisten aus Tschechien, Polen und Wien keinen leichten Stand gegenüber Texten, die an Urängste appellierender Hässlichkeit kaum zu überbieten waren. Es waren nicht nur antisemitische Parolen aus der Zeit unserer Großeltern, sondern neben fingierten Dokumenten von Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp auch wörtliche Zitate von Victor Orbán und Boris Johnson.

<i>Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend</i> © Matthias Horn | Ruhrtriennale 2019
Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend
© Matthias Horn | Ruhrtriennale 2019

Christoph Marthalers Inszenierungen bewegen sich an der Schnittstelle von Theater und Musik. Schon seit sechs Jahren arbeitet er an diesem Letzte Tage-Projekt, dass nach eigener Aussage von seiner Sorge über die Zerstörung der Demokratie in vielen europäischen Ländern geprägt ist. 2013 hatte Letzte Tage. Ein Vorabend im Wiener Parlament Premiere. Der Titel erinnert an das Mammutdrama von Karl Kraus, dass collageartig jüdische und wienerische Zitate und Anspielungen miteinander verbindet. Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend ist eine zweieinhalb stündige Kreation, in der sich sechs MusikerInnen und elf Schauspieler-SängerInnen mit Witz und kühner Perfektion die unmöglichsten Bälle zuwerfen, einander unterbrechen, ergänzen und zu individuellen Glanzleistungen anstacheln. Die letzte Stunde der Vorstellung kommt ohne gesprochenen Text aus und gleicht trotz der pantomimisch intervenierenden Schauspieler einem Konzert.

<i>Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend</i> © Matthias Horn | Ruhrtriennale 2019
Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend
© Matthias Horn | Ruhrtriennale 2019

Die aufgeführte Musik der Komponisten Schulhoff, Tansman, Ullmann und Haas war für das sechsköpfige Ensemble größtenteils vom musikalischen Leiter Uli Fussenegger bearbeitet worden. Das Orchester war dem Theresienstädter Lagerensemble und seiner sich ständig verändernden Besetzung nachempfunden. Die bearbeiteten Streichquartettsätze bekamen durch den weichen Klang des Klarinettisten Michele Marelli eine neue Dimension. Vor allem das Poco lento, sotenuto aus dem dritten Streichquartett von Szymon Laks war zwischen den drei Streichern, dem Holzbläser und dem Akkordeon ideal aufgeteilt. So gab es an diesem Abend einiges an beinah vergessener Musik zu entdecken. Luigi Nonos Tonbandkomposition Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz stand im Zentrum des Konzerts. Diese Komposition hörten sich auch die Musiker an, die dafür ihr kleines Podium am linken oberen Bühnenrand verließen und in den freien Sitzreihen Platz nahmen, die zum riesigen Bühnenraum gehörten, der ein europäisches Parlamentsplenum im Jahre 2144 darstellen sollte. Marthaler hatte seinen Musikern, wie auch seinen Schauspielern offene Münder und gestikulierende Hände choreografiert, die wie Übersprunghandlungen die Vorstellung des vertonten Grauens noch verstärkten.

<i>Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend</i> © Matthias Horn | Ruhrtriennale 2019
Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend
© Matthias Horn | Ruhrtriennale 2019

Besonders eindrucksvoll war die Ode an die Freude aus Beethovens Neunter Symphonie, die Bendix Dethleffsen sich selbst am Klavier begleitend kraftstrotzend intonierte und unendlich oft wiederholte. Immer wieder neue fremdenfeindliche Parolen seiner Schauspielerkollegen unterbrachen seinen Vortrag, so dass er nie weiter kam als „ Alle Menschen werden“. Auf ein Zeichen von Brüderlichkeit wartete das Publikum vergebens. Dafür sorgte die Musik. Bei Ernest Blochs erstem Satz Vidui aus der Baal-Shem Suite stand die hervorragende Geigerin Sophie Schafleitner ganz allein auf der riesigen Bühne des Audimax der Ruhr-Universität Bochum. Musik löst Erinnerungen aus und ich erinnerte mich plötzlich, dass ich an genau dieser Stelle vor über 40 Jahren den polnisch-jüdischen Weltklassegeiger Henryk Szeryng spielen sah. Ebenso ergreifend waren die zwei Lieder von Viktor Ullmann, der in Theresienstadt sogar noch seine letzte Oper vollendete bevor er ebenso wie Pavel Haas in Auschwitz ermordet wurde. Mit glasklarer unter die Haut gehender Stimme sang Mezzosopran Tora Augestad Die arme Seele aus den Geistlichen Liedern, Op.20 und Claire Vénus aus den Six Sonnets de Louize Labé.

<i>Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend</i> © Matthias Horn | Ruhrtriennale 2019
Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend
© Matthias Horn | Ruhrtriennale 2019

Dieser intensive Musiktheaterabend endete ebenso unhörbar wie er begann. Felix Mendelssohn-Bartholdys Wer bis ans Ende beharrt aus dem Elias wurde von allen Akteuren gemeinsam gesungen. Die Schauspieler waren dazu in lange dunkle Mäntel gehüllt und erinnerten an die Todesmärsche der KZ-Insassen vor nunmehr 75 Jahren. Noch lange nachdem die Sänger die Bühne verlassen hatten, konnte man den hinter den Kulissen weitersingenden Stimmen nachlauschen.

Musik sagt mehr als tausend Worte, aber kann sie Menschen auch zu Einsichten verhelfen? Oder wie es der polnische Komponist und Auschwitzüberlebende Szymon Laks formulierte: „Menschen, die Musik so sehr lieben, dass sie weinen können, wenn sie sie hören, können gleichzeitig derartige Grausamkeiten gegen den Rest der Menschheit begehen?“

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