In der Karajan-Akademie bilden die Berliner Philharmoniker ihren Orchesternachwuchs aus und mit entsprechend hohem Spielniveau kamen die MusikerInnen als Ensemble nach Hamburg in den Kleinen Saal der Elbphilharmonie, um unter der Leitung von Enno Poppe moderne Werke von Rebecca Saunders, Milica Djordjevic und von Poppe selbst zu spielen. Ich hatte vor dem Konzert keine Vorstellung davon, wie interessant und vielfältig dieses Abendprogramm werden würde.

Enno Poppe und die Karajan-Akademie © Daniel Dittus
Enno Poppe und die Karajan-Akademie
© Daniel Dittus

Den Anfang machte Cinnabar von Rebecca Saunders. Die in ihrem Kompositionsstil auf die aneinandergereihte Kombination von musikalischen Ist-Zuständen konzentrierte Wahl-Berlinerin hat mit dem Stück eine Betrachtung der Farbe Zinnoberrot geschaffen. Als Doppelkonzert für Violine und Trompete angelegt, kamen beide Instrumente gut in den Vordergrund und gestalteten diesen Vortrag mit viel Konzentration auf Details. Neben ihren eigenen Akzenten bewegten sich beide MusikerInnen ein ums andere mal hin zu gemeinsamen Timbres und übergaben sich innerhalb dieses Zweierkosmos die Melodielinien gegenseitig. Dieses zwischen den SolistInnen geschaffene Kontinuum ermöglichte beiden, ihre jeweils eigenen Umsetzungen zu spielen. So beeindruckte der Trompeter Markus Mayr mit sehr lange gehaltenen, und dabei sehr genau geformten Noten, während Ania Filochowska an der Violine mit akkurater und liebevoller Intonationskontrolle glänzte. Die Pianistin Marlene Heiss war hochkonzentriert, die vielen neuen Spieltechniken in den Saiten sehr ensembledienlich auszuführen, indem sie die einzelnen Klänge und Töne besonders gut in den Gesamtklang einpasste, oder gut mit der Orgel harmonierte. Dirigent Enno Poppe arbeitete am Pult akzentuiert, aber auch entspannt und lose zugleich. Mit puppenhaften Bewegungen leitete er das Ensemble durch einen besonders entspannten Vortrag, mit dem die Leichtigkeit von Cinnabar deutlich wurde. Lediglich das Durcheinander parallel erklingender Spieluhren zum Schluss wollte sich mir akustisch nicht so ganz zeigen.

Die Komponistin Milica Djordjevic wurde dann mit ihren beiden neuesten, von der Karajan-Akademie in Auftrag gegebenen Werken Transfixed und Transfixed’ präsentiert, gefolgt von ihrem bestehenden Stück Rdja. Schlagwerker, Pianistin und Bassist setzten gleich am Anfang von Transfixed ein lautes, tiefes Grollen in den Raum, das den Saal bedrohlich ausfüllte, um in der Folge als Klangereignis weiter zu bestehen. Darüber konnte die gedämpfte Trompete Solopunkte setzen, während die Streicher unterhalb des Stegs mit Feingefühl geräuschhafte Strichtechniken spielten. Insgesamt bildeten die Streicher in Djordjevics Werken immer eine gut verbundene Einheit, und lehnten sich sogar in einzelnen Spieltechniken aneinander an, vereinten lange Striche zu gemeinsamen Klangkooperationen. Dadurch verbildlichte das Ensemble in vielen Details die Kompositionswelt der ebenfalls in Berlin lebenden Komponistin, die sich oft mit Zeitzuständen beschäftigt, geht es zum Beispiel in Rdja um den Vorgang des Rostens, bei dem Zersetzung auch zu einem neuen Zustand führt.

Zu Beginn von Enno Poppes Ensemblewerk Koffer spielten sich zwei Kontrabassklarinetten und zwei Posaunen die Linien und Akzente zu, und schufen den Grundklang für den ganzen ersten Teil des Werkes. Laura Melero und Matthias Kessler am Schlagwerk legten dazu den perkussiven Klangteppich, und zeigten sich sehr genau im schnellen Wechsel der Instrumente und Einsätze, blieben dabei aber immer gut dosiert in der Dynamikgestaltung. Die Posaunen setzten mit deutlich ausgestalteten Anblasgeräuschen immer wieder unterhaltsame Akzente, während Streicher und Akkordeon mit guter Präsenz die unterschiedlichen Teile des Stückes klar zeichneten. Poppe dirigierte sein eigenes Stück nun mit jovialer Lockerheit, wobei er sich zeitweise auf Tanzbewegungen verlegte. Dass dies auch auf die MusikerInnen ausstrahlte erlebte das Publikum unter anderem bei der Cellistin Beata Antikainen, die die Willkür in ihren bisweilen arbiträr wirkenden Linien und Melodien mit eigener Körpersprache und Kopfwiegen unterstrich.

So präsentierten die MusikerInnen auch dieses sehr unterhaltsame Werk mit abwechslungsreichen Spannungsverläufen und boten insgesamt einen kurzweiligen Konzertabend.

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