„Mir fallen keine langen Melodien ein wie dem Mozart. Ich bringe es immer nur zu kurzen Themen. Aber was ich verstehe, ist dann so ein Thema zu wenden, zu paraphrasieren, aus ihm alles herauszuholen, was drinnen steckt, und ich glaube, das macht mir heute keiner nach.“ So zitiert Richard Strauss‘ prominenter Librettist Stefan Zweig den genialen Komponisten in Die Welt von Gestern. Treffender als Strauss selbst hätte man es nicht ausdrücken können. Diese bedingungslose Selbstkritik kommentiert Stefan Zweig an anderer Stelle mit großem Respekt folgendermaßen: „Mir sind viele große Künstler in meinem Leben begegnet; nie aber einer, der so abstrakt und unbeirrbar Objektivität gegen sich selbst zu bewahren wusste.“

Die schweigsame Frau, eine der letzten Opern von Richard Strauss, wurde am 25.09. in der Bayerischen Staatsoper in München aufgeführt. Obgleich oder vielleicht weil diese komische Oper tatsächlich nicht mehr an die kompositorische Qualität der Salome, Elektra oder des Rosenkavalier heranreicht, ist sie doch äußerst anspruchsvoll für alle beteiligten Künstler. Strauss‘ musikalische Einfälle sind selten nur gefällig, nie oberflächlich und verlangen stets höchste künstlerische Konzentration. Diese Konzentration brachten sowohl die Orchestermusiker als auch sämtliche Sängerinnen und Sänger perfekt auf den Punkt und holten aus dem musikalischen und erzählerischen Stoff zur großen Freude und Begeisterung des Publikums alles heraus. „Konzentration“ war auch das Leitmotiv des Regiekonzepts von Barrie Kosky, dem australischen Chefregisseur der Komischen Oper zu Berlin.  Als wolle er einen Kontrapunkt zu Richard Strauss‘ Musik setzen, die dem Hörer nur sehr selten abgeschlossene musikalische Bögen und Phrasen anbietet und rastlos von einem genialischen Einfall zum nächsten hastet, reduziert Kosky die Bühne auf ein großes Podest in der Mitte des Raumes.

Die Herausforderung, die dieses selbstgewählte räumliche Korsett auch für Personenregie und Licht darstellt, war der Zündfunke für viele weitere kreative Ideen; oftmals erzeugen ja gerade Hindernisse und Beschränkungen die größte Erfindungskraft. Um nur ein Beispiel zu nennen, wurde zu Beginn des dritten Aktes das Podest wie eine Hängebrücke vorne nach oben gezogen, während zeitgleich im Podest versteckte Goldmünzen auf Sir Morosus und Timida herab prasselten. Am Ende der schreiend komischen Eheszene - und folglich nach der Scheidung des unfreiwilligen Paares - wurde das Podest einfach wieder heruntergeklappt und alles war beim Alten, sehr zur Freude des alten Morosus. Bei all diesen feinsinnigen und nie ins Derbe abgleitenden Einfällen der Regie fiel auch eine witzige Referenz an die heutige TV-Massen(un)kultur nicht aus dem Rahmen. Wie bei „Germany’s next Topmodel“ erschienen nämlich die drei von Schneidebart vorgeführten Hochzeitsanwärterinnen jeweils mit einem Foto und einer kleinen Bewerbungsmappe vor Morosus, der dann ja bekanntermaßen die verkleidete Aminta zu seiner Gattin erwählt.

Die Rolle des Sir Morosus wurde von Franz Hawlata mit all seiner Erfahrung souverän und meisterlich ausgefüllt. Hawlata verstand es, diese Figur so differenziert darzustellen, wie sie eben ist. Morosus ist nämlich nicht nur ein kauziger Greis, sondern ein zeitweise depressiv-selbstkritischer Mensch, der in seinem Leben viel erfahren und durchgemacht hat. Dass Hawlatas Stimme manchmal einen etwas metallisch schleifenden Klang aufwies, störte nicht weiter, da er ansonsten eine tadellose schauspielerische und sängerische Leistung zeigte. Seine Haushälterin mimte Okka von der Damerau, die seit 2010 nicht umsonst festes Ensemblemitglied der Münchner Staatsoper ist. Sie überzeugte mit einer soliden Verkörperung der kratzbürstigen Magd, spielte sich zwar nie in den Vordergrund, ließ aber dennoch bei ihren kurzen Solopartien einen herrlich sonoren Mezzosopran/Alt erklingen. Der Barbier Schneidebart wurde vom Weißrussen Nikolay Borchev gegeben. Er begeisterte das Publikum nicht nur mit wunderbarer Sangeskunst, sondern auch mit wohldosierter schauspielerischer Komik und einem klar akzentuierten Parlando. Schneidebarts Rolle ist so essentiell für den Erzählstrang des Librettos wie die des Evangelisten in Oratorien. Borchev wurde diesem Anspruch vollends gerecht und erntete dafür wohlverdient Jubelrufe und donnernden Applaus.

Ähnlich großen Zuspruch erfuhr der Tenor Daniel Behle, der den Neffen des Kapitäns, Henry Morosus, fabelhaft lebensbejahend, schlitzohrig und gleichzeitig warmherzig interpretierte. Dabei half ihm sein sanft-weicher, lyrischer Tenor, dem man die geschmeidige Wendigkeit des ihm wohlvertrauten Liedgesangs anmerkt. Brenda Rae war eine fantastische Aminta, sanglich und darstellerisch hinreißend in ihrer Selbstbeherrschung, bei der man jederzeit das Brodeln des Vulkans spürt, bis er dann schließlich in der Hochzeitsnacht und der finalen Scheidungsszene ausbrach, so dass es nicht nur Sir Morosus den Atem verschlug. Auch alle anderen Sängerinnen und Sänger präsentierten eine überzeugend homogene und stets um das Gesamtkunstwerk bemühte Leistung, die den Abend zu einem rundum gelungenen Opernvergnügen machte. Dazu trugen auch die meist perfekt abgestimmten und vom Madrilenen Pedro Halffter souverän geführten Musiker des Bayerischen Staatsorchesters bei.

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