Der Komponist Agostino Steffani (1654-1728) fristet heute, auch dank des Engagements namhafter Künstler (etwa Bartoli, Jaroussky, Hengelbrock, Rovatkay), kein so verborgenes Dasein mehr wie noch vor einigen Jahren. Trotzdem findet sich das illustre italienische Universaltalent – neben seiner musikalischen Laufbahn in München, Hannover und Düsseldorf war Steffani u.a. Diplomat, Geheimagent und Kirchenfürst – noch immer viel zu selten auf den Spielplänen unserer Bühnen.

<i>Amor vien al destino</i>: Ensemble © Thomas M. Jauk | Staatsoper Berlin
Amor vien al destino: Ensemble
© Thomas M. Jauk | Staatsoper Berlin
Nun aber ist die Staatsoper Berlin das Wagnis eingegangen, Steffanis 1709 in Düsseldorf uraufgeführte Oper Amor vien dal destino durch die Akademie für Alte Musik Berlin unter der fachkundigen Leitung von René Jacobs im Schiller Theater für die Neuzeit erstmals wieder in Szene zu setzen (voraus ging dem nur eine konzertante Aufführung 1982 durch Newell Jenkens im Lincoln Center, New York).

Im Zentrum dieser Oper mit dem sprechenden Titel (dt: Die Liebe kommt vom Schicksal) steht, natürlich, die Liebe samt all ihrer Verwicklungen. Lavinia, Tochter des Latinerkönigs, soll Turno, den Herrscher der Rutuler, heiraten, bekommt aber am Hochzeitstag kalte Füße, weil ihr im Traum der attraktive unbekannte Enea erschienen ist. Von der heimlichen Liebe ihrer Schwester Giuturna zu Turno ahnt Lavinia nichts, ebenso wenig davon, dass Enea, der auch seinerseits von ihr geträumt hat, per Schiff schon zielstrebig auf die Küste Latiums zusteuert… Ganz zufällig passiert dies alles jedoch keineswegs: Ein Chor aus Göttern, der im 2. Teil der Ouvertüre plötzlich zu singen anhebt (nach dem Willen des Komponisten einen Moment bevor der Vorhang sich hebt – ein musikdramatisches Glanzstück, von Steffani sonst nur im „Henrico Leone“ verwendet), streitet über das Schicksal der Menschen, bis Jupiter (souverän: Rupert Enticknap) eine Entscheidung fällt…

Steffani, der intensiven Briefkontakt zu den großen Damen seiner Zeit pflegte, etwa zu der preußischen Königin Sophie Charlotte, inspirierte der Stoff seines Librettisten Ortensio Mauro nach Motiven aus Vergils Aeneis zu einem bemerkenswerten Werk, das sich durch die Originalität der Instrumentation ebenso auszeichnet wie durch experimentierfreudige Ansätze.

Konstantin Bühler (Amor) © Thomas M. Jauk | Staatsoper Berlin
Konstantin Bühler (Amor)
© Thomas M. Jauk | Staatsoper Berlin
Regisseur Ingo Kerkhof stellte in seiner geistreichen und witzigen Interpretation die „Ambivalenz von Zufälligkeit und Determination“ des menschlichen Schicksals in den Mittelpunkt. Dazu fügte er dem Sängerensemble als stumme Rolle den schlaksigen Struwelkopf Amor (grandios: Konstantin Bühler) bei, der zwar fast ununterbrochen auf der Bühne war, aber immer irgendwie Außenstehender blieb. Wo sein Kollege aus dem Elfenreich, Puck, in Shakespeares Sommernachtstraum aktiv seine Opfer mit Liebesblumensaft beträufelt, pflanzte dieser Amor lieber als Gärtner lange Ährenbüschel in den Boden der so einfachen wie überzeugenden Guckkastenbühne von Dirk Becker, die mit einem roten Samtvorhang das Geschehen einrahmte, bis irgendwann ein ganzes Kornfeld in den Himmel spross. Die Inszenierung war dabei niemals schwer, sondern stets beschwingt, oft gar zum Brüllen komisch. Und das Beste: Sie entsprach mitsamt den ästhetischen, hauptsächlich in cremigem Weiß gehaltenen, historisch inspirierten Kostümen (Stephan von Wedel), ganz der tiefgründigen Lebenslust und melancholischen Leichtigkeit von Steffanis kantabler Musik, deren Farbigkeit mit vielen, häufig zwischen Tutti und Solo variierenden orchesterakkompagnierten Arien und Instrumentalritornellen Dirigent René Jacobs durch eine enorm aufwendige Begleitung der Rezitative aus wechselnden Continuo-Instrumenten auch innerhalb einer Nummer (zur Auswahl standen u.a. Cembalo, Orgel, Theorbe, Laute, Fagott, Chalumeau, Kontrabass, Violoncello) noch zusätzlich unterstrich. Da in den Handschriften, nach denen der englische Steffani-Spezialist Colin Timms die Notenedition gefertigt hatte, die Ballettmusiken teilweise fehlen, ergänzte Jacobs diese für seine Bühnenversion aus anderen Werken, etwa aus Steffanis Einakter La Lotta d’Ercole con Acheloo.

Dass Steffani zudem die Kunstform des Duetts meisterlich beherrschte (neben seinen mind. 17 Musiktheaterwerken verfasste er über 80 Kammerduette), zeigen nicht nur die reinen Vokalpartien, sondern ebenso seine Dialoge zwischen Stimme und Solo-Instrument(en). Lavinia, verkörpert von der bildschönen Katarina Bradić, deren tiefdunkler Alt die inneren Konflikte der sensiblen Protagonistin wunderbar kolorierte, beginnt ihren Auftritt lediglich von einer Laute begleitet. Auch Robin Johannsen sang in ihrer Doppelrolle als Venus und Giuturna mehrere herausragende Nummern, wodurch sie alle Emotion und Technik ihrer geschliffenen Sopranstimme offenlegen konnte. Giuturna, halb wahnsinnig vor verbotener Liebe zu Turno, wiederholt dreimal ihre metaphorische Arie vom Steuermann. Besonders glänzend entfaltete sich Johannsens Ausdruckskraft in der Klagearie der Venus mit konzertierender Oboe im Prolog, bangend um das Schicksal ihres Sohnes Eneas. Dem barocken Heldentenor Jeremy Ovenden kullerten in dieser Rolle die Koloraturen wie gefiederte Perlen von den Lippen, so mühelos, so anmutig, dass es eine Lust war. Die zierliche Olivia Vermeulen (Turno ist im Original ein Sopran-Kastrat) bestrafte ihren Widersacher und ihre emotional verwirrte Verlobte mit wahrhaft teuflischen Kapriolen ihrer engelsgleichen Stimme, wofür sie von den Zuhörern wiederholt mit begeistertem Szenenapplaus belohnt wurde. Viel Beifall und Gelächter erntete auch das komische Paar, Lavinias aufreizende Amme Nicea (vom Tenor Mark Milhofer in bester buffo-Manier köstlich dargeboten) mitsamt ihrem wankelmütigen Verehrer Corebo (stimmlich und optisch ein Herzensbrecher: Gyula Orendt).

Rupert Enticknap, Katarina Bradić und Konstantin Bühler © Thomas M. Jauk | Staatsoper Berlin
Rupert Enticknap, Katarina Bradić und Konstantin Bühler
© Thomas M. Jauk | Staatsoper Berlin

Geradezu mystisch erschien dagegen die Traumsequenz, in der König Latino (Marcos Fink, dessen Bass sinnlich-facettenreich war wie würziger Rotwein) von der Geistererscheinung seines Vaters Fauno Anweisungen für die kommenden Zeiten erhält. Steffani, der die Oper bereits um 1690 in Hannover komponierte, bringt hier direkt auf der Bühne vier brandneue Instrumente zum Einsatz, nämlich Chalumeaux, Vorläufer der Klarinette, die damals gerade entwickelt wurden – Faunos Prophezeihungen für die Zukunft werden also von zukunftsweisenden Instrumenten begleitet – modern!  

Und nach der frenetisch umjubelten Premiere in Berlin sollte man sich nicht wundern, wenn der „Sant'Agostino della Musica“ (so ein zeitgenössischer Spitzname Steffanis) allmählich Kultstatus erreicht!