Wenn bei den Osterfestspielen Salzburg eine Oper von Richard Wagner auf dem Programm steht, bietet die Besetzung meist einen USP, einen Unique Selling Point, welcher der Aufführung einen besonders exklusiven Charakter verleiht: Ein Star der Opernszene, der eine Partie zunächst nur in Salzburg singt oder dort ein lange erwartetes Rollendebüt gibt. So waren etwa Anja Harteros’ erste und einzige Sieglinde, Jonas Kaufmanns heiß ersehnter Tannhäuser sowie Georg Zeppenfelds Rollendebüt als Hans Sachs Sternstunden in Salzburg, wie sie selbst die Bayreuther Festspiele nur selten bieten können und wofür das kultivierte Publikum bereitwillig etwas mehr für Opernkarten ausgibt.

<i>Das Rheingold</i> &copy; Frol Podlesnyi
Das Rheingold
© Frol Podlesnyi

Das diesjährige Rheingold wartete sogar mit gleich zwei solchen USPs auf: Zum einen verkörpert der renommierte Liedsänger Christian Gerhaher in Salzburg seinen wohl einzigen Wotan, zum anderen kehren die Berliner Philharmoniker nach 13 Jahren an die Salzach zurück. In Kombination mit ihrem Chefdirigenten Kirill Petrenko sind die Berliner derzeit begehrter als jedes andere Orchester der Welt. Dass er von Wagners Musikdramen geradezu besessen scheint, wurde in seinem Dirigat eindrucksvoll hörbar: In einem äußerst kompakten, dichten und fein austarierten Klangbild sowie mit zügigen Tempi legten er und das Orchester jede motivische Nuance frei und zogen das vor Anspannung auf der Stuhlkante sitzende Festspielpublikum vollkommen in ihren Bann. Mit schlagartigen Dynamikwechseln im geschlossenem Unisono wusste Petrenko die Partitur geradezu zu bezwingen und generierte so eine orchestrale Ausnahmeleistung, wie sie ihm wohl nur mit den Berliner Philharmonikern möglich scheint.

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Yajie Zhang (Wellgunde), Jess Dandy (Floßhilde) und Louise Foor (Woglinde) &copy; Frol Podlesnyi
Yajie Zhang (Wellgunde), Jess Dandy (Floßhilde) und Louise Foor (Woglinde)
© Frol Podlesnyi

Gerhaher gelang es, den Göttervater Wotan als ein ganz eigenes, in sich geschlossenes Kunstwerk zu gestalten. Es war ein Wotan fernab jeglicher autoritärer Wagner-Brüllerei: Ein reflektierender, sinnender Herrscher, jeder Silbe bewusst, der Einfluss und Führung in der Götterwelt nicht aus bloßer Machtgeste, sondern aus einem intellektuellen Selbstverständnis heraus ausübte. Gerhaher verfügt mit der makellosen Technik eines ganz großen Liedsängers über ein derart absolutes Rollenbewusstsein, dass auch sein Wotan in vollendeter Manier überzeugte, wenn auch seine Stimme über ein nicht allzu großes Volumen verfügt.

Leigh Melrose (Alberich) &copy; Frol Podlesnyi
Leigh Melrose (Alberich)
© Frol Podlesnyi

Gerhaher fügte sich ideal in das ihn umgebende Ensemble ein, für welches die Osterfestspiele ein beträchtliches Risiko eingingen. Um den Liedsänger versammelte sich ein nahezu ausschließlich aus weniger bekannten und weitgehend Wagner-unerfahrenen Sängerinnen und Sängern bestehender Cast, die ihre Partien entweder als Rollendebüts oder bislang lediglich auf kleineren Opernbühnen verkörpert hatten. Dieses Wagnis erwies sich jedoch als Coup: Ausnahmslos jede der zahlreichen Partien im Rheingold war exzellent, weit mehr als nur rollendeckend, mithin festspielwürdig besetzt.

Catriona Morison (Fricka) und Christian Gerhaher (Wotan) &copy; Frol Podlesnyi
Catriona Morison (Fricka) und Christian Gerhaher (Wotan)
© Frol Podlesnyi

Leigh Melroses Alberich war durch seine permanente Präsenz auch auf den Videoprojektionen beinahe die heimliche Hauptfigur des Abends. Seine Wirkung bezog er dabei weniger aus vokaler Schwärze oder dämonischer Bösartigkeit als aus einer klugen Phrasierungskunst und Rollengestaltung, die diesen Nachtalben in all seinen Facetten beinahe menschlich erscheinen ließ. Jasmin White verlieh der Erda mit satten Tiefen ihrer weich timbrierten Alt-Stimme eine eindrucksvoll natürliche Autorität.

Sarah Brady (Freia) &copy; Frol Podlesnyi
Sarah Brady (Freia)
© Frol Podlesnyi

Brenton Ryan erwies sich als szenisch überaus präsenter Loge, der mit charakterstarker, vielseitiger Tenorstimme und klug gestaltendem Spiel nachhaltig beeindruckte. Catriona Morison gab eine Fricka, deren klangvolle Stimme lyrisch und elegant anmutete, keineswegs herrisch, und deren Töne sie präzise setzte. Thomas Cilluffo sang einen pointierten Mime. Le Bu und Patrick Guetti gestalteten Fasolt und Fafner mit einer für diese Partien bemerkenswerten, selten zu hörenden Klangschönheit.

Le Bu (Fasolt) und Patrick Guetti (Fafner) &copy; Frol Podlesnyi
Le Bu (Fasolt) und Patrick Guetti (Fafner)
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Kirill Serebrennikov hat wie nur wenige Künstler Macht und Ohnmacht in einem autoritären Regime wie Russland am eigenen Leib erfahren. Umso bemerkenswerter ist, dass seine Inszenierung von Wagners Ring bewusst unpolitisch ausfällt und auf allzu direkte Bezüge zu gegenwärtigen Staatskrisen, Kriegen oder gesellschaftlichen Verwerfungen verzichtet.

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Brenton Ryan (Loge) und Christian Gerhaher (Wotan) &copy; Frol Podlesnyi
Brenton Ryan (Loge) und Christian Gerhaher (Wotan)
© Frol Podlesnyi

Stattdessen entfaltet Serebrennikov auf der Bühne der Felsenreitschule das rätselhaft Mystische und symbolisch Geheimnisvolle von Wagners Dichtung. Sein Rheingold setzt nach der Katastrophe ein: Das zerstörerische Finale der Götterdämmerung scheint hier bereits vorweggenommen. Die Bühne zeigt ein von Eis überzogenes, weitgehend abgestorbenes Afrika, während auf den Videoprojektionen ein nackter Alberich rastlos suchend durch eine isländisch-frostige Landschaft irrt. Die eigentliche Handlung der Oper wird dabei eher evoziert als erzählt.

Brenton Ryan (Loge), Georgy Kudrenko (Performer) und Leigh Melrose (Alberich) &copy; Frol Podlesnyi
Brenton Ryan (Loge), Georgy Kudrenko (Performer) und Leigh Melrose (Alberich)
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Sie wird aufgeladen mit spiritueller und religiöser Symbolik, doch selten eindeutig fixiert. Zahlreiche Tänzer, Statisten, Nebenhandlungen, Kostümwechsel und die nahezu unablässige Bewegung aller Beteiligten erschweren es, eine konkrete Aussage freizulegen. Serebrennikov setzt offenkundig auf kalkulierte Irritation; manches wirkt in seiner überdeutlichen Bildhaftigkeit unfreiwillig komisch, wie aus dem Disney-Musical The Lion King entlehnt. Und doch gelingen dem Regisseur immer wieder jene eigentümlich magischen Momente, in denen sich ahnen lässt, dass in diesem Bühnenkunstwerk weit mehr Essenz verborgen liegt, als sich auf den ersten Blick noch verschließt.

Thomas Cilluffo (Mime) und Brenton Ryan (Loge) &copy; Frol Podlesnyi
Thomas Cilluffo (Mime) und Brenton Ryan (Loge)
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„Weißt du, wie das wird?“, fragen die Nornen in der Götterdämmerung. An diesem Abend bleibt offen, ob Serebrennikov mit seiner überfrachteten, das Publikum bewusst überfordernden afrikanischen Symbolik das Fundament für ein großes Welttheater genialer Assoziationsräume gelegt hat – oder ob sein dekorativer Afrika-Kitsch am Ende doch nur als pseudo-intellektuelle kulturelle Aneignung erscheint. Ein Hingucker gut gemachter Bühnenkunst ist Serebrennikovs Ethno-Show allemal; fraglich bleibt jedoch, ob dies auf mehr als 16 Stunden Ring des Nibelungen zu tragen vermag.

Jasmin White (Erda) und Christian Gerhaher (Wotan) &copy; Frol Podlesnyi
Jasmin White (Erda) und Christian Gerhaher (Wotan)
© Frol Podlesnyi

Dieser Petrenko/Berliner-Philharmoniker-Ring wird bei den Osterfestspielen im kommenden Jahr mit der Walküre und einem weiteren exquisiten Rollendebüt fortgesetzt: Lise Davidsen, die derzeit wohl verheißungsvollste hochdramatische Sopranistin, wird in Salzburg ihre erste Brünnhilde verkörpern.

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