Bei seiner aktuellen Tour durch europäische Konzertsäle machte das City of Birmingham Symphony Orchestra unter der Leitung seiner Chefdirigentin Mirga Gražinytė-Tyla nun Halt im Grazer Stefaniensaal. Mit im Gepäck hatten die Reisenden dabei an diesem Abend Werke von Weinberg, Strawinsky und Tschaikowsky sowie Geigerin Patricia Kopatchinskaja.

Mirga Gražinytė-Tyla
© Benjamin Ealovega

Immer noch verhältnismäßig selten auf den Spielplänen von Konzertveranstaltern zu finden sind die Orchesterwerke von Mieczysław Weinberg, wobei der polnische Komponist in den letzten Saisonen zumindest in der Grazer Klassikszene doch zunehmend mehr in den Fokus gerückt wurde. Der erste Satz seiner Dritten Symphonie erinnert mit seinen episch anhebenden Eröffnungstakten an Filmmusik aus der goldenen Ära Hollywoods, bevor dunkel brodelnde Elemente überhand nehmen. Gražinytė-Tyla arbeitete diese Kontraste fein heraus, ließ das Orchester zunächst überbordend schwelgen und dann so mystisch glitzern wie ein Schloss im Mondlicht, bei dem man nie zu hundert Prozent sicher ist, ob es einem Märchen oder einem Albtraum entstammt. Neckisch tänzelten die Musiker danach durch das von volkstümlichen Melodien geprägte Scherzo, bevor insbesondere die Streicher mit lyrischer Poesie und warmem Klang die melancholische Weite des Adagio berückend schön interpretierten. Im finalen Satz hielt die Dirigentin ihr Orchester nochmals zu straffen Tempi und sich kontinuierlich steigernder Dynamik an, wodurch – ähnlich wie bei vielen Werken Schostakowitschs – das vom Komponisten intendierte überzeichnende, sarkastische Element der Musik besonders gut zur Geltung kam.

Über die Show, die Patricia Kopatchinskaja beim Spielen von Igor Strawinskys Violinkonzert abzieht – bestehend aus energischen Hüpfern, ausladender Gestik und heftiger Akrobatik der Gesichtsmuskeln – kann man geteilter Meinung sein, aber ihre Virtuosität ist unbestritten herausragend. Die Interpretation dieses neoklassizistischen Werks bestach dabei allerdings nicht primär nur durch die technische Perfektion, sondern vielmehr durch das Feingefühl der Solistin und die stets mitschwingende Freude an der bzw. Liebe zur Musik. Während sich das Orchester in der Begleitung nobel im Hintergrund hielt, entlockte Kopatschinskaja ihrem Instrument eine unendliche scheinende Vielfalt an Klangfarben sowie individuellen Charakter und ließ dabei auch die schwersten Passagen mühelos wirken.

Nach der Pause stand mit Tschaikowskys Symphonie Nr. 4 schließlich ein echter Klassiker des Repertoires am Programm; in den üppigen Klangwelten des ersten Satzes stachen die wie aus einer versunkenen Ferne gestalteten Piani sowie die sanft-süßlichen Dialoge zwischen Klarinette und Fagott bzw. Flöte besonders hervor und im Scherzo schufen die Musiker einen Klang, der so zart und fluffig wirkte, wie perfekt gebackene Macarons. Mit einem ziemlich harsch knallenden Fortissimo stellte die Dirigentin schließlich im abschließenden Finale sicher, dass auch wirklich das ganze Publikum wieder aufwachte, was angesichts des merklich abnehmenden Konzentrationslevels im Parkett durchaus angebracht war, denn verglichen mit dem ersten Teil des Konzertabends war die zweite Hälfte nicht wirklich packend. Hier fehlte es an Tiefgang und Seele – technisch gab es zwar nichts auszusetzen, aber die Interpretation von Gražinytė-Tyla wirkte zu glatt und der Weltschmerz über die Unausweichlichkeit des Schicksals erklang im Orchester stets zu kalkuliert, um ehrlich zu berühren und auf der Ebene des Gefühls nachhaltig Spuren zu hinterlassen.

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