Vieles ist schon gesagt und geschrieben worden über Daniel Barenboim und sein West-Eastern Divan Orchestra, das Projekt, das ihm am meisten am Herzen liegt, und welches er wohl als Krönung seines Lebenswerks ansieht. Ich kann nicht umhin, mich der Reihe der Kommentatoren anzuschließen: zu wichtig ist das Ziel, das der Pianist und Dirigent hier verfolgt.

Barenboim ist kein Politiker – er hat realisiert, dass im zerstrittenen Nahen Osten die einzige Lösung ist, kommenden Generationen aufzuzeigen, dass aufseiten aller Religionen und Volksgemeinschaften Menschen sind – Menschen mit Ängsten und Nöten, aber auch mit Hoffnung, mit der Fähigkeit zu Lebensfreude und friedlicher Gemeinschaft. Mit seinem Orchester erreicht er genau das, bringt junge Musiker der kommenden Generation aus allen Lagern der Region zusammen zu einem gemeinsamen Erlebnis; mit Zielen, die nur erreichbar sind, wenn alle am gleichen Strick ziehen. Dafür kann dem Altmeister nicht genug gedankt werden.

Daniel Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra © Lucerne Festival | Peter Fischli
Daniel Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra
© Lucerne Festival | Peter Fischli

Die erwähnte Geschichte des 1999 gegründeten, stattlichen Klangkörpers erklärt auch seine ungewöhnlich homogene altersmäßige Zusammensetzung – sämtlich in der gleichen Generation. Es handelt sich nicht um ein Berufsorchester im Sinne eines permanenten Orchesters mit festangestellten Musikern. Die Jugendlichen treffen sich jeweils im Sommer für eine vierwöchige Summer School in Sevilla, danach präsentiert sich das Ensemble auf internationaler Tournee, wie hier in Luzern. Trotz dieser zeitlichen Einschränkung erreichen die Aufführungen des Orchesters bewundernswertes, absolut professionelles Niveau, das der Weltspitze in vielem durchaus nahekommt. Darüber hinaus hat sich das Ensemble meines Erachtens ein ganz eigenes Klangbild erarbeitet, das sich durch Wärme, Lebendigkeit und Musikalität auszeichnet. Barenboim richtet sein Augenmerk auf den musikalischen Fluss, die Dynamik, die Kantilenen, die großen Bögen.

Strauss' Tondichtung Don Quixote präsentierte sich als Quasi-Cellokonzert, indem der erste Solocellist, Kian Soltani, als Verkörperung des Ritters von der traurigen Gestalt vorne auf dem Podium platziert war, sein Adlatus Sancho Pansa, primär in Gestalt der Bratschistin Miriam Manasherov, aus dem Orchester heraus spielte. Diese Divergenz war für mich etwas fragwürdig, zumal der äußerst offen und lebendig agierende Cellist engen Kontakt nicht nur mit dem Dirigenten, sondern auch mit den Kolleginnen und Kollegen im Orchester hielt. In Pausen schien er seine Pultnachbarin im Hintergrund zu ermuntern oder anzufeuern. Dass der Solist aus dem Orchester kommt war auch darin ersichtlich, dass er sich trotz exponierter Platzierung außerhalb von Soli sofort in den Gesamtklang des Orchesters integrierte. Barenboim vermied Tempo-Exzesse, aber ebenso auch den Eindruck einer halb-szenischen „Inszenierung“: er ließ die Musik, den Klangzauber von Strauss' meisterhafter Instrumentierung wirken. Vielleicht war gelegentlich das Orchester im Enthusiasmus etwas laut, drohte den weichem, warmem Ton des Solocellos zuzudecken. Zugabe: der ubiquitäre Schwan aus Saint-Saëns' Le carnaval des animaux.

Daniel Barenboim, Kian Soltani (Cello) und das West-Eastern Divan Orchestra © Lucerne Festival | Peter Fischli
Daniel Barenboim, Kian Soltani (Cello) und das West-Eastern Divan Orchestra
© Lucerne Festival | Peter Fischli

Die vier Sätze von Tchaikovskys Symphonie Nr. 5 ließ der durchweg auswendig dirigierende Barenboim allesamt attacca spielen – eine Herausforderung an das Durchhaltevermögen des Orchesters. Hier kam nun der Streicherklang besser zum Tragen als bei Strauss: im Gegensatz zur oft beobachteten Blechlastigkeit schienen die Streicher zu dominieren, die in den heftigen Ausbrüchen ein beachtliches Volumen entwickelten. Eindrücklich im langsamen Satz der dichte, intensive Klang der dunklen Melodie auf der G-Saite, das solide Fundament der 8 Kontrabässe. Zusammenspiel und die Präzision der Pizzicati waren untadelig, die Dynamik durchweg sorgfältig gestaltet. Nie aber glitt der Klang ins Pastose ab. Ausgezeichnet fand ich auch die Soli in den Holzbläsern (Flöte, Klarinette, Fagott). Im dritten Satz erfreuten die Walzer-Atmosphäre, das ausgezeichnete Spiel mit Dynamik und Agogik im Bereich der Motive, beispielsweise die kleinen Verzögerungen vor Schwerpunkten. Barenboim schonte seine Musiker nicht, ging bei den Sechzehntel-Läufen der Streicher (spiccato) an die Grenze. Im Finale schien mir das Blech eher weich im Ansatz, hätte durchaus mehr Fokus und Brillanz haben können. Etwaige Ermüdungserscheinungen betrafen jedenfalls nicht die durchweg ausgezeichneten Holzbläser. Erst im bewegenden, hinreißenden Schluss ließ sich das Blech wirklich aus der Reserve locken.

Auf den begeisterten Applaus hin spielten die Musiker zwei Zugaben: zuerst den Valse triste von Sibelius, dessen Melodien aus dem fast unhörbaren Pianissimo aufblühten und danach wieder in die Stille entschwanden. Als Kehraus kam schließlich nochmals Spielfreude auf, in Tschaikowskys Polonaise aus dem dritten Akt der Oper Eugen Onegin, bei der einige Streicher vor Elan fast vom Stuhl abhoben!

Noch im Applaus machte Barenboim deutlich, dass nicht er selbst im Zentrum stand, sondern das Orchester, vielmehr das Konzept des „Divan“, das gemeinsame Erleben der Jugendlichen, die einen sehr eindrücklichen, ja bewegenden Konzertabend gestaltet hatten.