Neben anderen tschechischen und deutschen Ensembles haben sich Collegium & Collegium Vocale 1704 dem Werk Jan Dismas Zelenkas mit dem patriotischen, historisch-würdigenden wie erfolgreichen Ziel verschrieben, den bei den Barockgrößen angesehenen und tonsprachlich einzigartigen böhmischen Kirchenkomponisten des Dresdner Hofs heute zu ehrerweisendem Ruhm zu verhelfen. Zum einen durch seinen Namen, der eben auf das erste kompositorische Lebenszeichen Zelenkas hinweist, zum anderen durch die Musikbrücke Prag-Dresden, den eigenen Konzertzyklus in beiden Städten, der 2008 entstand und stets ein Konzert zu Zelenkas Tauftag (16.10.) beinhaltet. 2008 erschien auch die erste gemeinsame mehrerer Zelenka-Aufnahmen aus Instrumental- und Vokalgruppe: Die Missa Motiva, Zelenkas größte Messe, 1739 vor den drei Missae ultimae (sechs hatte Zelenka geplant) geschrieben.

Mit ihr war auch ich seinerzeit erstmals auf die Musiker um Gründer Václav Luks aufmerksam geworden. Das Stück erlebte nun ein neuerliches Revival, zum Saisonauftakt, der gleichzeitig dem 90. Geburtstag des verstorbenen legendären ersten Präsidenten der freien Republik Tschechien, Václav Havel, gewidmet war, der mit der die Förderung weiterführenden Stiftung des Ehepaars Havel als ein Unterstützer der Ensembles fungierte. Persönliche Bedeutung hatte die Messe allen voran jedoch natürlich für den Urheber, dankte Zelenka damit gottesfürchtig für seine Genesung von einer ernsten Krankheit. Sowohl jenen Umstand als auch Zelenkas unverkennbaren, italienischen Stil mit allerhand (synkopen)rhythmischen, (deutsch)kontrapunktischen und melodischen Individualismen verdeutlichten Collegium & Collegium Vocale 1704 mit einem Tatendrang, der in bestimmungsgetreuer Vermächtnisausführung selbst infusorische Wunderwirkung beim Zuhörer hinterließ und die interpretatorische Anführerschaft der Ensembles in Sachen Leibkomponist Zelenka einmal mehr unterstrich.

Verlässlich beherzt in kontrastvollem Spiel von Ausdruck, Phrasierung und Dynamik ging das Orchester das erste Ritornell zum Kyrie eleison I an, dem Luks zugleich schon den liturgisch-strukturellen Bogen verlieh, der zur wiederkehrenden Umrahmung durch das messabschließende, ehrfürchtig-intensive Dona nobis pacem führt und den der einsatzenergische, absolut homogene Chor mit dramatisch-rhetorischer Klangkultiviertheit füllte. Mit bestechend klarem, dabei äußerst elegant und technisch sicher geführtem, kostbar-frischem Sopran Tereza Zimkovás über den scharf-wühlenden Streicherakkorden im Christe eleison tat sich Zelenkas ebenso affektgeschicktes Können in den Arien auf. Solche, die Zimková später im Benedictus mit ihrem sanften, leichtgängig und stilgenau in strahlende Aufgänge schraubenden Ton und Sopran Pavla Radostová im Qui tollis mit feurig-leidenschaftlichem und theatralischem Ausdruck sowie vollmundiger Farbigkeit, Ausstrahlung und Artikulation bedachten. Und die Tomáš Šelc im Quoniam tu solus sanctus mit einem sensationell locker aus sich strömenden, erhabenen, besonders pfiffig-lebensfeiernden, hellen Bariton, Mezzo Aneta Petrasová dagegen im Et incarnatus est in gediegener, souverän-zerfließender Herzensrührigkeit belegten.

Mit dem Gloria in excelsis Deo traten zudem die Soloeinspränkler aus dem Tutti für die obligatorischen Solo-Ripieno-Effekte hervor, unter denen sich in der beschriebenen grandiosen Riege angenehmer und höchst gewandter Tenor Ondřej Holub befand. Druckreif griffig wie verständlich sowie ernsthaft-beeindruckend geläufig und festlich verwandelten die Ensembles die Gloria-Sektion in ein Spektakel, in dem Zelenkas eben ganz persönlich formuliertes, aufreibend und kontrastblitzendes Gratias agimus tibi genauso bei Gott und dem Publikum in lebendiger Erinnerung blieb wie das ergreifende Qui sedes und das Cum sancto Spiritu II, bei dem sich Collegium & Collegium 1704 in ein spritziges Fugengetümmel warfen, das dennoch einen anmutigen Prachtcharakter wahrte. Wahnsinnig gut zudem das feierlich-glaubhafte Credo-Ordinarium mit schwörend-betörendem Impetus im Credo in unum Deum, dem astrein intervallgeschürften Crucifixus und dem Et resurrexit, das die ungeheuerliche wie tröstende Botschaft in überschwänglichen, emotionalen Extremen verkündete.
Versah Luks das Sanctus (Osanna in excelsis) mit lieblicher Strenge für die eingelagerten Überraschungen, atmete das Agnus Dei der Missa Votiva lobende Stärke und wertige Gnade – erhoffte Zeichen der wiederum eigenen Dankbarkeit für Zelenka und für die Fähigkeiten dessen phänomenalen Sichtbarmacher des Collegium & Collegium Vocale 1704.





















