Andere Kinder schreiben mit sechs Jahren krakelig ihren eigenen Namen, der kleine Richard Strauss bereits sein erstes Lied; sein letztes entstand knappe 80 Jahre später, einige Monate vor seinem Tod. Mehr als zwei Drittel seiner Lieder lassen sich allerdings auf die Jahre 1894 bis 1901 datieren. Strauss komponierte sie für seine Frau Pauline, eine international erfolgreiche Sopranistin, mit der er in dieser Zeit häufig gemeinsam auftrat. Aber wie komponiert man eigentlich im Laufe eines Lebens zusätzlich zu Orchesterwerken und Opern über 200 Lieder? Nun, laut Strauss ist das Rezept ganz simpel: „Ich nehme ein Gedichtbuch zur Hand, blättere es oberflächlich durch (...). Offenbar hatte sich da innerlich Musik angesammelt und zwar Musik ganz bestimmten Inhaltes – treffe ich nun da (...) auf ein dem Inhalt correspondierendes Gedicht, so ist das opus im Handumdrehen da.“ Die meisten seiner Lieder waren nicht nur im Handumdrehen da, sondern sind immer noch fixe Säulen des klassischen Repertoires. Umso schwerer ist es nun, nur zehn herauszupicken.

Richard Strauss © Wiki Commons
Richard Strauss
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1Im Abendrot (Eichendorff)

Es mutet doch ein bisschen kitschig an: Ein Komponist beendet sein Schaffen mit einem Liederzyklus, in dem er einen musikalischen und textlichen Bogen vom Lebensbeginn bis hin zum Lebensabend spannt. Dieser Mythos hat allerdings gleich mehrere Haken. Die Lieder waren von Strauss selbst weder als abgeschlossener Zyklus betrachtet worden noch als letzte Werke intendiert gewesen, den Titel Vier letzte Lieder wählte überhaupt erst sein Verleger Ernst Roth. Historische Fakten beiseite, der Tod hat wohl nie schöner geklungen als in Strauss Vertonung von Joseph von Eichendorffs Gedicht Im Abendrot – begleitet von berückenden Orchesterklängen, in denen der Komponist auch seine sinfonische Dichtung Tod und Verklärung zitiert, begeben sich die Seelen nach einem langen Lebensweg in das metaphorische Abendrot und entschweben schließlich in Form der Piccolo-Flöte während die Musik selbst sanft erlischt. 


2Morgen (Mackay)

Den eigenen Hochzeitstag vergessen, kein Geschenk parat und die Geschäfte sind geschlossen? Für einen Komponisten kein Problem: einfach vier Lieder komponieren und mit einer liebevollen Widmung versehen! „Meiner geliebten Pauline zum 10. September 1894 als Morgengabe” schrieb Richard Strauss unter die vier Lieder – CäcilieRuhe, meine SeeleMorgenHeimliche Aufforderung – die allesamt von einem Gefühl der Glückseligkeit getragen sind. Die Klavierstimme in Morgen besticht mit ihren Arpeggien, die die Harfe der orchestrierten Fassung vorwegnehmen, und schwelgt träumerisch in gebrochenen Akkorden. Das „stumme Schweigen“, das im Gedicht vorkommt, dürfte Strauss vor eine kompositorische Herausforderung gestellt haben, denn er wollte Schweigen vertonen, ohne die Musik verstummen zu lassen. Die letzten beiden Verse sind daher stark reduziert, die Arpeggien entfallen und die Gesangsstimme hält bei „Stumm werden wir uns in die Augen schauen“ inne.


3Allerseelen (Gilm)

Eines der schönsten, aber auch komplex zu deutenden, Lieder von Strauss ist zweifelsohne Allerseelen. Tot oder lebendig ist die zentrale Frage, die sich stellt. Bereits die ersten Verse „Stell auf den Tisch die duftenden Reseden, Die letzten roten Astern trag herbei“ geben allerdings einen Hinweis, denn sowohl Reseden als auch Astern sind traditionell Pflanzen, die Gräber schmücken und Symbole der Erinnerung sind. In der römisch-katholischen Lehre wird zu Allerseelen den Verstorbenen gedacht, deren Seelen an diesem Tag – „ein Tag ist ja den Toten frei“ – aufsteigen können. In Anbetracht der Tatsache, dass Richard Strauss katholisch sozialisiert wurde, liegt die Vermutung nahe, dass er das Gedicht auch vor diesem Hintergrund interpretierte und vertonte. Wie eine innige Rückschau erklingt nämlich die Klavierstimme in tröstendem Dur, die Gesangslinie scheint dabei vom Klavier begonnene Gedanken zu vollenden und stets überwiegt die Schönheit der Erinnerung über deren Schmerz.


4Meinem Kinde (Falke)

Sanft und anmutig umschweben Klavier und Stimme ein schlafendes Kind, hypnotisch wiederholt sich das Hauptthema des Liedes, das gerade in dieser Schlichtheit wunderschön ist. Das Motiv des Elternteils, der sich über das schlafende Kind beugt und es bewundert beschäftigte Strauss bereits während der Schwangerschaft seiner Frau, sodass Gustav Falkes Zeilen „Du schläfst und sachte neig ich mich über dein Bettchen“ wohl vorweggegriffen haben, wie stolz der Komponist später seinen Sohn Franz beim Schlafen beobachtete. Strauss verfolgte bei der Zusammenstellung seiner Lieder übrigens meist keine konsequente Zyklenform, so ist auch Meinem Kinde eines von sechs Liedern, die zwar gemeinsam veröffentlicht wurden, aber nicht durch einen inhaltlichen oder thematischen Rahmen verbunden sind. In der Aufführungspraxis hat es das Ehepaar Strauss jedoch gemeinsam mit dem Wiegenlied und Muttertändelei zu den sogenannten Mutterliedern, die später auch von Richard Strauss selbst orchestriert wurden, zusammengefasst.


5Wer lieben will, muss leiden (Mündel)

Der Dichter Curt Mündel sammelte in seinem Band Elsässische Volksweisen Überlieferungen von Volksliedern. Wer lieben will muss leiden erklingt bei Richard Strauss in tieftraurigem d-Moll und elegischer Klavierbegleitung während die Singstimme herrliche Bögen beisteuert. Wenn das lyrische Ich in der dritten Strophe von der „Allmacht Gottes“ spricht, erhebt sich die Gesangslinie in transzendente Sphären bevor die Stimme der Mutter „aus ihrer kühlen Gruft“ wie eine weit entfernte Verheißung schließlich im morendo erlischt und die Zuhörer ebenso alleine und verlassen zurücklässt.


6Kornblumen (Dahn)

Nichts für FeministInnen: Anhand der Haarfarben schloss der Dichter Felix Dahn auf den Charakter von Frauen, in seinem Gedichtzyklus Mädchenblumen beschrieb er die unterschiedlichen Frauentypen, die Strauss in Klang goss und dadurch die einzelnen Typen noch stärker herausarbeiten konnte. Die Kornblumen – also die Blondinen – erklingen als „die milden mit den blauen Augen“ in der Musik sanft und melodisch und „voll frommen Friedens und voll Milde“ schmiegt sich auch die Strauss Komposition innig um den Text. Ihr folgen die neckischen Mohnblumen, der melancholische Efeu und die mysteriöse Wasserrose – vier Lieder zum Genießen (während man die Texte als moderne Frau geflissentlich ignoriert).


7Du meines Herzens Krönelein (Dahn)

Schlichte Weisen, die ihm in einem Gedichtband von Felix Dahn ins Auge (und vermutlich auch ins Ohr) gefallen waren, vertonte Richard Strauss 1889. Während er in dieser Zeit insbesondere üppige sinfonische Dichtungen, wie etwa Don Juan und Tod und Verklärung, komponierte, wollte er diese fünf Lieder lediglich „mit ganz leichter Begleitung versehen“, wie er in Korrespondenz mit seinem Verleger ausführte. So schuf er mit den Schlichten Weisen einen lyrischen Gegenpol zu seinen anderen Werken, indem er den volkstümlichen Tonfall der Dichtungen bewusst unterstrich. Schmucklos und frei von virtuosen Mätzchen lobt das lyrische Ich in Du meines Herzens Krönelein seine bescheidene Liebe, die ist „als wie die Ros’ im Wald, sie weiß nichts von ihrer Blüte“, während die Klavierbegleitung sich ebenso in nobler Zurückhaltung übt. 


8Winterweihe (Henckell)

Glitzernder Schnee, friedliche Winterlandschaften und die Behaglichkeit einer warmen Tasse Tee vor dem Kamin – all diese inneren Bilder beschwört Strauss‘ Winterweihe schon in den ersten paar Takten herauf. Lyrisch und schwelgerisch bettet er den Gesang in die Begleitung ein, die insbesondere in der 1918 erstellten Orchesterfassung dank sanft eingesetzter Hörner ihre volle Wirkung entfalten kann. Die Gesangslinie schwingt sich dabei immer wieder erhaben auf, etwa in der Zeile „was uns mit innerm Licht erfüllt“, und verdeutlicht so die in sich gekehrte Poetik des Textes. Strauss selbst schien sich übrigens auch in seine Melodie verliebt zu haben, denn 30 Jahre später griff er sie im Liebesduett zwischen Arabella und Mandryka im zweiten Akt der Oper wieder auf.


9Frühlingsgedränge (Lenau)

Bei all den Texten von Tod, Trauer und Abschied, die er vertonte, könnte der Eindruck entstehen, dass Strauss keinen Lieder-Optimismus pflegte, aber hin und wieder kam ihm dann doch ein bisschen davon aus. 1891 muss der Frühling wohl besonders inspirierend gewesen sein, denn man kann durch die Musik die ersten warmen Frühlingssonnenstrahlen, das Aufblühen der Natur und das erwachende Zwitschern der Vögel nicht nur hören, sondern förmlich spüren. Von Lebensfreude und Frühlingsgefühlen angestachelt geben sich Klavier und Stimme schließlich ganz dem schwelgerischen Schwärmen der Verliebtheit hin; und vielleicht dachte der Komponist ja an Pauline de Ahna, die er zu diesem Zeitpunkt bereits kennengelernt hatte, als er die Textzeilen „daß ich im Herzen eingeschlossen (...) heimlich und selig ihr Bildnis trage“ vertonte.


10Notturno (Dehmel)

Richard Strauss komponierte den Großteil seiner Lieder für Sopran, da er mit Pauline de Ahna die ideale Interpretin stets an seiner Seite hatte und er Frauenstimmen ohnedies besonders liebte. Zwei Grosse Gesänge für tiefe Stimme mit Orchesterbegleitung bezeichnete der Komponist in einem Brief an seinen Vater jedoch explizit als Bariton-Lieder. Das vierzehn Minuten lange Notturno spielt mit dem Symbol des Geigenspielers als Verkörperung des Todes und der Mystik der Nacht. Der musikalische Gegensatz zwischen Leben (der Sänger) und Tod (die Geige) spiegelt sich in melancholischen Klängen wider. Während sich in Richard Dehmels Erscheinung die Handlung lediglich als Albtraum des lyrischen Ichs entpuppt, wählte Strauss eine pessimistischere Interpretation, indem er die letzte Textzeile strich – und damit wiederum den Dichter inspirierte, der für das Gedicht in späteren Niederschriften sowohl den von Strauss gewählten Titel als auch die gekürzte Textfassung verwendete.


An all jene Lieder, die es leider nicht in diese Liste geschafft haben: Ich liebe euch trotzdem!