Anders als manche Komponisten, deren dramatisches Gespür intellektuell erworben war, sog Carl Maria von Weber das Theater von Kindheit an geradezu auf. Er wurde 1786 in Eutin in eine Theater- und Musikerfamilie hineingeboren und wuchs inmitten von Opernensembles, Wandertheatergruppen und Bühnenhandwerk auf. Er verstand instinktiv, wie Musik Atmosphäre schaffen, Erzählungen gestalten und übernatürliche Welten heraufbeschwören konnte.

Carl Maria von Weber, Porträt von Ferdinand Schimon (1825) © Public domain
Carl Maria von Weber, Porträt von Ferdinand Schimon (1825)
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Sein heutiger Ruf beruht vor allem auf seiner Oper Der Freischütz, deren Wälder, volkstümliche Anklänge und dämonische Bildsprache eine deutsche romantische Operntradition begründeten, die den Grundstein für Richard Wagner legte. Als Kapellmeister in Dresden kämpfte er unermüdlich für die deutsche Oper gegen die Dominanz des italienischen Repertoires. Weber war aber auch ein herausragender Pianist, Dirigent und Orchestrator. Seine Kompositionen für Holzblasinstrumente – insbesondere für die Klarinette – waren außergewöhnlich. Aus seiner Freundschaft mit Heinrich Baermann gingen mehrere Perlen des Klarinettenrepertoires hervor.

In seinen Aufzeichnungen über Der Freischütz beschrieb Hector Berlioz, wie „sein wilder und fesselnder Duft mich berauschte“. Es überrascht kaum, dass Berlioz ein solcher Bewunderer war; beide Männer schlugen eine Brücke von der Klassik hinüber zur emotionalen Intensität, Farbenpracht und Erzählkunst der frühen Romantik. Berlioz komponierte sogar Rezitative für den Freischütz, um das Verbot gesprochener Texte an der Opéra de Paris zu umgehen, und orchestrierte Webers Klavierstück Aufforderung zum Tanz, um das obligatorische Ballett zu liefern.

Leider trafen sich die beiden gleichgesinnten Komponisten nie. Es gab 1826 eine flüchtige Beinahe-Begegnung, als Weber auf dem Weg nach London zur Uraufführung von Oberon in Covent Garden war – doch zu diesem Zeitpunkt hatte die Tuberkulose ihn zunehmend geschwächt, und er starb kurz nach der Uraufführung, noch in London, im Alter von nur 39 Jahren.

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1Der Freischütz

Der Freischütz war Webers Meisterwerk und eines der grundlegenden Werke der deutschen romantischen Oper. Inmitten von Wäldern, Jägern und übernatürlichem Schrecken folgt die Geschichte Max, einem Schützen, der durch einen Pakt mit dunklen Mächten dazu verführt wird, magische Kugeln zu gießen. Weber schafft mit seiner Partitur eine lebendige Atmosphäre: Ländliche Chöre, Jagdhörner und Volksmelodien stehen im Kontrast zu Musik von brennender psychologischer Spannung. Die berühmte Wolfsschluchtszene war revolutionär in ihrer orchestralen Gestaltung und nutzte gespenstische Harmonien und dramatische Tempi, um Alpträume und dämonische Rituale heraufzubeschwören.

[Um die komplette Wolfsschlucht aus der Verfilmung von Hunter's Bride zu sehen, klicken Sie hier]

2Klarinettenkonzert Nr. 1 f-Moll, Op.73

Weber’s Erstes Klarinettenkonzert (1811) zählt zu den großen Schätzen des Klarinettenrepertoires und wurde für den Virtuosen Heinrich Baermann komponiert. Weber nutzt die lyrische Wärme, die Beweglichkeit und die dramatischen Kontraste des Instruments mit außergewöhnlicher Fantasie. Der Eröffnungssatz verbindet opernhafte Intensität mit brillanten Passagen, während sich das Adagio wie eine zarte Arie entfaltet. Das überschwängliche Finale sprüht vor theatralischem Flair und stellt hohe technische Anforderungen. Webers Komposition erhob die Klarinette von einer orchestralen Farbe zu einer wahren Protagonistin der Romantik.

3Klarinettenquintett B-Dur, Op.34

Wieder einmal von Baermann inspiriert, zählt Webers Klarinettenquintett zu den schönsten Kammermusikwerken für Klarinette und Streicher und steht auf einer Stufe mit den Quintetten von Mozart und Brahms. Weber schafft einen Ausgleich zwischen virtuoser Brillanz und intimem Dialog, wobei die Klarinette oft mit opernhafter Ausdruckskraft singt und über den transparenten und eleganten Streicherteppichen schwebt. Dennoch übertönt die Klarinette nie das Streichquartett; stattdessen führt das Ensemble durchweg einen lebhaften Dialog. Das Quintett zeugt von Webers Begabung, Charme, technische Raffinesse und emotionale Wärme zu verbinden.

4Euryanthe

Euryanthe war Webers ambitionierteste Oper, auch wenn ihr verworrenes Libretto verhindert hat, dass sie an die Popularität von Der Freischütz heranreichen konnte. Hier verzichtete Weber auf gesprochene Dialoge zugunsten einer durchkomponierten Struktur, die Wagner unmittelbar beeinflusste. Seine Orchestrierung ist äußerst ausdrucksstark und vermittelt psychologische Zustände oft mit bemerkenswerter Feinheit. Die Ouvertüre wird nach wie vor besonders wegen ihrer mitreißenden Lyrik und ihrer dramatischen Geschlossenheit geschätzt.

5Konzertstück f-Moll, Op.79

Das Konzertstück f-Moll nimmt einen einzigartigen Platz zwischen Konzert und symphonischer Dichtung ein. In einem einzigen durchgehenden Satz erzählt es eine quasi-operhafte Geschichte von einer Dame, die auf die Rückkehr ihres Ritters aus den Kreuzzügen wartet. Weber komponiert für Klavier auf schillernde und zugleich höchst dramatische Weise und wechselt nahtlos zwischen Introspektion, Unruhe und triumphaler Feierlichkeit. Der Klaviersolist wird zum Geschichtenerzähler, der wechselnde Emotionen mit theatralischer Unmittelbarkeit und poetischer Fantasie zum Ausdruck bringt. Das Konzertstück nimmt spätere romantische Konzertstücke von Liszt und Chopin vorweg.

6Aufforderung zum Tanz, Op.65

Die Aufforderung zum Tanz – eines von Webers reizvollsten Klavierwerken – ist vor allem in der Orchesterfassung von Berlioz bekannt. Als musikalische Darstellung einer Begegnung auf dem Ball konzipiert, zeichnet es den Verlauf eines Tanzabends nach: Begrüßung, Aufforderung, Koketterie, Walzer und Abschied. Im Jahr 1911 verwendete Michail Fokin Berlioz’ Orchestrierung für ein neues Werk für Sergei Diaghilevs Ballets Russes mit dem Titel Le Spectre de la Rose. Dieses kurze Ballett schildert eine junge Frau, die von ihrem ersten Ball zurückkehrt und davon träumt, mit dem Geist der ihr geschenkten Rose zu tanzen.

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7Grand Duo Concertante, Op.48

Das Grand Duo Concertante, ein weiteres brillantes Klarinettenwerk Webers, das ebenfalls für Heinrich Baermann komponiert wurde, verbindet virtuose Darbietung mit einer echten Partnerschaft zwischen Klarinette und Klavier. Es entfaltet sich in einem fast konzertanten Rahmen und verlangt von beiden Interpreten außergewöhnliche Beweglichkeit und ausdrucksstarke Nuancen. Nach einem Eröffnungssatz voller dramatischer Kraft ist das zentrale Andante intim und zart. Das Finale sprüht vor Energie, geprägt von rasanten Dialogen und technischem Feuerwerk.

8Andante e Rondo ungarese, Op.35

Das 1813 komponierte Andante e Rondo ungarese für Fagott und Orchester ist ein virtuoses Meisterwerk, das lyrische Eleganz mit feuriger, ungarisch inspirierter Energie verbindet. Das Werk beginnt mit einem anmutigen Andante, das sich durch ausdrucksstarke Melodien auszeichnet, bevor das lebhafte Rondo ungarese dieser Introspektion mit schillernden technischen Passagen und rhythmischer Vitalität gegenübersetzt. Weber nutzt den großen Tonumfang und die Beweglichkeit des Fagotts und ermöglicht es dem Solisten, zwischen Wärme, Humor und Brillanz zu wechseln.

9Symphonie Nr. 1 C-Dur, Op.19

In seiner frühen Ersten Symphonie (1806) bewegte sich Weber noch im Rahmen der klassischen symphonischen Tradition und zeigte den Einfluss von Haydn und Beethoven, doch lassen sich bereits jene dramatischen Impulse erkennen, die seinen reifen Stil prägen sollten: kühne orchestrale Klangfarben, ein fantasievoller Einsatz der Holzblasinstrumente und theatralische Dynamik.

10Oberon

Weber’s letzte Oper, die er für London komponierte, basiert lose auf Märchen und mittelalterlicher Romantik und verbindet exotische Abenteuer, übernatürliche Fantasie und ritterlichen Heldentum. Das englische Libretto ist zwar schwach, doch Webers Musik enthält Passagen von außergewöhnlicher Erfindungsgabe. Schon die Ouvertüre ist ein Meisterwerk romantischer Orchesterkomposition und beginnt mit einem zauberhaften Hornruf, der eine verwunschene Welt heraufzubeschwören scheint. Es war eine Partitur, die Mendelssohn tief beeindruckte, dessen eigene Märchenmusik der leuchtenden Fantasie Webers viel zu verdanken hat.

Wer zwei Opernstars sucht, die Arien aus Oberon singen, ist bei Maria Callas und Jonas Kaufmann genau richtig (ja, wirklich!):


Hier finden Sie die kommenden Aufführungen von Carl Maria von Weber.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.