Politische Intrigen an exotischen Orten sind der Kern dreier Neuproduktionen der kommenden Spielzeit an der Deutschen Oper Berlin, angeführt von Meyerbeers selten inszenierter L’Africaine in Originalfassung, wie der Komponist sie unter dem Titel Vasco de Gama hinterließ.

Dietmar Schwarz, seit 2012 Direktor der Deutschen Oper, ist kein großer Fan von Themen, die sich durch die Spielzeit hindurch ziehen. „Wir sind ein Opernhaus mit 30 verschiedenen Titeln, und wir sind sehr stolz darauf, verschiedene Arten Musiktheater von älteren bis zu komplett neuen, experimentellen Produktionen anzubieten,“ erklärt er. „In der nächsten Spielzeit allerdings spielen wir mit Vasco de Gama, Aida und der Entführung aus dem Serail drei Opern mit sehr politischen Sujets. Für mich hat jedes Theaterstück, jede Oper etwas Politisches... und mit politisch meine ich, dass es etwas mit uns zu tun hat. In diesen drei Werken steckt etwas Politischeres als in anderen in Bezug auf die Art und Weise, wie man sein Leben, fremde Einflüsse oder Asylsuchende behandelt – ein Problem, dem sich unsere Gesellschaft heute gegenüber sieht, mit dem sie sich auseinandersetzen muss. Andererseits ist da auch die politische Situation von Liebe in Zeiten des Konflikts... auch eine Sache, die heutzutage Teil unseres Lebens ist.“

Meyerbeers Vasco de Gama ist Teil der Aufgabe, die sich das Haus gemacht hat, das Werk des in Berlin geborenen Komponisten in seiner Heimatstadt zu präsentieren. Im November gab die Deutsche Oper Dinorah konzertant mit Patrizia Ciofi, während ihre Hauptbühne geschlossen war, mit großem Erfolg. „War es die Oper? Die Besetzung? Die Tatsache, dass wir zu dieser Zeit nicht viel in Berlin gespielt haben? Wir waren beinahe ausverkauft, etwas, das für eine konzertante Aufführung einer unbekannten Oper sehr interessant war,“ sinniert Schwarz. In der Spielzeit 2016-17 wird es eine Neuproduktion der Hugenotten geben (ihr Vorgänger ist nun über 30 Jahre alt), gefolgt von Le prophète im Jahr darauf.

Warum aber bringt Regisseurin Vera Nemirova die Oper in Gestalt von Vasco de Gama auf die Bühne und nicht in ihrer bekannteren (und trotz allem vernachlässigten) Erscheinungsform L'Africaine? Schwarz erklärt, dass „die Originalfassung immer die war, die Meyerbeer wollte. Sie macht diese Oper interessant, wechselt beständig zwischen Chorbild und intimen Szenen. Wir finden, dass die Dramaturgie der Originalfassung spannender ist.“ Die Oper berichtet von fiktiven Ereignissen im Leben des Entdeckers Vasco da Gama, der behauptet, in den Indischen Inseln ein neues Land gefunden zu haben. Als Beweis für diese neue Rasse führt er Sélika und Nélusko an. Vasco gerät in Gefangenschaft, wo Sélika, die in Wahrheit eine Königin ist, ihn rettet. Nélusko hingegen ist auf dem Weg zu den Indischen Inseln und plant, die Europäer zu zerstören, einzig Vasco soll verschont werden. Im Glauben, dass Vasco sie betrogen hat, nimmt sich Sélika das Leben, indem sie den Duft der giftigen Blüten des Manchinelbaumes einatmet.

Meyerbeer hat etwa 20 Jahre lang an der Partitur gearbeitet und war 1864 im Begriff, sie ein weiteres Mal zu überarbeiten, als er starb. François-Joseph Fétis hatte die Erlaubnis, die Komposition zu bearbeiten, und es ist seine Fassung, in der die Oper L'Africaine – uraufgeführt 1865 im Salle le Peletier – üblicherweise gegeben wird. In Vasco de Gama sehen wir Meyerbeers Werk in unberührter Form, wie der Komponist es hinterließ. Fétis hat die Oper gekürzt und umgestellt und Sélika dadurch zu einer weit weniger interessanten Figur gemacht, der Tatsache zum Trotz, dass er die Oper nach ihr benannte.

Für eine Aufnahme von Vasco de Gama verwendete die Oper Chemnitz 2013 eine kritische Edition, die von Jürgen Schläder für Ricordi Berlin auf der Basis von Autographen aus Krakau und Berlin erstellt wurde, sowie Material aus Fétis' veröffentlichter Fassung. Das Autograph versetzt einen großen Teil der Handlung von Madagaskar (wo die überarbeitete Oper angesiedelt war) zurück nach Indien und unterstreicht dadurch Sélikas asiatische (nicht afrikanische) Wurzeln. Der „Schlager“ der Oper „O paradis“ wird dabei ins ursprünglich von Meyerbeer gesetzte „O doux climat“ zurückverwandelt.

Schwarz wurde vom Erfolg dieser Fassung inspiriert und hat eine hochkarätige Besetzung zusammengestellt, um Meyerbeers Werk gerecht zu werden: Roberto Alagna singt die Rolle des Vasco, während man Sophie Koch als indische Königin Sélika und Nino Machaidze als Vascos frühere Geliebte Inès hört.

Wenn Vasco de Gama also Gelegenheit bietet, große Szenen mit persönlicheren Konflikten aufzuwiegen, so gibt es doch keinen Vergleich zu Verdis Aida. Für viele Zuhörer geht es bei Aida um großes Spektakel; welche Aspekte des Dramas also wird Regisseur Benedikt von Peter in dieser Produktion hervorzuheben hoffen? Schwarz erklärt, dass es für den Regisseur besonders die intimen Szenen sind, die die Oper äußerst interessant machen. „Radamès fühlt sich in seiner Situation eingesperrt, gefangen in der Rolle des Kriegers, die er in der Gesellschaft spielen muss. Dann ist da dieser Traum von einer exotischen Frau – Aida – die ihm dabei helfen kann, diesen Druck loszuwerden – sie ist eine Flucht, eine Vision eines anderen Lebens.“ Er verrät auch, dass von Peter möchte, dass das Publikum die gewaltige Stärke des Chores fühlt, und platziert daher den Chor im Publikumsraum – mit freigehaltenen Plätzen im Saal – sodass die Öffentlichkeit in diese öffentlichen Szenen eintaucht. Das könnte ein ganz schönes Spektakel werden, besonders mit Tatiana Serjan in der Titelrolle!

Mozarts Entführung ist da ein schwierigeres Unterfangen. Wie geht ein Regisseur der Gegenwart mit einer Handlung um, die mit all ihren Verweisen zu Politik, Abstammung und Religion als sensibel gilt? Es wird Theaterregisseur Rodrigo Garcias erste Operninszenierung sein, doch er kennt jedes von Mozarts Bühnenwerken und freut sich auf die Herausforderung. Obwohl es bei der Entführung darum geht, dass Menschen verschiedener kultureller Hintergründe zusammen kommen, ist sie für Schwarz auch noch immer ein Rahmen für eine Liebesgeschichte. „Wie auch in Così fan tutte verhalten sich Menschen anders, wenn sie verliebt sind, und das gilt auch für die Entführung – ihr Kern ist das menschliche Element.“

In jeder Spielzeit legt das Haus den Schwerpunkt auf eine der „fünf Säulen unseres Repertoires an der Deutschen Oper,“ so Schwarz Nachdem das Haus 2014 die Feierlichkeiten zum 150. Jubiläum verpasste, fällt dieser Schwerpunkt nun in diesem Jahr auf Richard Strauss. Eine neue Produktion von Salome, inszeniert von Claus Guth, bildet das Zentrum der Saison, umrahmt mit Wiederaufnahmen von Die Liebe der Danae und Die Ägyptische Helena (beides Raritäten außerhalb Deutschlands), Elektra (mit der wunderbaren Evelyn Herlitzius) und Der Rosenkavalier, mit Anja Harteros als Marschallin. Das allein sind schon fünf gute Gründe für Strauss-Liebhaber, in der kommenden Spielzeit nach Berlin zu reisen.

Die neue Saison bietet zudem zeitgenössische Oper in Gestalt von Georg Friedrich Haas' Morgen und Abend, in Zusammenarbeit mit der Royal Opera, Covent Garden. Auch zeitgenössisches Musiktheater, beispielsweise Werke von Henze, Reimann oder Riehm, hat Tradition an der Deutschen Oper, und Dietmar Schwarz ist der Meinung, dass es an der Zeit ist, dass Haas' Werk in Berlin aufgeführt wird.

Mit so ansprechenden Neuproduktionen und einem Vielfalt an Wiederaufnahmen sollte die Deutsche Oper in der kommenden Spielzeit für jeden Opernfan auf dem Reiseplan stehen.

 

Dieser Artikel entstand im Auftrag der Deutschen Oper Berlin.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.