In den Monaten nach seinem Tod wurde Pierre Boulez' Einfluss oft an seinem Vermächtnis als erfolgreicher Komponist und kultureller Einflussnehmer mit beträchtlicher politischer Schlagkraft gemessen. Doch man kann der Musik nicht entziehen: der schallende Ruf einer schönen neuen Welt in den Nachkriegsjahren sowie ein anspruchsvolles Oeuvre im komplexen Dialog mit seinen musikalischen Zeitgenossen und Vorgängern.

Pierre-Laurent Aimard © Marco Borggreve | DG
Pierre-Laurent Aimard
© Marco Borggreve | DG

Das Musikfest Berlin präsentierte seine eigene „Hommage“ an Boulez mit seinen gesamten Klavierwerken, gespielt von Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich. Als Gründungsmitglied von Boulez' Ensemble Intercontemporain war Aimard regelmäßiger Kollaborateur und enger Freund des Komponisten; in den letzten Jahren war Stefanovich Aimards regelmäßige Duettpartnerin. Zusammen gaben sie ein umfangreiches biographisches Portrait des Komponisten, das bei einer Dauer von beinahe drei Stunden auch eine Marathonleistung war.

Wie bei jeder Biographie begannen wir am Anfang mit dem frühen Douze Notations, komponiert 1945, das den Einfluss Schönbergs, Debussys und Varèses trägt. Die Première Sonate entstand nur ein Jahr später, doch Aimard nannte sie Boulez von Anfang bis Ende. Irreguläres, sich wandelndes thematisches Material kollidiert mit brutaler Energie und vermittelte den Eindruck, dass uns der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Boulez begann noch im selben Jahr, an der Deuxième Sonate zu arbeiten; mit Beethovens Hammerklavier als strukturellem Vorbild spielen ihr durchdringendes erstes Thema und ihre ernste Natur auf die Wiener Klassik an.

Tamara Stefanovich © Marco Borggreve
Tamara Stefanovich
© Marco Borggreve

In der Troisième Sonate treffen wir Boulez in voller Reife an. Geschrieben Mitte der 1950er Jahre zeigt das Werk den andauernden Dialog des Komponisten zwischen Kontrolle und Freiheit. Der Großteil des Werkes ist streng entschlossen, doch in einem Satz überlässt Boulez es dem Interpreten, seine eigene musikalische Struktur zusammenzustückeln. Im Gegensatz zu John Cage, mit dem er eine kurzlebige Freundschaft pflegte, verwarf Boulez den Gedanken des absoluten „Zufalls“ und legt strikte Regeln fest für jeden möglichen Kurs, den ein Interpret in diesem Stück einschlagen könnte. Aimards Präzision und Luzidität passte zu dieser kompositionstechnischen Akribie.

Nach dieser Sonate komponierte Boulez erst Mitte der 1990er wieder für Klavier. Incises beweist seine virtuose Beherrschung instrumentaler Farben und nutzt ein unaufhörliches Tremolo als Ausgangspunkt für ein Spektrum klanglicher Möglichkeiten. Stefanovich verglich das Werk mit einem Radio mit verstellten Sendern, denn man hört das Hintergrundsummen verschiedener musikalischer Stile zur gleichen Zeit. Sie verlieh dem Werk eine Robustheit und Leidenschaft, die Boulez abschreckenden Ruf Lügen strafte. Sein letztes Werk für dieses Instrument, Une page d'ephéméride, ein kurzes Werk für junge Musiker, zeigte die erstaunlichen Effekte, die er mit einfachsten Mittel kreieren konnte.

Aimard und Stefanovich beschlossen ihr Portrait mit dem zweiten Buch von Structures pour deux pianos. Boulez' einziges Werk für Klavierduo, abgeschlossen in den frühen 1960ern, ist seine monumentale Errungenschaft für das Instrument und ebenso ein aufregender Akt der Interpretation und spontanen Erfindung. Das erste „Kapitel“ des Werkes war ein flüssiges, reaktives Duett, in dem Aimard und Stefanovich bemerkenswertes Zusammenspiel zeigten, das Stück in perfekter Synchronizität lebten und (physisch) atmeten. Im zweiten Kapitel lässt Boulez die Interpreten die Struktur im Moment schaffen und per Handgesten miteinander kommunizieren. Hier sahen wir aufregende musikalische Alchemie und einen faszinierenden Clash künstlerischer Temperamente, Aimards intellektuelle Intensität gegen Stefanovichs rohe Körperlichkeit. Am Ende des Werkes warf Stefanovich sich mit einer wilden Attacke der tiefen Lage ihres Instrumentes über die Ziellinie; Aimard tanzte behende hinter ihr ins Ziel. Es war ein magischer Moment, der uns Boulez' Leidenschaft und spitzbübischen Humor zeigte.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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