New Yorker strömten herein. Einige grummelten ob der flughafengleichen Check in-Prozedur (Taschen und Schuhe wurden am Eingang abgelegt). Im Inneren des Synod House von St John the Divine waren keine Stühle aufgestellt. Die Menge wurde animiert, sich irgendwo hinzusetzten, doch viele suchten Zuflucht am Rande des Saals. Als das Licht gedimmt war, kamen Stimmen aus jeder Richtung: „Selig sind, die da Leid tragen“. Die Frau, die sich unscheinbar neben mir zusammengerollt hatte, entpuppte sich als strahlender Sopran. Nur ein paar Meter hinter ihr saß eine gleichermaßen versteckte (und glänzende) Altistin. Die Mitglieder des Rundfunkchors Berlin hatten sich unter die bunte Besuchermeute gemischt. Das Resultat war fesselnd.

Marlis Petersen und Mitglieder des Rundfunkchores Berlin © Stephanie Berger
Marlis Petersen und Mitglieder des Rundfunkchores Berlin
© Stephanie Berger

Was „experimentelle“ Vorstellungen angeht, so war der Grundsatz für dieses Brahms-Requiem ziemlich einfach. Direktor Jochen Sandig hatte vor, „uns alle Brahms' Meisterwerk von innen sehen zu helfen und zusammen – Zuhörer wie Interpret – über die Bedeutung des Textes nachzudenken.“

Das Licht blieb gedimmt. Chormitglieder erhoben sich und kreisten im Raum. Manche umarmten sich. Nur die Ehrfurcht davor, solch unberührte Chortexturen zu hören, hielt mich davon ab, mitzusingen. Man konnte nirgendwo hinsehen als nach innen. Im Wunsch, Teil des Geschehens zu sein, kamen manche Hörer vom Rand des Saales zur Mitte. Weil die Sänger ohne Partitur sangen und gewöhnliche Straßenkleidung trugen, waren sie praktisch nicht vom Publikum zu unterscheiden. Zufällige Begegnungen folgen.

Die 60 Sänger wurden von Brahms' Klaviertranskription (arrangiert von Phillip Moll) begleitet. Obwohl die eine richtiggehende Symphonie zu vier Händen ist, behält der Klavierpart einen geisterhaften Charakter bei, der zu Anfang des zweiten Satzes am deutlichsten wird. Die Pianisten Angela Gassenhuber und Philip Mayers schlugen den richtigen Ton für den folgenden, ernsten Marsch an. Wo der Satz zu vierstimmiger Harmonie kristallisiert gingen die Sänger plötzlich nach Register geordnet zusammen. Sängerinnen trugen eine liegende Frau in weißem Kleid zur Bestattungszeremonie. Sasha Waltz' Choreographie schien wundersam mühelos. Sänger reichten jedem Zuhörer ein kleines Sitzkissen. Als die Menge sich zu Boden sinken ließ, flutete ein Lichtstrahl auf Konrad Jarnot für sein Solo.

Angela Gassenhuber und Philip Mayers © Stephanie Berger
Angela Gassenhuber und Philip Mayers
© Stephanie Berger

Jarnots Bariton war solide, wenn auch übermäßig stoisch. Doch seine Absicht diente der generellen Betonung der Gruppendynamik; er konzentrierte sich genauso auf seine Interaktion mit dem Chor wie seine eigene Interpretation. Sänger schritten durch den Raum, gingen um ein Meer zufällig verstreuter Körper herum als Spiegelbild der sich umschlingenden Linien der Chorfuge des Satzes.

Vor dem vierten Satz wurden einige übergroße Schaukeln aus dem Gebälk herabgelassen. Chormitglieder begannen, durch die Luft zu gleiten, scheinbar unbeeindruckt von der Möglichkeit eines Zusammenstoßes. Brahms nannte sein Werk ein „menschliches“ Requiem. Darin steht das Leben über dem Tod, der menschliche Geist über religiösem Glauben. Die Inszenierung dieses bestimmten Satzes brachte diese Ideen auf expressionistische Höhen. Die Sänger trotzten der Schwerkraft auf ihren Schaukeln und schufen sich ein Heim zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen. Die weißgekleidete Frau, die früher am Abend zur letzten Ruhe gebettet worden war, tauchte wieder auf. Sopranistin Marlis Petersen schwang sich üppig durch den solistischen Satz „Ihr habt nun Traurigkeit“. Ihr Ton war von himmlischer Perfektion.

Brahms' fünfter Satz (der der Partitur später hinzugefügt wurde) bietet eine tief befriedigende, strukturelle Symmetrie. Als die Berliner Sänger durch den Raum gingen und im vorletzten Satz wild nach einer „bleibenden Statt“ suchten, riefen sie die gepeinigte Qualität des zweiten Satzes wieder wach – und verstärkten sie. Ein paar flüchtige Momente des Exzesses zeichnete die Choreographie hier und ging auf Kosten der Musik. Die Sänger schienen aus dem Gleichgewicht, als sie auf das vereinende „O Tod, wo ist dein Stachel?“ zurasten.

Simon Halsey und Mitglieder des Rundfunkchores Berlin © Stephanie Berger
Simon Halsey und Mitglieder des Rundfunkchores Berlin
© Stephanie Berger

Das Tempo schien zu Beginn des letzten Satzes noch immer etwas übereilt. Dirigent Simon Halsey und sein Co-Dirigent Nicolas Fink sahen aus, als müssten sie eine ausgedehnte Armee bekämpfen, um die Geschwindigkeit zu drosseln. Dankenswerterweise half das markante, aufsteigende Vokalmotiv des Werkes, um diese Kraft um Zaum zu halten.

Es ist kein Leichtes, ein 70-minütiges Werk dieser Schwierigkeitsstufe auswendig zu singen. Das Ensemble hatte den Text eindeutig verinnerlicht (und Maestro Halsey formte beinahe jedes Wort mit, als er dirigierte). Es herrscht kein Mangel an Lob für die technischen Aspekte dieses Konzertes. Doch erstaunlicher noch war der Effekt, von menschlichen Stimmen umringt zu sein. Als „Selig sind die Toten“ zu Ende kam, saß ich Knie an Knie mit vollkommen Fremden und betrachtete die unterschiedlichen Gesichter der Berliner Radiochoristen. Ich konnte jeden im Raum gemeinsam atmen spüren.

Interpreten sprechen oft von ekstatischen Momenten. Doch die Ekstase reicht nicht immer über den Bühnenrand hinaus. Dieser Abend – die Eröffnung des White Light Festivals des Lincoln Centers – zeigte eine außergewöhnliche Leistung darin, diesen Graben zu überbrücken. Es fiel mir schwer, hinterher zu applaudieren und meine Schuhe anzuziehen. Ich wollte einfach nur das Stück noch einmal hören.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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