Als Bruckner dem Dirigenten seiner Wahl, Hermann Levi, 1887 die erste Fassung seiner Symphonie Nr. 8 präsentierte, lehnte der Maestro ab und das Werk wurde erst 1892 unter Hans Richter in Wien aufgeführt. Nach der Uraufführung behauptete der Kritiker Eduard Hanslick in der Wiener Neuen Freien Presse, dass Bruckners Achte Symphonie, unorganisiert und brutal, sich in schreckliche Länge zöge: „Es ist nicht unmöglich, dass diesem traumverwirrten Katzenjammer die Zukunft gehört – eine Zukunft, die wir nicht darum beneiden.“

Bernard Haitink und das Lucerne Festival Orchestra © Priska Ketterer
Bernard Haitink und das Lucerne Festival Orchestra
© Priska Ketterer

Es überrascht nicht, dass die Achte jüngst in Luzern einen gänzlich anderen Eindruck auf uns Konzertbesucher machte, denn Bernard Haitink und das Lucerne Festival Orchestra holten uns in beinahe demütiger Wertschätzung aus den Sitzen. Unter allen Bruckner-Symphonien ist die Achte diejenige, die Claudio Abbado nicht mit dem Lucerne Festival Orchestra, dessen Mitglieder eigens aus den besten Europäischen Orchestern ausgewählt werden, aufgeführt hat. In diesem Sinne war Haitinks Abschluss des Bruckner-Zyklus ein denkwürdiges Tribut.

Darüber hinaus feierten wir mit diesem Konzert Haitinks 50. Auftritt beim Lucerne Festival und insgesamt die Karriere und Engagement eines Künstlers, der zahllosen Musikern und Dirigenten der heutigen Generation Vorbild war. Während Haitinks Gang von der Bühnentür zum Podest mit fast 86 Jahren etwas bedächtiger ist und er sich gelegentlich auf einen hohen Hocker niederlässt, hat das Alter seine Kunst nur bedingt verändert. Sein Dirigat war immer sparsam, intuitiver als das vieler anderer. Seine Hände bewegen sich selten mehr als ein paar Zentimeter nach oben und unten; sitzt man direkt hinter ihm, sieht es manchmal so aus, als bewege er sie gar nicht. Und doch, wie einer der Orchestermusiker sagte, „macht er seine Absicht allein durch seine Anwesenheit deutlich. Er hat absolute Kontrolle, ohne kontrollieren zu müssen.“

Das geschmeidige Thema des Allegro moderato, hier gegeben in Leopold Nowaks Fassung (1972), war durchdrungen von Reinhold Friedrichs schöner Solotrompete. Im Kontrast dazu war Lucas Macias Navarros Oboe beinahe magisch in ihrer stillen Verhaltenheit. Von Anfang an streckte Haitink den Raum zwischen den Themen. Wenn auch nur Millisekunden lang, diese Pause unterstrich den Dualismus, der die gesamte Symphonie durchzieht – Dunkel zum Licht, nah zu fern, lärmend zu gedämpft.

Nach dem, was Musikkritiker Thomas May als „qualvolle harmonische Zweideutigkeit“ dieses ersten Satzes beschreibt, war das übersprudelnde Scherzo einfach mitreißend, nicht zuletzt wegen Chiara Tonellis brillant fröhlicher Flöte und etwas, das ich als „festliche Kakophonie“ gegen ein reiches Gewebe von Streichern und dem Einsatz der Harfen notiert habe. So engelsgleich wie sie sind war es schwer für mich, die Präsenz der Harfen nicht mit Anton Bruckners devoten Katholizismus gleichzusetzen, einer Überzeugung, die in seinem täglichen Leben so essentiell war, dass sie den Verlauf seines Lebens zu großen Teilen definierte.

Andere Dirigenten haben bei der Achten prominentere, wenn nicht bombastische Hörner verlangt. Hier wurde mir viel deutlicher die kraftvolle Substanz und die unglaublichen Nuancen in den Holzbläsern bewusst. Im Adagio bewegten sich die Musiker zuerst langsam, zögerlich gar, und auch die Harfe war prominent. Es gibt genügend romantische Materie in diesem Satz, um zwei Konzertsäle zu füllen, und Haitink gab uns eine traumgleiche Landschaft, ließ den Klang an- und abschwellen und rief gelegentlich sogar einen Effekt hervor, den man als Moonwalk hätte beschreiben können. Die Paukenwirbel waren so schnell, dass sie als Bienenflügel durchgehen konnten. Und während die Partitur wieder als Sammlung verschiedener musikalischer Pakete arrangiert war, zogen Haitinks elegante Machenschaften sie nahtlos zu einem perfekten Ganzen zusammen.

Im Finale übernahmen die Hörner die Führung und ein wirkliches Wechselbad an Tempi und Farben ergab eine einfach geniale Dynamik. Paukist Raymond Curfs Gesten, selbst wenn er seine Schlegel zwischen Schlägen in engem Winkel um seinen Körper hielt, machten seinen Beitrag in dieser Symphonie so theatralisch, wie ich es noch nicht „gesehen“ habe. Im Großen und Ganzen jedoch führte ein instrumentale Strang in den nächsten; alle Musiker genossen das Gewebe, dass sie unter den Händen des Maestro verwoben, sichtlich. Dank der Wirkung der vielen markanten Kontraste der Partitur war die liebliche Stimmung, die sich nach dem Frohmut der Hörner ausbreitete, beinahe himmlisch.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

*****