Hier, am östlichsten Ufers des Bodensees, ist eine schlichtweg atemberaubende Bühne im österreichischen See verankert. Zwei 10 Meter hohe Arme mit einer Baumstamm-großen Zigarette und riesige Spielkarten formen den Rahmen der Bühne; die Solisten und Statisten plantschen aufgebracht im Wasser herum; und ein Feuerwerk ist ebenfalls Teil der Inszenierung. Diese Details überwältigten das Publikum von etwa 5,000 Opernliebhabern.

<i>Carmen</i> auf der Seebühne © Bregenzer Festspiele | Karl Forster
Carmen auf der Seebühne
© Bregenzer Festspiele | Karl Forster

Bregenz ist bekannt für phantasievolle Inszenierungen; ich erinnere mich gut, als in der Tosca vor zehn Jahren Cavaradossi, sehr zum Schock des Publikums, tot von seiner Zelle 8 Meter in die Tiefe in den See gestürzt ist. Aber dieser Trick war eine Kleinigkeit verglichen mit den Stunts und athletischen Leistungen in Kasper Holtens Neuinszenierung von Carmen. Bizet selbst war davon überzeugt, dass seine Oper, die die tragische Geschichte einer gerissenen Zigeunerin, die einen unglückseligen Unteroffizier betört, erzählt, “Klarheit und Lebhaftigkeit ist, voller Farben und Melodien”, aber Bregenz drehte diese Gefühlsdrama bis zum Anschlag auf. Die Schmuggler kommen im Boot, und die Gefangenen versuchen über die Spitzen der Spielkarten zu flüchten, die im Hintergrund der Bühne an die hohen Gipfel der Alpen erinnern.

Es Devlins gewaltige Bühne ist in mehrere Level unterteilt, und hängt zwischen zwei riesigen aus dem Wasser ragenden Unterarmen. Imposante Spielkarten wölben sich über die Bühne, aber können auch als einzelne Videoleinwände verwendet werden. Sie stellen zum Beispiel Carmen als „Herzkönigin” dar, als sie mit Don José, dem „Kreuzbuben”, auf die Bühne tritt, oder projizieren alte Postkartenansichten von Sevilla, wo die Oper spielt. Ansonsten wird die farbenreiche Bühnenhandlung − wie der Fuchsien-farbene Tanz der Derwische − zeitweise projiziert und dadurch wirkungsvoll verstärkt.

Daniel Johansson (Don José) und Gaëlle Arquez (Carmen) © Bregenzer Festspiele | Karl Forster
Daniel Johansson (Don José) und Gaëlle Arquez (Carmen)
© Bregenzer Festspiele | Karl Forster

Auf kleinen Monitoren, links und rechts der Bühne platziert, können die Zuseher die Mitglieder zweier Anordnungen im angrenzenden Festspielhaus verfolgen: die herrlichen Wiener Symphoniker unter Paolo Carignani und den Prager Philharmonischen Chor. Auf der Bühne formten Nebendarsteller die Chorstimmen mit den Lippen, während die Sänger den Dirigenten auf vier Monitoren sahen, geschickt ließ dies den Gedanken an Musik per Fernbedienung vergessen.

Die kurvige Mezzosopranistin Gaëlle Arquez betörte ihren Don José mit einer unglaublichen erotischen Spannung. Ihr erster Auftritt in kurzen Jeans und lockerer Bluse ließ sie wie eine Mischung aus einem gottlosen Cowgirl und einem Beate Uhse Sexspielzeug wirken, aber sie sang ihre provokative Habanera über die unzähmbare Natur der Liebe mit gewaltiger Stimme. Es war, als ob sie ihr Leben lang auf Diät gewesen wäre und die Dragoner nach jeder ihrer Bewegungen lechzten. Daniel Johansson war mit ihr als ihr Liebhaber Don José durch und durch verbunden, seine unsterbliche Leidenschaft für Carmen war so greifbar wie seine verstörende Eifersucht, als sie einen anderen Mann nahm.

Daniel Johansson (Don José) und Elena Tsallagova (Micaëla) © Bregenzer Festspiele | Karl Forster
Daniel Johansson (Don José) und Elena Tsallagova (Micaëla)
© Bregenzer Festspiele | Karl Forster

Die für mich vollkommenste Stimme einer wechselhaften Besetzung war Elena Tsallagova, die das gütige und bescheidene Bauernmädchen Micaëla sang. Ihr Charakter zieht am Ende den kürzeren, trotz ihrer edlen Überredungsversuche, Don José möge zu seiner Mutter zurückkehren. Sogar mit großem Abstand zur Bühne, konnte ich ihre Enttäuschung fühlen. Als aufbrausender Escamillo war Scott Hendricks' prunkvoller Torero durchaus als Klischee gemeint, aber sein Gesang zeigte wenig Variationen, und an zwei Stellen war er bei den höchsten Tönen etwas zu tief, eine Enttäuschung bei einer Musik, die so bekannt wie seine große Torero Arie ist.

Gaëlle Arquez (Carmen) und Scott Hendricks (Escamillo) © Bregenzer Festspiele | Karl Forster
Gaëlle Arquez (Carmen) und Scott Hendricks (Escamillo)
© Bregenzer Festspiele | Karl Forster

Bregenz ist weiterhin irgendwie eine Oper für Jedermann, und die Inszenierung, die brillante Lichtgestaltung und Kostüme sind ausnahmslos ein wahrer Augenschmaus. Darüber hinaus gibt es so viele Details − die Decken für den Schoß, durchsichtige Plastik-Regenmäntel, das heitere Brummen der Besucher auf der Suche nach ihren Sitzen, der Bodensee zur Dämmerung als Kulisse der Bühne − all das machen diese Veranstaltung fast zu einem ausgelassenen Volksfest. Die eingefleischten Opernfans mögen Einwände gegen die Distanz zu den Sängern haben, oder gegen den Mangel an psychologischen Einblicken, die man in einem kleinen, intimen Haus besser portätieren könnte. Aber Bregenz bietet ein anderes – und höchst empfehlenswertes – Paar Schuhe; hier ist das Spektakel selbst König. Also falls sie große Zuschauermengen mögen, neugierig sind, eine Inszenierung zu sehen, die alle Register zieht, und bereit sind, die raffiniertesten Möglichkeiten modernen Theaters zu erkunden, kann ich Sie nur dazu ermutigen, hierher zu kommen.

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.
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