Wir haben fast hundert Jahre gebraucht, um Janáčeks Musik spielen zu lernen. In seiner Leidenschaft, eine gänzlich neue Klangwelt zum Leben zu erwecken, warf er die Konventionen der Orchestrierung über Bord, erfand unmöglich scheinende Texturen, gab seinen Streichern haarsträubend schwere Parts und stellte seine Sänger gar sehr auf die Probe. Doch, wie man im Laufe der letzten vierzig Jahre immer öfter gehört hat, billigen Musiker seine Vision und setzen sich mit ihr auseinander. Nichtsdestotrotz enthüllen die meisten Janáček-Aufführungen, besonders die letzten fünf Opern, immer wieder schwierige Ecken, Merkwürdigkeiten der Phrasierung und Probleme im Zusammenspiel – nicht jedoch die aktuelle Wiederaufnahme des Schlauen Füchsleins, derzeit im Repertoire an der Wiener Staatsoper, dort zuerst gesehen im Sommer 2014.

<i>Das schlaue Füchslein</i> in Wien © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn (2014)
Das schlaue Füchslein in Wien
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn (2014)

Diesmal wird die Vorstellung von dem gebürtigen Tschechen Tomáš Netopil geleitet, der sein Staatsoperndebüt letztes Jahr in Dvořáks Rusalka machte; man kann deutlich sehen, warum er nun für das Dirigat von Janáček zurück ist. Selten hat diese Partitur so natürlich geatmet und sich mit wundervoller Leichtigkeit und Natürlichkeit zwischen den filigranen Texturen und vollen Höhepunkten bewegt. Die Musik besitzt nicht nur Klarheit der Textur, die oft ein ungekanntes kleines Detail enthüllt, Janáčeks tutti klingen zudem immer voll und bekömmlich, nie angestrengt. Nicht nur das; Netopil findet auch eine starke strukturelle Linie durch eine Oper, die in der Vergangenheit auch oft bruchstückhaft klingen konnte. Es ist eine Vorstellung, die sich mit den großen eines Sir Charles Mackerras messen kann.

Die Inszenierung war die letzte unter der Regie von Otto Schenk nach fünfzig Jahren an der Staatsoper; Bühnenbild und Kostüme stammen von Amra Buchbinder. Diejenigen, die ausgefallenere, zeitgenössischere Produktionen gewohnt sind, mögen sie bei der schieren sinnlichen Schönheit des Bühnenbilds sträuben: es ist nicht nur voller realistischer Waldelementen, sondern auch stimmungsvoll beleuchtet, mit phantastischen Kostümen für die Tiere. Es ist schwer, nicht auf ihre traditionelle Wärme zu reagieren, selbst wenn mancher das Gefühl haben mag, die gehört in eine andere, längst vergangene Zeit. Schenks Regie ist gleichermaßen akribisch, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und bezieht sich in der Bewegungsregie auf der Bühne oft auf Details in der Partitur: Plötzlich spiegeln sich allerlei kleine, rhythmische Figuren, die man jahrzehntelang einfach hingenommen hat, in gänzlich natürlichen Gesten.

Chen Reiss (Füchslein Schlaukopf) and Hyuna Ko (Fuchs) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn (2014)
Chen Reiss (Füchslein Schlaukopf) and Hyuna Ko (Fuchs)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn (2014)

Das schlaue Füchslein ist ein wunderbares Stück für eine Repertoirekompanie, mit sechs Protagonisten aber auch einer Vielzahl kleinerer Rollen, einschließlich kurzen Auftritten für Chor, Kinder und die Ballettakademie der Staatsoper. In der Rolle des Füchsleins sieht man die in Israel geborene Chen Reiss, die auf dem Kontinent eine viel bedeutendere Rolle spielt als in Großbritannien. Mit lebhafter Bühnenpräsenz gab sie der Rolle wirkliche Energie, schwebte klanglich oft prachtvoll über dem Orchester, hatte gelegentlich jedoch auch zu kämpfen, sich gegenüber Janáčeks berüchtigt sängerunfreundlicher Orchestrierung Gehör zu verschaffen.

Heuschrecken © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn (2014)
Heuschrecken
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn (2014)

Der deutsche Bariton Roman Trekel gab einen jugendlichen Förster, sowohl in seinem Spiel und seinem agilen und doch warmen, leichten Ton, der die Rollenentwicklung mit einer Spur des Wachsens durchzog. Paolo Rumetz' Háraschta verlieh seiner Rolle eine volle, barsche Wärme, während Pfarrer, Schulmeister und Wirt (Marcus Pelz, Joseph Dennis und Wolfram Igor Derntl) in Ton und Charakter wunderbar kontrastierten. In ihren Szenen mit dem Füchslein zeigte Hyuna Kos Fuchs, dass nicht nur Richard Strauss sinnliche Liebesmusik für zwei weibliche Stimmen schreiben konnte. Auch die übrige Kompanie war lobenswert in den unzähligen Nebenrollen der Oper. Alles in allem eine superbe, bereichernde Inszenierung von Janáčeks Reaktion auf die Natur in all ihrer Schönheit, Grausamkeit und ihrem undefinierbaren Zauber.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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