Dieses Konzert war das erste von insgesamt zweien des Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von Bernard Haitink anlässlich dessen 85. Geburtstages, und es war schade, dass das Barbican für diesen besonderen Abend nicht ausverkauft war. Noch bevor das Konzert begonnen hatte, wurde Haitink mit Jubel aus dem Publikum begrüßt, und das völlig zu Recht - seine Karriere umfasst sechs Jahrzehnte, und das Konzert bei dem Proms 2011 beweist, dass seine Beziehung zu diesem Orchester eine sehr innige ist.

Eröffnet wurde der Abend mit Schumanns Manfred-Ouvertüre, einem düsteren Werk, das in einer Zeit entstand, in der Schumann unter starken akustischen Halluzinationen litt. Die Interpretation war voller Pathos, und Haitink versah die beinahe erbarmungslosen melodischen Gedanken mit einer großen, rhythmischen Triebkraft.

Dies bot eine wundervolle Basis für Bergs Violinkonzert. Wie Schumanns Ouvertüre ist es ein tragisches Werk, beinahe ein Requiem für Orchester, gewidmet "Dem Andenken eines Engels" (Manon Gropius, Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius). Dieses Werk zeigt möglicherweise am besten, dass Berg eigentlich ein Romantiker in der Verkleidung eines Serialisten war. Die Solistin Isabelle Faust hat erst kürzlich großes Lob für Ihre Aufnahme dieses Stückes mit Claudio Abbado und dem Orchestra Mozart erhalten, und Ihr Spiel war einzigartig. Ihre Gestik ist zurückhaltend, und dennoch von unglaublicher Intensität. Ihre Stradivari, die aufgrund ihres reinen, kristallklaren Tons den Kosenamen "Sleeping Beauty" (Dornröschen) trägt, sang einen wunderschönen ersten Satz. Haitink kontrollierte die Begleitung sorgfältig, aber weder er noch Faust hatten Angst, die solistische Linie gelegentlich in die Orchestertextur einfließen zu lassen und dadurch die Vielfalt und Spannung der dramatischeren Solopassagen noch zu steigern.

Der berühmte Beginn des zweiten Satzes, in dem alle zwölf Töne der chromatischen Tonleiter zu Bergs angstgeprägter Tonreihe organisiert werden, war voller Kraft, und die Unterbrechung durch den Bach-Choral Es ist genug in den Holzbläsern, angeführt von den Klarinetten, ein bezaubernder Moment - besonders, wenn der Choral allmählich von Bergs Harmonik aufgesogen wird.

Nach dem Aufruhr und der tonalen Uneindeutigkeit des Berg-Konzertes sehnten sich meine Ohren während der Pause geradezu nach dem F-Dur von Beethovens Symphonie Nr. 6. Das bekannte Motiv des "Erwachens heiterer Empfindungen bey der Ankunft auf dem Lande" klang nicht nur ob des Spiels des COE sehr warm, sondern auch, weil es den perfekten Kontrast zur immens unruhigen Spannung des vorangegangenen Werkes bot. Haitinks Interpretation war meisterlich, er nahm das Stück in einem flotten Tempo, das aber den Fluss, besonders in den letzten drei Sätzen, nicht unterbrach. Obwohl er nur im vierten Satz zum Zuge kam, zeigte sich im Gesicht des Paukisten ein ununterbrochenes Lächeln voller Bewunderung, und er war genauso gefangen von diesem Stück wie die Zuhörer.

Das Publikum belohnte Orchester und Dirigent mit stehenden Ovationen und Jubel, zweifelsohne auch aus Dankbarkeit für eine lange Karriere, die viele wegweisende und bereichernde Interpretationen eines unglaublich breiten Repertoires hervorgebracht hat. Mit typischer Bescheidenheit bestand Haitink darauf, dass all dieses Lob dem Orchester gleichermaßen gebührte - ein ergreifendes Ende eines großartigen Konzertes.

Übertragung aus dem Englischen von Hedy Mühleck

*****