Das Durchschnittsalter der Zuhörer, die am 25. November Hänsel und Gretel an der Bayerischen Staatsoper besuchten, war dank der vielen kleinen Kinder im Publikum sehr niedrig. Eltern scheinen den Eindruck zu haben, dass Humperdincks Oper kindgerecht ist. Ich selbst zweifle daran, dass irgendeine Version dieses verstörenden Stückes überhaupt kindgerecht ist, aber Richard Jones' Inszenierung schien besonders auf Alpträume aus zu sein. Großartiger Gesang und großartiges Schauspiel, ein markantes Bühnenbild und beunruhigende Kontraste kennzeichnen diese furchteinflößende Produktion.

Tara Erraught (Hänsel) und Hanna-Elisabeth Müller (Gretel) © Wilfried Hösl
Tara Erraught (Hänsel) und Hanna-Elisabeth Müller (Gretel)
© Wilfried Hösl

Die Geschichte beginnt unschuldig: Tara Erraughts Hänsel und Hanna-Elisabeth Müllers Gretel sind perfekte hungrige, bockige Kinder. Sie erscheinen glaubhaft jung (sogar im letzten Akt, in dem sie auf der Bühne im unvermeidlichen Vergleich mit dem Kinderchor stehen), und besitzen scheinbar unbändige Energie, mit der sie singen und gleichzeitig tanzen, streiten und über Möbel klettern. Beide haben starke, liebliche Stimmen, die sie effektvoll einsetzen; sie wählen klare Betonung und geben der dramatischen Darstellung den Vorzug über stimmliche Schönheit. Das soll nicht heißen, dass ihre lyrischen Momente nicht schön waren, im Gegenteil: still verschmolzen ihre Stimmen im Gebet am Ende des zweiten Aktes und ließen das Publikum überwältigt verstummen. 

Hänsels und Gretels Eltern sind ebenfalls entzückend. Michaela Martens stellt ihren vollen Mezzo zur Schau, der sowohl einschüchternd aus auch liebenswert enthusiastisch sein kann. Ihr Ehemann (Sebastian Holecek) scheint zunächst ein ärgerlicher Trunkenbold zu sein, enthüllt jedoch später seine spitzbübische Zärtlichkeit, als er die Überraschung ankündigt, die er mit nach Hause gebracht hat: Essen! Holeceks kraftvolle Stimme und schiere dramatische Energie beleben die Geschehnisse von dem Moment an, als er die Bühne betritt.

Doch wenn Hänsel und Gretel in den Wald gehen, um Beeren zu sammeln, wird es merkwürdig. Dieser Wald ist ein Esszimmer, Baum-Männer im Anzug lehnen an den Wänden. Der nervöse Hänsel muss ihre Taschen nach den Beeren durchsuchen, die er pflücken will. Als es dunkel wird, erscheint der Sandmann – eine schaurig-knöcherne Marionette mit der wunderschönen Stimme von Rachael Wilson. Die Kinder bitten Engel um Schutz und schlafen ein, und anstelle des üblichen Engel-Tableaus entsteigt ein fischköpfiger Koch einer Falltür und weist teiggesichtige Kellner an, ein Festmahl zu präsentieren.

Die Inszenierung wandelt sich von merkwürdig zu grauenerregend wenn Hänsel und Gretel durch einen riesigen Mund in das Lager der Hexe steigen. Realistische Kinderleichen sind im Raum verstreut und in die Schränke gestopft. Im Kühlschrank finden sich abgetrennte Gliedmaßen in Gefrierbeuteln, die Gretel fröhlich von der Hexe zugeworfen werden. Als Hexe ist Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ein großartiger Charaktertenor, dessen schauspielerische Fähigkeiten in seiner langen Arie durchscheinen. Leider entspricht seine Stimme nicht seiner physischen Präsenz; ihr mangelt es an Kraft mangelt und sie überwältigt darum nicht so, wie die Stimme der Hexe es sollte. Auch sein eintönig schwarzes Kostüm konnte nur wenig zum Eindruck der verrückten, bösen alten Frau beitragen. Nichtsdestotrotz lächelt er, als sich daran macht, die Kinder zu kochen, und seine Mimik, als er im Ofen verbrennt, lässt es einem wahrhaftig kalt den Rücken hinunter laufen. Seinen verdienten Nachtisch bekommt er am Schluss, wenn die erholten Kinder sich an seinem gebratenen Leichnam gütlich tun. Der Kinderchor tritt nur kurz auf, singt aber lieblich und steht beeindruckend still, bis der Zauber aufgehoben wird. Außerdem schwingen die Kinder Messer und Gabel mit erschreckendem Enthusiasmus; sie können es kaum erwarten, sich dem Kannibalismus hinzugeben..

Hanna-Elisabeth Müller (Gretel) und Tara Erraught (Hänsel) © Wilfried Hösl
Hanna-Elisabeth Müller (Gretel) und Tara Erraught (Hänsel)
© Wilfried Hösl

Maestro Tomáš  Hanus entlockt dem Bayerischen Staatsorchester eine große Spannbreite an Dynamik und Tempi; vor allem die Ouvertüre ist besonders überzeugend, mit plötzlichen Übergängen und großer Vielfalt in der Textur ihrer vielen, kontrastierenden Abschnitte. Das generelle Tempo der Oper lässt die Handlung zügig voranschreiten und gestattet dennoch intensive lyrische Augenblicke. Insgesamt ist diese gruselige Inszenierung musikalisch und dramaturgisch eindeutig ein Erfolg. Kommen Sie, bringen Sie Ihre Freunde mit – aber um Himmels Willen nicht Ihre Kinder!

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck