Das Rückgrat der Salzburger Festspiele sind ihre Operninszenierungen, doch konzertante Aufführungen von Opern werden oft für seltenes Repertoire oder große Starbesetzungen genutzt. Später diesen Sommer ist eine einzelne Vorstellung von Massenets Thaïs mit Sonya Yoncheva und Plácido Domingo geboten, zuvor jedoch stand Puccinis Manon mit Anna Netrebko und ihrem Ehemann Yusif Eyvazof mit großzügigen drei Vorstellungen auf dem Programm. Nach einer Woche wunderbarer Regietheater-Exzesse in Bayreuth war ich ein wenig besorgt, nun eine bloße konzertante Aufführung einer Oper zu sehen, einem von Puccinis Werken, dass sich am meisten für regietechnische Neuinterpretation anbietet. Doch da die Sänger ihre Rollen vollends ausspielten und, abgesehen von Orchester und Chor, keine Notenständer in Sicht waren (sogar Dirigent Marco Armiliato stellte sich der Herausforderung, die gesamte Oper aus dem Kopf zu dirigieren), war diese Vorstellung so dramatisch packend wie jede andere, die ich gesehen habe.

Nur Eyvazovs Des Grieux trug etwas, das einem Theaterkostüm ähnelte – möglicherweise historisch; die anderen Herren trugen moderne Abendgarderobe und Netrebko ein voluminöses, schwarzes Kleid, das für jede Bewegung angehoben musste, was ihre Bühnenbewegung etwas einschränkte. Das einzige andere Problem dieser konzertanten Vorstellung war, dass die Bühne des Großen Festspielhauses so breit ist und die Sänger so weit vorne platziert waren (die Bühne erstreckt sich bis über den Graben). Dadurch wurde die Handlung abwechselnd in verschiedene Publikumsrichtungen präsentiert, wobei manches in Klang und Gefühl entfernter schien als anderes.

Netrebko ging voll in der Rolle der Manon auf. Ihr Italienisch mochte etwas eigenwillig gewesen sein, doch ihre Projektion der Bedeutung des Textes war dadurch zu keiner Zeit beeinträchtigt und ihre berühmte Kontrolle und ihr üppiger Ton zeigten sich deutlich. Eyvazov war deutlich vernehmbar in der Kraft und dem Fokus seines Tenors im italienischen Stil und zeigte sich auch der feinen Nuancen fähig – was in dieser Sparte nicht immer gegeben ist. Die beiden Sänger lernten sich 2014 während Netrebkos erster Bühnenvorstellung dieser Rolle in Rom kennen und heirateten vergangenen Dezember. Ein wenig ihrer Zuneigung aus dem wahren Leben spiegelte sich in ihrem Portrait dieses leidenschaftlichen Liebespaares, das Wahrhaftigkeit und Wärme ausstrahlte.

Die übrige Besetzung war vielleicht weniger starträchtig besetzt, war jedoch keineswegs weniger versiert. Der mexikanische Bariton Armando Piña machte Manons Bruder Lescaut zu dem gewinnsüchtigen Flegel, der er sein sollte, ein aalglatt gesungener Schuft, dessen Beschützerinstinkt zu spät kommt. Carlos Chausson besaß Autorität als Geronte (warum kennt man ihn eigentlich nur bei seinem Vornamen, nicht aber Des Grieux? Nicht einmal Manon nennt ihren Geliebten Renato, trotz ihrer offensichtlichen Intimität), und der junge, französische Tenor Benjamin Bernheim gab Edmondo, den studentischen Dichter, der Des Grieux anfangs anstachelt, mit besonderem Schmelz. Es gab auch einen elegant gesungenen Kurzauftritt von Szilvia Vörös als Kopf der kleinen Madrigaltruppe, die Manon im zweiten Akt unterhält (Puccini muss das Fehlen von Frauenstimmen jenseits der Titelrolle bewusst gewesen sein und bot diesen kurzen Ausgleich – er tut das Gleiche, vielleicht aus dem gleichen Grund, mit der Kantate aus dem Off in Tosca).

Das Münchner Rundfunkorchester spielt wahrscheinlich am seltensten regelmäßig Oper, begleitete jedoch stilvoll und übertönte die Sänger nie. Dieses frühe Werk von Puccini zeigt bereits die meisterliche Beherrschung orchestraler Klanglichkeit des Komponisten, von der Verschwörung des ersten Aktes zur emotionalen Wucht des Akt-III-Intermezzos und den klagenden Streichern im vierten Akt. Die Musiker meisterten jede Herausforderung unter Armiliatos souveräner Leitung, mit einigen besonders bewegenden Soli der Streicher in den Crisantemi-Passagen gegen Ende. Zuletzt erwähnt sei der solide und eindrucksvolle Gesang der Mitglieder der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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