Es wimmelt in dieser Oper von Tücken, die einem Regisseur unserer Tage zum Verhängnis werden können: Da gibt es die abgegriffenen Exotismen, einen unverhohlenen Rassismus, das Feindbild des „Muselmanns“ und einen fragwürdigen Patriotismus. Wahrlich keine leichte Aufgabe für Julien Chavaz, der Rossinis Opernkomödie L’italiana in Algeri am Grand Théâtre de Genève in einer Neuproduktion inszeniert. Da das Stammhaus an der Place de Neuve umfassend saniert wird, spielt man erstmals im Bâtiment des Forces Motrices, einem ehemaligen Wasserkraftwerk an der Rhone. Der alternative Charme des Industriegebäudes passt, wie man im Verlauf des Abends mehr und mehr realisiert, bestens zur szenischen Interpretation des Werks.

Die in der Oper angelegte Konfrontation zwischen der italienischen und der algerischen bzw. muslimischen Kultur spielt beim Schweizer Regisseur keine Rolle. „Algeri“ ist bei ihm der Name eines Hotels mit Spa-Betrieb. Mustafà ist nicht der Bey von Algier, sondern der despotische Hoteldirektor, Elvira die Direktorin und Zulma deren Vertraute. Halys Rolle mutiert von jener des Korsaren-Hauptmanns in die des Chefkochs. Beim „italienischen“ Personal ist Lindoro nicht Mustafàs Lieblingssklave, sondern einer seiner Hotelangestellten. Isabella übernimmt die Rolle der reisefreudigen Grande Dame und Strippenzieherin, Taddeo jene ihres schrägen Begleiters. Der Männerchor des Grand Théâtre repräsentiert entsprechend nicht Haremswächter und Korsaren, sondern das Personal des Hotels Algeri.
Die Umdeutung bringt erfrischend neue Perspektiven: Die von außen kommende Isabella bringt das despotische und patriarchale System Mustafas zum Auseinanderbrechen und etabliert am Schluss eine von herkömmlichen Zwängen befreite, von den Idealen der LGBTQ-Bewegung inspirierte Gesellschaft, die für Mustafà nur Hohn und Spott bereithält. Ganz im Dienst dieser Deutung stehen Szenerie, Kostüme und Beleuchtung. Amber Vandenhoeck zeigt im ersten Bild eine farblich blasse Empfangshalle, die an ein Interieur aus DDR-Zeiten erinnert. Dazu steckt Hannah Oellinger das Hotelpersonal in ebenfalls farblose Kleider, die jeden Individualismus im Keim ersticken. Bei der zirkusartigen Schlussszene, in der das Hotelpersonal seinem Direktor den Titel eines Pappataci verleiht, kommt in den fantastischen Kostümen der ganze Regenbogen des Farbspektrums zur Geltung. Dazu lässt Eloi Gianini die Wände der Hotelhalle in den leuchtendsten Farben erstrahlen.
Die komödiantischen und karnevalesken Züge der Inszenierung gehen einher mit einer musikalischen Interpretation, die in die gleiche Kerbe schlägt. Der erst 32 Jahre alte Italiener Michele Spotti, zurzeit Chefdirigent der Oper und des Philharmonischen Orchesters Marseille, bringt alle Voraussetzungen mit, die es für eine zündende Wiedergabe von Rossinis Partitur braucht. Sowohl die Belcanto-artigen Passagen als auch die geliebt-gefürchteten Parlando-Szenen im rasenden Tempo geraten unter Spottis Stabführung zu einem Ohrenschmaus. Unbestrittener Höhepunkt der Letzteren ist das tumultartige Septett am Schluss des ersten Akts, bei dem die sängerischen Eskapaden und die instrumentale Begleitung des Orchestre de la Suisse Romande punktgenau aufeinander abgestimmt sind. Etwas trocken präsentiert sich die Akustik in der Industriehalle des BFM.
Mit Bravour realisiert die französische Sängerin Gaëlle Arquez die Titelrolle der Isabella. Dass Rossini für die Primadonna eine Mezzosopranistin vorschreibt, ist im Opernrepertoire des 19. Jahrhunderts außergewöhnlich. Es passt aber ausgezeichnet für die Rolle, die nicht als schmachtende Geliebte, sondern als Anführerin eines Aufstandes konzipiert ist. Die Isabella von Arquez begeistert mit einem betörenden Ambitus der Stimme und schlüpft hinreißend in die verschiedenen Verkleidungen ihrer Rolle. Der Lindoro von Maxim Mironov mit seiner lyrischen Tenorstimme wirkt dagegen recht passiv. Die Liebesgeschichte hat schon in Rossinis Partitur nicht die zentrale Bedeutung wie in anderen seiner Opern – es gibt beispielsweise kein großes Liebesduett. Zusätzlich akzentuiert der Regisseur diese Tatsache noch, indem er die übrigen Hauptfiguren kräftig aufwertet.
Der Mustafà von Nahuel Di Pierro gibt den Buffone, wie er im Büchlein steht – seine Verwandlung vom Tyrannen zum Gehörnten sorgt für ausgelassene Heiterkeit. Als buffoneske Rollen treten auch der Taddeo von Riccardo Novaro und der Haly von Mark Kurmanbayev auf. Die Elvira von Charlotte Bozzi spielt für einmal nicht die verschmähte Gattin, sondern eine selbstbewusste Frau, die zur Komplizin von Isabella wird.
Zusätzlich zum Sängercast bringt Chavaz noch zwei Pantomimenrollen ins Spiel, die bei Rossini nicht vorgesehen sind, nämlich das Tänzerpaar Clara und Dani alias Clara Delorme und Daniel Daniela Ojeda Yrureta. Begreift man anfänglich den Sinn dieser Zusatzfiguren nicht so recht, wird er mit der Zeit zunehmend deutlich: Sie nehmen gewissermaßen die Position des Zuschauers ein und kommentieren mit ihren virtuosen Tanzeinlagen das turbulente Treiben der Protagonisten. Ein köstliches Beispiel bietet die Badeszene im Spa: Während die in der Badewanne liegende Isabella von den drei Spannern Mustafà, Haly und Lindoro heimlich beobachtet wird, assistieren ihr Clara und Dani leidenschaftslos durch Flötenspiel und Handreichungen. Dass sie dabei auch wie Eunuchen im Harem gekleidet sind, erhöht die Ironie der Szene noch zusätzlich.
Fazit: Die Genfer Neuproduktion von Rossinis L’italiana in Algeri ist eine höchst amüsante und originelle Neudeutung dieser Opernkomödie aus dem Geist unserer Zeit, die auch musikalisch keine Wünsche offenlässt.
Thomas Schachers Pressereise (Fahrt- und Hotelkosten) wurde vom Grand Théâtre de Genève bezahlt.

