In einer Oper wie Verdis Nabucco, in der der Prunk der Handlung und der Handlungsortes drohen, die Künstler auf der Bühne zu bloßen Sprachrohren der Geschichte zu machen, sind guter Gesang und gute Charakterdarstellung unerlässlich. Gut, dass die Lyric Opera die bisher bestklingende Premiere des Jahres zusammengestellt hat, in der Sänger, Chor und Orchester alle mit erstaunlicher Sicherheit begannen und nur noch besser wurden.

<i>Nabucco</i> © Cory Weaver
Nabucco
© Cory Weaver

Carlo Rizzis groß angelegte Herangehensweise an die Partitur wurde in brüsken Tempi deutlich, die elastisch waren, aber nie ausschweifend, und genau auf diesen Punkt zielten, in dem die Schönheit der Musik großen Eindruck auf den Hörer macht und dann weiterzieht, als wäre sie sich ihrer Wirkung nicht bewusst. Der Klang des Chores hätte etwas mehr Fokus und Nuancen bei geringerer Dynamik vertragen können, doch in forte-Passagen loderte darin wahrlich der Schrecken Gottes.

Auch vom Ensemble hätte man sich kaum mehr wünschen können. Dmitry Belosselskiys große Stimme war von einer ansprechenden Dunkelheit verschattet. Zaccaria als Figur ist in Handlung und Emotion nicht mit einer großen Bandbreite gesegnet, aber Belosselskys sang trotzdem immer charaktervoll und dramatisch interessant.

Dmitry Belosselskiy (Zaccaria) © Cory Weaver
Dmitry Belosselskiy (Zaccaria)
© Cory Weaver

Željko Lučić brauchte eine Weile, bis er als babylonischer König Nabucco warmgelaufen war. Seinem Auftritt, vordergründig einer von großem Pomp und großer Rage, mangelte es an Kraft und Präsenz und klang, als sänge er durch Gaze. Erst im dritten Teil, in dem sich die Oper backstage bewegt und wir den besorgten Vater hinter der Fassade des Regenten sehen, dehnte sich Lučićs Stimme, um die Rolle auszufüllen. Wo es ihr zuvor an Resonanz gemangelt hatte, schien sie nun mühelos und mit einer natürlichen, ungezwungenen Kraft zu tragen, die ihren warmen Ton unterstrich.

Die Damen rundeten die beispielhafte Besetzung ab. Elizabeth DeShong hatte als Fenena bis zur zweiten Hälfte der Oper nicht besonders viel zu tun, doch es gelang ihr in den kurzen Passagen, in denen sie auftrat, eine überzeugende Härte auszustrahlen. Sie sang mit viel Vibrato, doch vermied Unsauberheiten dadurch, dass sie es mit großem Fokus in der Phrasierung einschränkte.

Tatiana Serjan (Abigaille) © Andrew Cioffi
Tatiana Serjan (Abigaille)
© Andrew Cioffi

Die größte Überraschung jedoch war Tatiana Serjan als Abigaille, die als einzige nicht mitbekommen zu haben schien, dass die Sänger sich im Rahmen der Oper bewegen. Ihre Interpretation ging am deutlichsten gegen die Maserung der Partitur, betonte lange, sehnige Linien die die straff organisierte Struktur des Orchesterpulses der Oper überfluteten. Als Charakterdarstellerin ist sie über jeden Vergleich erhaben und vermittelte den Eindruck einer vollständigen Person, sobald sie auf die Bühne stürmte. Ihre Abigaille ist missverstanden, sprühend vor Emotion, und so verwirrt von ihrem eigenen Verlangen wie sie davon überwältigt wird. Passend zu ihrer emotionalen Wildheit zeigt ihre Stimme große Flexibilität, prächtige Resonanz und natürliche Leichtigkeit.

Ich wünsche, ich könnte sagen, dass dieser Nabucco visuell so kohärent war wie klanglich. Gerahmt von Michael Yeargans eher aufdringlichem, in Primärfarben ertränktem Bühnenbild scheint diese immerwährende Geschichte über religiösen Konflikt im Mittleren Osten in einer Zukunft angesiedelt zu sein, die von einer Science Fiction ersonnen wurde, die nun schon seit einigen Jahrzehnten überholt ist.Gerahmt von Michael Yeargans eher aufdringlichem, in Primärfarben ertränktem Bühnenbild scheint diese immerwährende Geschichte über religiösen Konflikt im Mittleren Osten in einer Zukunft angesiedelt zu sein, die von einer Science-Fiction ersonnen wurde, die nun schon seit einigen Jahrzehnten überholt ist. Kostümdesignerin Jane Greenwood kleidet die Babylonier in tiefroten Roben und Hüten von Tron-ähnlichen, geometrischen Umrissen, während Yeargans Bühnenbild im letzten Akt aussieht wie ein Haufen blauer, aufeinander gestapelter Ikea-Tische. Andere visuelle Momente wie die großen, beweglichen Blöcke in einem Szenenwechsel, deren Entfernung vom Publikum die Bilder, die darauf projiziert wurden, undeutlich missverständlich machte, oder die immense, dunstige Wolkenlandschaft, die sich für den „Va, pensiero“-Chor des dritten Teils öffnet, waren viel schöner und subtiler. Es bleibt jedoch unklar, was die dezent moderne visuelle Ästhetik dieser Produktion mit anderen Aspekten der Inszenierung zu tun hatte - sie schien letztlich etwas willkürlich. Glücklicherweise war die musikalische Leistung dieser Premiere ausschlaggebend.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

****1