Mit nun 88 Jahren macht der Pianist Paul Badura-Skoda keinerlei Anstalten, die Dinge langsamer angehen zu lassen: zwei neue Einspielungen erscheinen dieses Jahr, Konzerte sind in Istanbul, London und Deutschland sowie eine Taiwan-Tournee im Juni sind geplant. Doch er ist auch der urwienerische Künstler; das klassische Repertoire steht im Zentrum seiner Konzerte und seine Hauptaufgabe ist es, „das Feuer weiterzugeben“.

Am Dienstagabend spielte ein typisch idiosynkratisches Recital vor vollem Saal im Brahms-Saal des Wiener Musikvereins: Bach, Beethoven, Schubert und Johann Strauss-„Reinterpretationen“ von Otto Schulhof. Die warme Aufnahme und Badura-Skodas informelle Einführungen machten das Konzert zu einer typisch wienerischen Veranstaltung eines beliebten Sohnes dieser Stadt. Doch Badura-Skoda ist viel mehr als das: in einer Spanne von 70 Jahren (er studierte bei Edwin Fischer und Wilhelm Furtwängler war einer der ersten Dirigenten, die ihn engagierten) hat er seine Einstellung gegenüber dem klassischen Repertoire beständig neu definiert und stand der Bewegung der historisch informierten Aufführung vor. Erst vor drei Jahren veröffentlichte er Schuberts späte B-Dur-Sonate, gespielt auf Instrumenten aus den 1820ern, den 1920ern und einem modernen Instrument.

Paul Badura-Skoda © Jean-Baptiste Millot
Paul Badura-Skoda
© Jean-Baptiste Millot

Im Musikverein begnügte Badura-Skoda sich mit einem großen Steinway D, spielte jedoch mit einer breiten Palette an Farben und Artikulation, die die lebenslange Erfahrung in der Interpretation dieser Werke zeigte. Vielleicht eher erschreckend für diejenigen, die an die klinische Perfektion des digitalen Zeitalters gewöhnt sind, feiert Badura-Skoda die Kunst der live-Interpretation; er geht Risiken ein, reagiert auf den Moment, manchmal mit einer Hand voll unsauberer Töne, doch dafür gibt er einer Phrase Farbe wie niemand vor ihm. Am beeindruckendsten ist sein Verständnis der Stücke, die er spielt, das sich als eine große Linie manifestiert und wie eine eiserne Stange seine Interpretationen durchdringt.

Das Recital war um zwei große, späte klassische Sonaten von Beethoven (die Waldstein-Sonate) und Schubert (späte D-Dur, D850) gebaut. Der Anfang des Beethoven war voller Energie und vorwärts drängender Bewegung, doch seltsam losgelöst, beinahe so, als würden wir Zeugen der Musik in ihrer reinsten Form, ohne die Unterbrechung der Leidenschaft eines jüngeren Mannes. Dies zahlte sich im Finale aus, in dem das Thema mit großer Klarheit erklang, aufblühte und wie ein großer Fluss strömte.

Doch Badura-Skoda untergrub weiterhin alle Erwartungen: im zweiten Satz der Schubert-Sonate brach ein zentraler Höhepunkt von überwältigendem Gewicht und Feuer plötzlich aus dem Nirgendwo aus. Als Ganzes gewann die Schubert-Sonate von der Einfachheit seines Ansatzes, der ein feines Gefühl der Vorwärtsbewegung erzeugte, ohne sich mit ihrer „himmlischen Länge“ aufzuhalten. In dieser Hinsicht hielt Badura-Skoda in diesem zweiten Satz Schuberts Vorschrift con moto immer als Leitsatz seiner Interpretation.

Eine Verbindung mit der Vergangenheit entstand mit den Johann Strauss-Transkriptionen von Otto Schulhof, der Badura-Skodas Lehrer war. Verfasst im Jahre 1930 spiegeln sie Strauss' Welt durch das harmonische Idiom der 1920, manchmal in tobend virtuoser Stimmung wie in der Fledermaus-Polka, manchmal magisch wie im Falle der Pizzicato-Polka, die zu einer faszinierenden Spieluhr-Transkription verwandelt wurde, die teils ein wenig an die Glasharmonikawelt von Mozarts und Beethovens Zeit erinnert. Und dann schloss eine Zugabe, ein kurzer Schubert-Waltzer, den Kreis. Ein magischer Abend.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

****1