Bis heute danke ich dem Dirigenten, der mir einst diesen Rat gab: „Halte eine konzertante Vorstellung nicht für eine abgeschwächte Fassung. Stelle sie Dir als unverfälschte Fassung vor: kein Bühnenbild, kein Hintergrund oder Interpretation steht zwischen Dir und den Gedanken des Komponisten, nichts lenkt Dich von der Musik oder dem Text ab; der Fokus liegt ganz auf den kompositorischen Ideen.“ Das traf auf nichts besser zu als die meisterlich durchdringende Vorstellung von Strauss' Elektra>/em> bei den diesjährigen BBC Proms unter der Leitung von Semyon Bychkov und Solistin Christine Goerke. Ihre Fähigkeit, auch die schwierigsten Rollen zu meistern, hat ihr viel Lob eingebracht und auch an diesem Abend gehalten, was ihr Ruf verspricht.

Nachdem Strauss eines Abends Hofmannsthals Schauspiel Elektra im Theater gesehen hatte, schrieb er umgehend an den Autor und bat um Erlaubnis, es als Opernstoff umsetzen zu dürfen – der erste Schritt in Richtung einer der berühmtesten und Produktivsten Partnerschaften der Opernlandgeschichte. Das beste an Hofmannsthals Elektra, und damit auch Strauss', ist, dass sie nicht nur Elektra ist. Obwohl Aspekte aller drei antiken tragischen Elektren (Aischylos, Sophokles und Euripides) in ihr zu finden sind, gibt ihr Hofmannsthal auch ein bisschen Kassandra dazu – hochsensibel für den Gestank von Blut und Tod, den Agamemnons Palast verströmt, gesegnet mit göttlicher Intelligenz und doch missverstanden und misshandelt; er gleicht sie Sophokles' Antigone an, die sich strikt weigert, Kompromisse einzugehen oder der Realität Rechnung zu tragen, die unerbittlich die Aufgabe verfolgt, die kein anderer zu tun wagt, der der Opfertod im Feuer droht, und die ihre vernünftigere Schwester vergeblich bittet, an ihrer Seite zu stehen. Dann stattet er sie mit der Sprache der Furien aus, die sie und ihren Bruder später verfolgen werden, und auch die der Gorgone und Mänade, die nicht aus Freude, sondern um der Ekstase willen tanzt. Kurz, Hofmannsthals Libretto gibt uns eine kompakte, verständliche Vorstellung von Elektra: ursprünglich und tiefgründig. Es ist ein Geniestreich, kein Wunder, dass es so großen Eindruck auf Strauss machte. Die Musik, zu der es Strauss inspirierte, hat allerdings niemand erwartet, voller bösartiger Dissonanz hüllt sie uns vollständig ein und überwältigt uns in ihrem schrecklichen Schwall von Blut, mit absoluter Präzision und lyrischem Schwung von Semyon Bychkov ausgesucht und in ihrer vollen und furchteinflößenden Schönheit vom BBC Symphony Orchestra präsentiert.

Christine Goerke als Elektra was eine Offenbarung. Ihre Umsetzung war durchweg dramatisiert und völlig überzeugend, und verwandelte den schmalen Bühnenstreifen vor dem Orchester in einen Ort, nicht nur einen Platz, an dem man singen kann. Ihre riesige Stimme ist voller wunderschöner Texturen: ihre „Agamemnon!“- und „Nun den, allein!!-Rufe waren so schaurig, dass es einem kalt den Rücken hinunter lief, wohingegen ihre Dialoge mit ihrer Mutter eine schroffe Bitterkeit hatten, und ihre letzten Zeilen an Aegist troffen nur so vor Sarkasmus. Die Körperlichkeit von Goerkes Interpretation unterstrich ihre Portraitierung noch zusätzlich: ob sie nun grübelnd dasitzt, ihr Haar zurückwirft oder verstohlen über die Bühne geht, oder ob sie letztlich mit ruckartigen, kantigen Bewegungen tanzt, die zeigen, das ihre Extase sie zu übermannen droht, sie war immer voll und ganz Elektra. Zum ersten Mal habe ich hier auch über ein Echo von Brünnhilde in Elektra nachgedacht, denn beide sind pflichtbewusste Töchter und verstehen ihre Verpflichtung ihrem arroganten Vater gegenüber nur zu gut, und ihnen wird bewusst, viel bewusster als allen anderen Figuren auf der Bühne, wie wichtig diese Aufgabe ist.

Gun-Brit Barkmin war ausgezeichnet als Chrysosthemis und kommunizierte zunächst deutlich ihre Frustration in Anbetracht der Sinnlosigkeit von Elektras Vorhaben, voller verzweifelter Sehnsucht nach Kindern und einer Zukunft. Die aber wandelte sich zu großer Erleichterung als Orest Rache genommen hatte, blitzschnell gefolgt von Schmerz und völliger Verwirrung angesichts Elektras Tod in ihrem „Orest! Orest!“-Duo.

Felicity Palmers Klytämnestra war ein wunderbarer Cocktail aus hypochondrischer Verdrossenheit und harter Aggression, sie glänzte in den Juwelen, die sie zur Vertreibung böser Geister angesammelt hatte, und hatte weit mehr als nur einen Hauch von grande dame Hollywood-Diva, deren Leben von Kulten, Mystikern und anderen Quacksalbern bestimmt wird, die allesamt Erlösung versprechen, ohne sie je zu bringen. Palmers Szene mit Goerke betonte besonders Klytämnestras Angst vor ihrer Tochter und ihre selbstsüchtige Entschlossenheit, um jeden Preis zu überleben.

Johan Reuters Orest war herzzerreißend. Er sang mit eiserner Präzision und porträtierte Orest als einen Mann, der sich einem Schicksal unterwirft, das er nicht möchte, doch er empfindet es als Verpflichtung, es zu erfüllen. Er ist voller fühlbarer Sorge um seine Schwester, und der erste Augenblick, in dem Orest und Elektra einander erblicken, war wie ein elektrischer Schock, und die Erkennungsszene ließ mir Tränen in die Augen steigen.

Robert Künzli bewies Sinn für Garstigkeit als Aegist, und Miranda Keys, deren Bühnenpräsenz immer magnetisch ist, gab eine eiskalte und passiv-aggressive Aufseherin, die wohl charakterisiert und gut gesungen war. Den fünf Mägden hauchten Katarina Bradić, Zoryana Kushpler, Hanna Hipp, Marie-Eve Munger und Iris Kupke Leben und wunderschönen Gesang ein, wobei Hanna Hipp ihren Kolleginnen vielleicht ein wenig die Show stahl mit ihrer klaren, starken Stimme, ebenso Katarina Bradić mit wundervollem Ausdruck in Mimik und Stimme, deren natürlicher dramatischer Instinkt unwiderstehlich alle Augen auf sich zog. Die Nebenrollen standen dieser Leistung jedoch in nichts nach: Jongmin Parks kurzer Auftritt als Tutor Orests war klangvoll und gekonnt, genau so wie der Ivan Turšićs als junger Diener.

Mein Herz klopfte wild, als ich den Saal verließ: Bychkov und sein talentiertes Ensemble entließen uns mit ekstatischem Hochgefühl. 

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