Zum ersten Mal seit 38 Jahren ziert eine neue Tosca die Bühne der Berliner Staatsoper im Schiller Theater. Mit Anja Kampe als Titeldiva sowie Fabio Sartori und Michael Volle in den Hauptrollen wurde die Puccini-Oper letzten Freitag endlich aufgerüstet.

Die neue Produktion von Alvis Hermanis unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim ist überwiegend traditionell, wurde aber ins frühe 20. Jahrhundert versetzt. Es ist eine direkte Tosca, die nicht von der traditionellen Kulisse von Kirche, Palast und Gefängnis abweicht. Der Bildschirm, der Teil des Bühnenbildes ist, eröffnete die Oper mit den Worten, dass sich die Ereignisse in Tosca 1800 in Rom zugetragen haben und Puccini seine Oper 100 Jahre später komponierte.

Hermanis' Erfindung war genau dieser Bildschirm. Im Laufe der Ouvertüre verblasste das Bild zu einem Gemälde – nicht Cavaradossis Magdalena, aber Rom um 1800, und Angelotti, der durch die Straßen und in die Kirche dell Sant'Andrea schlüpft. Die Diashow zog sich durch die ganze Oper hindurch und verbildlichte die Geschichte, selbst dann, wenn sie gerade auf der Bühne von den Protagonisten dargestellt wurde. Somit betritt Cavaradossi die Bühne sowohl in Echtzeit als auch in der Illustration. Tosca kommt mit Blumen – einem riesigen Strauß auf der Bühne, einem kleineren auf dem Bildschirm – an. Cavaradossi wird auf der Bühne von Melonen-tragenden Gangstern davon gezerrt, um gefoltert zu werden, während sein Gemälde-Pendant von ein paar kräftigen, hemdlosen Männern weggeführt wird. Die Folterszene im zweiten Akt bot den wahrscheinlich effektivsten Einsatz der Diashow: das Publikum sah ein sehr anschauliches Bild von Cavaradossi, der, an eine Wand gekettet, ein eisernes Band um seinen Kopf gequetscht, Zeter und Mordio schreit. Später grabscht ein Perücke tragender, gezeichneter Scarpia nach Toscas Rock, während Michael Volle auf der Bühne die Hüllen fallen lässt, um es mit Anja Kampe auf einem Tisch zu treiben. All das war gut durchdacht, lenkte letztendlich aber von der großartigen Darbietung der Sänger ab.

In der Rolle des Mario Cavaradossi gab Fabio Sartori eine kompetente, wenngleich matte Vorstellung. Seine Stimme ist voll und kräftig, aber seine schauspielerischen Fähigkeiten ließen etwas zu wünschen übrig. Es war schwierig, ihn als Toscas Liebhaber zu sehen, denn es funkte einfach nicht zwischen den beiden Darstellern. Sartori tendierte dazu, sich an einen Fleck zu stellen und dort für die Dauer der Szene zu bleiben, während die Handlung sich um ihn herum bewegte. Bedenkt man, dass Cavaradossis Taten das sind, was die Handlung vorantreibt, war das äußerst ungünstig. Seine „Vittoria!“-Rufe waren nur wenig aufregend, und „E lucevan le stelle“ besaß lange nicht das Maß an Verzweiflung, das diese Arie sonst zum Schmachtfetzen macht. Er wurde am Ende vom Gefängniswärter in den Hals geschossen, und man fühlte mehr mit dem Mann, der in der Diashow starb, als dem auf der Bühne.

Anja Kampe erging es da als Floria Tosca deutlich besser. Es gibt nur sehr wenig, dass Kampe nicht kann, wenn sie es sich vorgenommen hat, und ihre Tosca ist nicht nur feurig und leidenschaftlich, sondern auch sexuell ziemlich aggressiv. „Vissi d’arte“ sang sie weniger als Klage, sondern eher verführerisch, sie streichelte Scarpias Gesicht und Brust, während sie all ihre guten Taten aufzählte, und zog ihn im Hinblick auf das, was noch kommen sollte, sogar aus. Kampes schauspielerische Leistung war ausgezeichnet, sie brachte sowohl Toscas Mädchenhaftigkeit als auch ihre Verführungskünste zum Ausdruck: es bleib kein Zweifel, dass ihre Tosca eine begehrenswerte Frau ist, und auch eine Frau, die eine Situation sehr wohl zu ihrem Vorteil manipulieren kann. „Wenn wir miteinander schlafen, dann so, wie ich es will,“ war ihre Botschaft in der großen Konfrontation. Wenn man bedenkt, dass Tosca so oft als einfältiges, wankelmütiges Dummchen dargestellt wird, brachte Kampes Version frischen Wind. Das einzige Problem mit ihrer Tosca war, dass sie sich nicht vom Turm stürzte, sondern nurmehr an den Bühnenrand ging, während ihr illustriertes Doppel sich für sie in die Tiefe warf. Die Schuld daran trägt einzig Hermanis.

Ihr Scarpia, Michael Volle, war ihr in Gesang und Schauspiel ebenbürtig. Volles Stimme ist weder mild noch schmachtend, und er nutzte das mit viel Effekt als Scarpia. Das war kein übel gesinnter Gentleman, sondern ein bösartiger, gar psychotischer Polizeichef, der alles daran setzte, zu bekommen, was er wollte. Sein „Tre sbirri, una carozza“ war schlichtweg böse, rau und hartnäckig gesungen, mit einem hohem Maß an sexueller Energie. Volles Scarpia war das Wissen seiner Untertanen um die Tatsache, dass er regelmäßig Frauen vergewaltigte, nicht unangenehm, und Spoletta war nicht im Geringsten überrascht, Tosca auf seinem Schoß sitzen zu sehen. Es war eine beunruhigende Darbietung, und eine ganz ausgezeichnete.

Die Besetzung wurde abgerundet von Tobias Schnabel als Messner, Florian Hoffmann als Spoletta, Maximilian Krummen als Sciarrone und Grigory Shkarupa als Gefängniswärter beziehungsweise Henker. Besondere Erwähnung verdient auch Jakob Buschermöhle des Kinderchores der Staatsoper für seinen packenden Vortrag des Schäferliedes. Auch das Orchester bot eine gute Leistung, schön und effektiv gespielt, wenngleich nicht besonders fesselnd.

Alles in allem ist es eine solide Tosca mit guter Besetzung und einigen interessanten Ideen. Letztenendes aber wurde sie von ihrer eigenen Technik der Diashow untergraben, und die Intendanz wurde von allen Seiten ausgebuht. Das Endergebnis war das Gefühl, eher ein Konzert als eine Oper zu sehen. Die Sänger brauchten die Begleitung der Bilder nicht, denn sie konnten die Geschichte mehr als kompetent selbst erzählen. Gebt uns eine Dia-Tosca in Konzertformat, oder lasst uns die Sänger beobachten. Beides zusammen ist einfach zu viel.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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