Die Atmosphäre des BRQ Vantaa Festivals ist intim; Konzerte finden an kleinen Spielorten statt, an denen man den Musikern ganz nahekommen kann, und es bietet eine außergewöhnliche Vielfalt. Innerhalb einer Woche Anfang August nimmt das Festival 2017 Sie mit auf eine Reise durch Raum und Zeit im Europa des Mittelalters und der Renaissance. Es unterscheidet sich dadurch stark von anderen Festivals, die wir besprechen, wo große Ensembles Werke der bekanntesten Komponisten spielen.
Den ersten Punkt auf dem musikalischen Zeitstrahl im 12. Jahrhundert bildet ein Konzert mit Musik der ältesten Komponistin in allen Bachtrack-Veranstaltungen: Hildegard von Bingen. Mittelalter-Spezialisten Uli Kontu-Korhonen und Anneliina Koskinen besitzen nicht nur superbe Stimmen, sondern haben auch ganze neun in Hildegards Schriften beschriebene Instrumente aufgetan, die dieses Konzert zu einem faszinierenden Erlebnis und interessant für Volksmusikenthusiasten und Klassikfans gleichermaßen machen sollten.
Reisen wir vier Jahrhunderte weiter und über den Kanal nach England, wo das Ensemble Plus Ultra Musik von William Byrd und Thomas Tallis singt. „Alte Musik ist Vokalmusik, in Quantität und Qualität“, sagt Markku Luolajan-Mikkola, künstlerischer Leiter von BRQ. Seiner Ansicht nach wurde die Stimme in vorherigen Festival-Ausgaben unterrepräsentiert. In diesem Jahr möchte er das Gleichgewicht wiederherstellen; das Festival wird daher Musik auf Englisch, Französisch, Deutsch und Italienisch bieten.
Die Stadt Vantaa liegt in einem Halbkreis an der nördlichen Grenze von Helsinki. Vantaas Zentrum ist älter als Helsinki selbst; die St. Laurentius-Kirche, einer der beiden Hauptspielorte des Festivals, entstand im Jahre 1450 und stellt einen idealen Veranstaltungsraum für alte Vokal- und Chormusik dar. Im Gegensatz dazu ist die St. Laurentius-Kapelle modern, hell und luftig mit den starken vertikalen Linien und dem natürlichen Licht, die charakteristisch für moderne finnische Architektur sind. Aus akustischer Sicht ist sie zudem perfekt für die „Magical Keyboards“-Serie. „Selbst das Clavichord, das oft ein Problem darstellt, klingt hier phantastisch, genauso wie Lauten und Zupfinstrumente“, sagt Luolajan-Mikkola. In diesem Jahr widmet sich die Serie Konzerten zu vier Händen. Das Festival wird eröffnet mit Musik von Bernhard und Müthel, beide Schüler von Bach, gespielt auf dem Clavichord; klassische Tastenmusik von Mozart und Dussek wird auf dem Fortepiano präsentiert.
Der Schwerpunkt auf Vielfalt und Entdeckung weitet sich auf Instrumentalkonzerte aus. Angehende klassische Gitarristen haben womöglich Transkriptionen der Musik von Luys Milán, einem spanischen Komponisten des 16. Jahrhunderts gelernt: bei BRQ kann man sie in Finnlands wohl erstem Vihuela-Recital, so Luolajan-Mikkola, auf den Instrumenten hören, für die sie ursprünglich komponiert wurde. Der chilenische Gitarrist José Antonio Escobar ist ein ungewöhnliches Allround-Talent und fühlt sich in Alter Musik ebenso wohl wie in modernem Repertoire. Das Festival bietet außerdem ein Theorbenrecital und vielerlei andere Instrumentalmusik.
Das Jahr 2017 feiert das 100. Jubiläum der Unabhängigkeit Finnlands von Russland. Darüber hinaus jährt sich am 31. Oktober der Tag, an dem Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Allerheiligen-Kirche in Wittenberg nagelte, zum 500. Mal. Das macht 2017 gleich von doppelter Bedeutung, da Finnland ein überwältigend Lutherisch geprägtes Land ist: über 70% der Bevölkerung gehören der Lutherischen Kirche an. BRQ wird dem Jubiläumstag ein wenig voraus sein und am 8. August ein musikalisches Festmahl zu Ehren Luthers halten. Wenn die Worte „Lutherisch“ und „extravagantes Fest“ im selben Satz zunächst widersprüchlich scheinen, wird Luolajan-Mikkola Sie schnell eines Besseren belehren. Die puritanischen Aspekte der Lutherischen Kirche seien beträchtlich später gekommen, erklärt er, und fügt hinzu, dass Luther selbst ein großer Freund von Bier und gutem Essen war. Auch der Musik galt seine Leidenschaft: Es wird ihm (wenngleich vielleicht fälschlicherweise) das Zitat zugeschrieben, der Teufel hasse nichts mehr als Musik, und die beste Art, ihn auszutreiben, sei die, ihm einen Choral zu singen.
Dem Luther-Konzert folgt eine der enigmatischeren Veranstaltungen des Festivals. Blockflötist Petri Arvo gewann beim EAR-ly Wettbewerb für junge Künstler 2016 den Publikumspreis, verbunden mit der Gelegenheit, beim diesjährigen Festival aufzutreten. Luolajan-Mikkola gibt jungen Musikern gerne die Freiheit, etwas Besonderes zu bieten, also bat er Arvo, „ein Programm zusammenzustellen, um mich zu überraschen“. Offensichtlich hat Arvo diesen Wunsch sehr wörtlich genommen und ein Programm vorgeschlagen, das Musik von Komponisten wie Pierre Attaingnant und Hernando de Cabezón einschließt – Namen, die man in der Szene nicht jeden Tag hört. Bisher bleibt der Titel des Konzertes, „The mute slave of expression“ (Der stumme Sklave des Ausdrucks) unerklärt, also muss man dieses Konzert sehen, um dessen Bedeutung zu erfahren.
Kleine Spielorte und offene Räume machen BRQ Vantaa zu einem Festival, das man mit Kindern besuchen kann; dazu tragen auch die relativ kurzen Konzerte bei, die musikalische Vielfalt sowie die Gelegenheiten, wundersame wie wunderbare alte Instrumente kennenzulernen. Kinder werden auch Spaß am letzten Festivalsamstag haben, der als Mittelaltertag ausgeschrieben ist. Veranstaltungen beginnen um 11 Uhr; um 14 Uhr findet ein Picknick-Konzert unter freiem Himmel statt, gefolgt von einer Offenen Bühne für Alte Musik-Liebhaber nach dem Prinzip „wer zuerst kommt, spielt zuerst“. In früheren Jahren hat das eine Vielzahl von Amateurmusikern sowie Kindern angezogen und einiges an erstaunlich hochqualitativer Musik zum Vorschein gebracht. Der Tag, und damit das Festival, endet mit etwas Bekannterem, einem Konzert in der Laurentius-Kirche mit beliebten Werken von Bach und Vivaldi, die nach all den herausfordernden neuen Erfahrungen ein wenig musikalische Erholung bieten.
Auch außermusikalisch wird einiges geboten. Wenn Sie sich für Wissenschaftliches interessieren oder das Festival mit Kindern besuchen, ist Heureka ein Muss. Es ist ein Wissenschafts- und Technologiemuseum, in dem praktisch jedes Ausstellungsstück interaktiv ist: Man kann versuchen, einen Tennisball an die Decke springen zu lassen, um das Prinzip der Pneumatik zu verdeutlichen, über einen Steinbogen klettern, die Geschwindigkeit seines Elfmeters messen (Cristiano Ronaldo schaffte 120 km/h), sich selbst im doppelten Salchow drehen, um den Drehimpuls nachzuvollziehen, oder sich an einer der tausend anderen Übungen versuchen. Die praktisch einzigen Aktivitäten, die nur zum Zusehen gedacht sind, sind das beliebte Ratten-Basketball, das Methoden zum Tiertraining zeigt, und das Planetarium.
Geographisch gesehen ist Vantaa ein schmaler Streifen, der Helsinki von der umliegenden Landschaft trennt; Helsinkis zentraler Flughafen liegt in der Mitte. Blickt man auf eine Karte von Helsinki, malen Sie einfach einen breiten Streifen um den oberen Teil der Stadt, teilen Sie ihn in drei Teile, dann liegt Vantaa in der Mitte. Das Fehlen eines konkreten Zentrums (abgesehen vom Flughafen und dem dazugehörigen, riesigen Einkaufszentrum) bedeutet, dass Reisende auf Städtetrip wahrscheinlich in Helsinki unterkommen und zu den Konzerten hinausfahren müssen, doch mit einem der vielen, zuverlässigen Züge dauert die Anfahrt nur etwa 20 Minuten. Die meisten Hotels in Vantaa selbst konzentrieren sich auf den Flughafen und zählen zur Mittelklasse, ausgenommen vielleicht das Hilton und ganz sicher ausgenommen das neue Clarion, ein Spitzenhotel, das im Oktober 2016 eröffnet wurde. Wenn Sie allerdings ein Hotel im englischen Landhausstil bevorzugen, gibt es ein wunderbares, finnisches Pendant in Gestalt des luxuriösen Hämeenkylän Manor, komplett mit prächtigen Gärten, Sauna (natürlich) und Schwimmbad. Es liegt Meilen von jedweden öffentlichen Verkehrsmitteln entfernt, Sie werden also einen Mietwagen benötigen, aber es bietet einen wirklichen Rückzugsort in wunderschöner Lage, und Besucher können sich Fahrräder leihen, um die umliegende Landschaft zu erkunden.
An einem sonnigen Tag mögen Sie dort vielleicht die Sauna ausprobieren und ein Bad im See nehmen. Wir haben die öffentliche Version in Kuusijärvi besucht, doch es gibt viele Möglichkeiten. So unwahrscheinlich es klingen mag, sich unmittelbar nach zehn Minuten Saunahitze in einen kalten See zu stürzen ist wunderbar erfrischend, und das folgende Entspannen in der Sonne ist grandios. Die Saunen selbst sind nach Geschlechtern getrennt und man trägt keine Badebekleidung, doch der See ist für alle und so wird er auch genutzt. Ein Tipp für die Nichtsahnenden: Kuusijärvi hat zwei Saunen, eine mit Standardtemperatur für gewöhnliche Leute und Touristen, und eine Version mit extra-hoher Temperatur für die ganz hartgesottenen Saunagänger. Als Nicht-Skandinavier habe ich mich aus Versehen in letztere gesetzt und kann nur raten, darum einen weiten Bogen zu machen. Und noch eine Warnung: das finnische Wetter ist berüchtigt wechselhaft, also seien Sie flexibel. Ein Wolkenbruch am Morgen kann sich am Nachmittag zu strahlendem Sonnenschein wandeln (und vermutlich, obwohl wir das nicht erlebt haben, auch anders herum).
Wenn man vor Ort alle Unternehmungen getätigt hat, bietet das Zentrum von Helsinki alle Annehmlichkeiten und Freuden einer Hauptstadt. Besonders lohnt sich ein Besuch wegen der nordischen Architektur: Sehen Sie sich neben dem Opernhaus und dem famosen Musikzentrum auch die Kamppi-Kapelle (auch als Kapelle der Stille bekannt) an, ein spektakuläres Beispiel minimalistischer Architektur und ein einzigartiger Ort für Meditation, Reflexion und dafür, den Trubel des alltäglichen Stadtlebens für eine Weile zu vergessen.
Für die Kinder (jeglichen Alters) schließlich gibt es ein streng gehütetes, finnisches Geheimnis: Fazer-Schokolade. Wir können uns persönlich für die unglaublich leckere, 70%ige verbürgen (in dunkelbrauner Verpackung), doch es gibt noch viele weitere zu probieren, wenn Sie die Fazer Chocolate Experience in Vantaa besuchen. Sie können sich mit einer Virtual Reality-Brille in den Fabriken umsehen, einen echten tropischen Garten betrachten (komplett mit Kakaobäumen, Vanillepflanzen und Zuckerrohr) oder liebevoll den gigantischen Osterhasen betrachten, der aus 9.330 Fazer Mignon-Eiern (von denen offenbar jährlich 1.5 Millionen verkauft werden) gebaut ist. Oder natürlich einfach die Schokolade probieren...
David Karlins Reise zum Festival 2016 und dieser Artikel wurden gesponsert vom BRQ Vantaa Festival.
Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

