Ein äußerst guter Ruf eilte dem Baltic Sea Philharmonic vor dem Konzert in der Elbphilharmonie voraus. Dabei hatten die Musiker noch gar nicht die Möglichkeit, eine lange Tradition aufzubauen. Das junge Orchester wurde im Jahr 2008 gegründet, und der auch in der Elbphilharmonie als Leiter agierende Kristjan Järvi war schon damals der Chefdirigent. Bekannt ist das Ensemble für seine Tourneen durch Europa, die immer unter einem speziellen Motto stehen. Diesmal war es die „Midnight Sun Tour”, in der es um nordische Naturphänomene, wie zum Beispiel die Mitternachtssonne, geht. Als Gast begleiteten Mari Samuelsen, die mit dem Orchester vier Werke spielte, darunter gleich zwei Violinkonzerte, sowie der estnische Sänger und Songwriter Mick Pedaja die Tour.

Kristjan Jaervi © Peter Adamik
Kristjan Jaervi
© Peter Adamik

Mit „Midnight Sun” hatte Järvi ein spezielles Konzertkonzept erarbeitet, in dem die Werke nicht einfach hintereinander gespielt wurden. Die Sätze von Rautavaaras Cantus Arcticus wurden getrennt und mit den Liedern des Songwriters Mick Pedaja als Rahmen über den Abend verteilt, in dem die anderen Werke eingebettet werden sollten, so dass die Aufführung als großes Ganzes wirken konnte. Gleichzeitig spielten die Ensemblemitglieder alles aus dem Gedächtnis und im Stehen, bewegten sich zeitweise in Formation über die Bühne. Am Beginn des Konzertes schritten die Musiker einen Ton unisono spielend aus dem Zuschauerraum und aus den Seitenräumen langsam auf die Bühne, und spielten sich am Ende auf ähnliche Weise auch wieder selbst vom Ort des Geschehens hinweg. Gekleidet waren die Musiker dabei in Orange- bis Blautönen, die verschiedenen Helligkeitsstufen einer tiefstehenden Mitternachtssonne symbolisierend. All das bewirkte einen auf der Bühne sehr inspiriert, manchmal festlich, manchmal mystisch wirkenden Vortrag, der das Publikum offenbar in seinen Bann zog. Dem nicht genug, wurde auch die Saalbeleuchtung verwendet um verschiedene Stimmungen zu unterstützen, und manchmal sogar Rhythmen nachzuahmen. Dirigent Järvi blieb dabei genauso aktiv und ungebunden, bewegte sich während der Konzertleitung oft zwischen den Musikern hin und her, baute so kurzzeitige Einzelkontakte auf. Man schien ihm anzumerken, wie froh er über die Möglichkeit war, mit diesen Musikern zusammenzuarbeiten, die über ihre hohe Flexibilität und Spielqualität das Konzept überhaupt erst möglich machten. Trotz der ungewöhnlichen Rahmengegebenheiten konzentrierten sie sich perfekt, mal mit Mari Samuelsen auf die Solistenbegleitung, mal mit Pedaja auf das spielen von Popsongs. Nicht alle Klangkörper sind so wandlungsfähig und schaffen es überdies dem Abend trotz der hohen Werkdurchmischung einen stetig ansteigenden Lautstärkeverlauf zu geben.

Mick und Angeelia Pedaja © Peter Adamik
Mick und Angeelia Pedaja
© Peter Adamik

Gerade bei Cantus Arcticus, dem Konzert für Vögel und Orchester von Einojuhani Rautavaara, in dem Tiere aus der Polarkreisregion wie die Ohrenlerche oder Singschwäne zur Musik eingespielt wurden, mussten die Musiker immer wieder schnell die Stimmung wechseln, wenn der Ablauf gerade aus einem anderen Stück kam. Insgesamt tat das dem Werkverständnis für dieses Konzert nicht unbedingt gut, hätte Järvis Konzept doch auch wunderbar funktioniert, wenn man Cantus Arcticus en bloc gespielt hätte. Mit der Gestaltungsfreude der Bläser ganz zu Beginn des Werkes, als die Musiker geschickt den Raum der Bühne nutzten um die einzelnen Vogelimitationen zu verteilen, mit den dann einsetzenden Streichern, die das Timbre bewusst dunkel hielten um den originalen Spannungsbogen nachzuzeichnen, mit den später schwierige Abschnitte sicher intonierenden Violinen waren genug gute Voraussetzungen gegeben für Rautavaaras eigentliche Intention, dem Hörer „einen Blick durch die Zeit hindurch auf die Ewigkeit” zu ermöglichen.

Bei Fratres, einem der bekanntesten Stücke von Arvo Pärt, an diesem Abend von Violine, Streichorchester und Schlagwerk gespielt, war der Einstieg leichter, durch den Beginn der Solo-Violine gab es hier eine erkennbarere Zäsur. Mari Samuelsen konnte hier ihren vollen, einnehmenden Ton ausspielen, und vor allem elegische Teile mit Gefühl und Tiefe gestalten. Sie agierte insgesamt an diesem Abend eher bedacht und gefühlvoll, und die gewählten Werke waren ihrer Spielcharakteristik wie auf den Leib geschneidert. Dennoch fielen gerade in Fratres beim Anspielen einiger Noten Intonationsprobleme auf, die dann doch überraschten. Mit dem in diesem Stück immer aktiver und extrovertierter spielenden Orchester konnte die Geigerin aber den besonderen Charakter der Musik beeindruckend in den Aufführungsraum bringen.

Mari Samuelsen und Kristjan Jaervi © Peter Adamik
Mari Samuelsen und Kristjan Jaervi
© Peter Adamik

Im späteren Teil des Abends ging das Ensemble dann die Suite aus Der Feuervogel von Igor Strawinsky an. Aufgrund des Ablaufs begannen die Musiker das Werk auch in Formation durcheinander schreitend, konnten aber dann nicht nur räumlich, sondern auch die Stimmung betreffend endlich in einem Werk ankommen. Die ersten Teile spielten die Musiker noch eher verhalten, und ließen Möglichkeiten für Kurzsteigerungen hie und da vielleicht bewusst verstreichen, konnten aber später immer mehr die Wildheit in Strawinskys Musik mit rundem, großem Gesamtklang darstellen. Nur bei den Streichern hätte eine etwas stärkere Besetzung in diesem Konzertteil für mehr Klangbalance gesorgt. Gegen Ende des Werkes wurden dann Musiker und Dirigenten wieder aktiver in ihren Bewegungen, und bespielten so bewusst das ganze Publikum im Saal.

Zum Ende sangen die Musiker dann noch nach Geschlechtern getrennt, sich dann aber durchmischend das estnische Volkslied Arg Kosilane, angestimmt von der Violinistin Saimi Kortelainen.

Insgesamt hat an diesem Abend in der Elbphilharmonie ein neues und überraschendes Konzertkonzept mit kleineren Opfern sehr gut funktioniert, und das entzückte Publikum mit nordeuropäischem Zauber erfüllt.

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