Diese Pflanze blüht noch im November auf den Gräbern, verbindet Hell und Dunkel und lässt an Verlust und Ausklang denken: „Ein Hauch von Heidekraut für Witold“ nannte (übersetzt) der ungarische Komponist György Kurtág 1994 den musikalischen Nachruf auf seinen polnischen Kollegen Lutosławski. Original für Klavier geschrieben wurde das knapp dreiminütige Stück, nun in einer Fassung für Zymbal, von Luigi Gaggero vorgetragen, zum nachdenklich solistischen Auftakt eines intensiv empfundenen Konzertprogramms der Bamberger Symphoniker.

Barbara Hannigan © Christof Kuen
Barbara Hannigan
© Christof Kuen

Ausklang auch deshalb, weil das Orchester-Management an Stelle der ursprünglich zugelassenen 200 Hörer nach Überschreiten einer weiteren Pandemie-Schwelle in Bamberg nur noch 50 Teilnehmern im Keilberth-Saal das Hörerlebnis erlauben konnte. Immerhin stemmte das Ensemble am Wochenende meisterhaft sechs solcher Konzerttermine; doch danach müssen die Notenmappen in einem zweiten kulturellen Lockdown für mindestens vier Wochen geschlossen bleiben. Die Bestürzung über den erneuten Verlust des musikalischen (Er‑)Lebens war geradezu mit Händen zu greifen, im Klang zu spüren.

Dabei gab es genügend Anlass für Vergnügen: zum zweiten Mal gastierte die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan beim Orchester. Hatte sie vor zwei Jahren virtuos in Hans Abrahamsens let me tell you begeistert, war sie nun gleichermaßen mitreißende Leiterin der Symphoniker wie hochsensible Solistin der Liederzyklen im Mittelteil. Ungarische Komponisten standen im Zentrum des Programms: Béla Bartók hat – ähnlich wie später Zoltán Kodály und György Ligeti – als Musikethnologe die Volksmusik seiner Heimat gesammelt und erforscht und daraus bedeutende Inspiration für seine eigene Musiksprache geschöpft. Seine Erste Rhapsodie fügt einige der gesammelten Weisen zusammen, gab dem Konzertmeister Ilian Garnetz viel Raum, im urwüchsigen Stil der Volksgeiger wiegenden Werbetanz ebenso wie kantige Rhythmen des Csárdás in seinem Violinpart zu präsentieren, melodisch schön und oft bis zum Bersten gesteigert. Anstatt Harfe und Klavier fügte Luigi Gaggero wieder die weich irisierenden Klangkristalle des Zymbal ins Geschehen; einem Hackbrett ähnlich wird es mit zwei Klöppeln unterschiedlicher Bespannung bespielt und besitzt in der hell gemaserten Truhenform auch eine Dämpfungsmechanik.

Barbara Hannigan hatte bereits bei Bartók mit lebhaften Bewegungen dirigiert, extrem biegsam süßen Klang modelliert und wie eine Tigerin lauernd stampfende Tuttiausbrüche befehligt; da wurden auch fünf zarte Finger zur Faust geballt und energiegeladene Steigerungen ausgebreitet. Mit Joseph Haydns Symphonie Nr. 86 entführte sie die Hörer auf eine Insel der Seligen, musizierte völlig verwandelt eine delikat durchsichtige Klangvision. Für den Hof von Versailles geschrieben bietet das Werk reichlich harmonische Überraschungen, imitiert Militärmusik und verrückt die rhythmischen Akzente im Menuetto. Herrlich getragen das Fagottsolo im Trio, das von den anderen Holzbläsern elegant aufgenommen und abgewandelt wurde.

Für zwei Liederzyklen von Györgi Kurtág machte Hannigan die Halle, um einen zentralen Lichtkegel herum nun abgedunkelt, zum intimen Kammermusik-Platz. Es wurde eine denkwürdige Hommage an den 94-jährigen Komponisten, der, schon als Meister des Abphrasierens bezeichnet, Klangmotive wie aus eingeköcheltem Konzentrat abtastet, Spannungen aus wenigen Tönen verwebt. Seine Sieben Lieder für Sopran und Zymbal, Op.22 sind solche Szenen, suchen schon im Text von Amy Károlyi das Sinken und Vergessen: „Wo endet der Ton, wo beginnt die Stille?“ Nur zwanzig Sekunden lang das Gleichgewicht: „Drängend und bremsend zwei Kräfte, die mich zersprengen am Ende“. Mit dem Zymbal breitete Gaggero einen zauberhaften Whisperteppich aus, auf dem Hannigan mit beklemmender Intensität Legato-Klänge und Tonsprünge, stumme Schreie, Atemzüge und Hauchlaute in Soundcluster verschlungen artikulierte: aus der Stille aufsteigen, in Wortlabyrinthen stimmtorkelnd, im Verhauchen wieder vergehen. Atemloses Auditorium angesichts dieser Miniaturen immenser Dichte, wie Atomkerne radikaler Sprengkraft.

Von gleicher Ausstrahlung Kurtágs Zur Erinnerung an einen Winterabend, Op.8, den Ilian Garnetz' Violine als Gegenpart ausdrucksvoll bereicherte; zwischen Hast und Grabesruhe kreuzten sich unzählige Melodielinien, ließen am Ende Hoffnung auf ein erlösendes Wiedersehen.

Versöhnlich volksmusikalisch geprägt endlich Ligetis Concert Românesc, das aus rumänisch-ungarischen Wurzeln Klangfarben-prächtige Tanzrhythmen versammelt: wunderbare Soli im Wechsel mit ausgelassenem Tuttischwung der famos wandlungsfähigen Bamberger, dem ein scheinbares Alphornsolo hinter dem Podium spezielle Würze verlieh. Ein Abend voller Entdeckungen, unvergesslich geprägt durch Barbara Hannigan, wie ein gewaltiges Ausklingen – die kommenden Wochen: sang- und klanglos!

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