Drei Werke, drei Stationen eines Konzertabends, an dem ein Orchester hörbar zu sich selbst fand: Sir Simon Rattle und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spannten im Herkulessaal den Bogen von Dvořáks Scherzo capriccioso über Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ bis zu Schuberts Großer C-Dur-Symphonie.

Isabelle Faust und Sir Simon Rattle mit dem BRSO © BR | Michael Hopf
Isabelle Faust und Sir Simon Rattle mit dem BRSO
© BR | Michael Hopf

Der Auftakt geriet noch etwas zerfahren. Dvořák schrieb sein Scherzo capriccioso 1883, kurz nach dem Tod seiner Mutter, als musikalische Antwort auf persönliche Rückschläge: ein Stück voller jäher Stimmungswechsel zwischen Hornfanfare, wiegendem Walzer und stürmischen Einwürfen. Gerade diese Wechsel verlangen Präzision – und die wollte sich zunächst nicht recht einstellen. Manche Einsätze gerieten unsicher, die Holzbläser gingen bisweilen in einer Harfenwolke unter, und auch die Hörner suchten noch ihre Bestform.

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Ganz anders Isabelle Faust bei Berg. In ihrer Anmut erinnerte die Geigerin unwillkürlich an die Fotografien von Manon Gropius, jener im Alter von 18 Jahren an Kinderlähmung gestorbenen Tochter Alma Mahler-Werfels, der Berg sein Violinkonzert widmete. Elegant und unaufdringlich, in einem farbenfrohen Kleid mit kurzem Jäckchen, spielte Faust das unvergleichliche Werk aus der Partitur. Dies wirkte keineswegs distanziert, sondern wie ein Zeichen der Ehrfurcht vor dem Willen des Komponisten. Wie Isabelle Faust diesem vielschichtigen Werk Gestalt gab – gelöst und zugleich gefasst, leicht und doch kraftvoll –, war faszinierend.

Die heiklen Flageolett-Passagen waren gläsern und dennoch mit Kern, sicher geführt und zu weiten Bögen gespannt. Fausts mitunter eng geführtes Vibrato fügte sich ohne Larmoyanz in diese klare, transparente Klangsprache. Im zweiten Satz wob das Orchester einen schier endlosen Faden aus Motiven und Farben um die Solistin – bis zum Bach-Choral Es ist genug, in dem die Musik ihren Frieden findet, wundervoll samtig vom Holz dargeboten. Besonders aufhorchen ließ der Solokontrabassist, dessen geschmeidiger, warmer Ton auch einem Cello zur Ehre gereicht hätte.

Nach der Pause präsentierte sich das BRSO gewohnt souverän. In Schuberts Großer C-Dur-Symphonie waren die Hörner endgültig in ihrem Element. Schon das unbegleitete Thema der Einleitung erklang präzise und zugleich mit großem Atem; die Kantilenen des Kopfsatzes entfalteten sich weit und unangestrengt. Robert Schumann schwärmte von der „himmlischen Länge“ dieser Symphonie. An diesem Abend wurde sie keine Sekunde zu lang.

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Im Andante con moto verzauberte der Solooboist mit seinem geschmackvollen Spiel: romantisch und anrührend, dabei ohne jeglichen Manierismus. Die Celli sangen ihre Soli mit sonorer Tiefe und berückendem Timbre. Im Scherzo zog der Paukist die Aufmerksamkeit auf sich: fein dosiert und beherrscht, dabei stets vorwärtsdrängend. Im kompakten Finale entfaltete sich schließlich jener makellose Orchesterklang, für den das BRSO berühmt ist. Besonders eindrucksvoll gelangen die gebrochenen Akkorde, die die Streicher im Viotti-Strich als Spiccato auf einem Bogen nahmen: technisch höchst anspruchsvoll und doch knackig kontrolliert.

Rattle führte seine Musiker mit sicherer Hand, ohne übermäßig eingreifen zu müssen. Seit der Saison 2023/24 ist mit ihm als Chefdirigent eine musikalische Symbiose gewachsen, die sich an diesem Abend in jedem Takt bemerkbar machte. Das Publikum folgte der Steigerung des Abends: verhaltener Applaus für Dvořák, brausender Beifall für Berg und insbesondere für Faust, nach Schubert schließlich ungeteilte Begeisterung, die manche Zuhörer von den Sitzen riss. Ein nahezu ausverkaufter Herkulessaal an einem gewöhnlichen Donnerstagabend: München huldigt einem seiner Weltklasse-Orchester.

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