Als die Pioniere der historischen Aufführungspraxis alle ihre eigenen Orchester gegründet und zunehmend am Markt etabliert hatten, kristallisierte sich in einem der Mutterländer dieser Interpretationsart vor 40 Jahren ein neues Ensemble heraus. Das Orchestra of the Age of Enlightenment, selbstverwaltet, also mit individuell-demokratischem Grundsatz, ohne festen Dirigenten oder alles bestimmenden Spiritus rector, bestehend aus Mitgliedern der großen HIP-Formationen der Insel. Zum Beispiel der Academy of Ancient Music, den English Baroque Soloists oder den London Classical Players. Letztere gingen im Orchester auf, weshalb sich trotz aller Freiheit eine besondere Verbindung zu deren Gründer, Sir Roger Norrington, entwickelte. Aber auch zu weiteren Dirigenten, auf die man bei den für sich gewählten Projekten von Barock und Klassik bis Romantik nicht verzichten wollte: etwa Sir Charles Mackerras, Frans Brüggen oder Sir Simon Rattle. Künstlerische Freundschaften sind mit der orchestralen Eigenwirksamkeit schließlich auch nicht verboten.

Mit einem, wenn nicht dem großen Komponistenhöhepunkt seines epochen-, klang- und identitätsdefinierenden Namens, beging das OAE sein Jubiläum: Joseph Haydn. Mit dessen Schöpfung, die als Paradewerk für Gründungsgedenken schlechthin zudem die Besonderheit der historischen Instrumente und ihrer Spielweisen der Periode veranschaulicht wie sonst nur die Jahreszeiten, die erst in der Planung angedacht waren. Die Leitung dafür wurde Václav Luks anvertraut, der das Orchester und dazugehörigen Chor auf Tourneestation in seine Heimat nach Prag bringt. Zuvor ging es allerdings – zufällig am Internationalen Tag der Artenvielfalt – in Antwerpens Königin-Elisabeth-Saal, direkt neben dem Zoo gelegen, in dem der Ouvertüren-Urknall noch etwas unspektakulär daherkam, hoben sich Luks und OAE den ersten tatsächlichen Überwältigungseffekt für den mit „Und es ward Licht“ festgehaltenen Schöpfungsbeginn der Bibel, zugleich den offensichtlichen Hinweis auf die Aufklärung, auf.
Luks, der im ersten Teil zudem kleine gelungene Rubati einbaute, tänzelte fortan zu sehr straffen Tempi gewohnt temperamentvoll auf dem Dirigentenpodest, mit ihm das sukzessiv aufgedrehtere und eben dynamisch noch bedachtere Orchester, allen voran die kernigen Posaunen, die Finesse und Feuer, illustrativste Phrasierung praktizierenden Streicher, immer ergiebiger die wuchtigen Pauken sowie das fantastisch elaborierte Holz, um dem lautmalerischen Können und der plastischen wie unmittelbaren Natürlichkeit der Instrumente zu großer Wirkung zu verhelfen. Unter jenem ganz besonders die Flöte von OAE-Urgestein Lisa Beznosiuk sowie – in weiterer Topform und engagierter Bildgebung – Katherine Spencers Klarinette und Leo Duartes Oboe. Nichts anderes als Topform war auch deshalb erforderlich, weil Luks' erwähnten Tempi im Fall der brausenden Lob-Gottes-Chöre an der Grenze des überhaupt Machbaren lagen; ganz so, als wollten die Ebenbilder des Herrn die wunderliche Schöpferkraft herausfordern wie geradezu gleichsam zu Haydns geschriebenem und trefflich vermitteltem Energieboost verblüffungsreif demonstrieren.
Schließlich trug der OAE Choir – abgesehen von einem kongruent zum Orchester inspirierter gewünschtem „entspringt“ in „Und eine neue Welt“ – diese mit teils deftigem Selbstbewusstsein vor, ohne dabei jedoch in Ansätze des Schreiens oder irgendeine Schärfe von Sopranen oder Tenören zu verfallen. Vielmehr bestand bei allem noch eine vokale Kultiviertheit, die die Solisten als die drei Erzengel, im finalen Paradiesteil dann Uriel mit Adam und Eva, jeweils vorgelebt haben.
Nick Pritchard als Uriel mit heller, zarter, himmlisch-jovialer Tenorausstrahlung; Krešimir Stražanac als Raphael und Adam mit einer freudigen Süffisanz, die in warmem Bassbaritontimbre und operalerem Ausdruck Charme und Ehrfurcht, Wunderwerk und Autorität typisch haydnesk und eindrücklich miteinander verband. Und Robin Johannsen als Gabriel und Eva, die die stilistische Herausforderung gewandt, floral blühend und reizend, fluide und dabei verständlich bewältigte, kehlige Ornamentenge und federfreudige Weite in Harmonie zu bringen. Stražanac und Johannsen gaben darüber ein herrliches, rührendes Paar ab, dessen Glück – vor dem im Stück ausgesparten Sündenfall – auftragsgemäß ansteckte.
Alle drei integrierten sich in den Schlusschor, dessen Dankgirlanden und Ewigkeitsperspektive das OAE auch die kommenden Jahrzehnte begleiten möge.
















