Ohne die Guten Seelen, die mit Herzblut und Akribie einen Betrieb am Laufen halten, sind gefeierte Stars und Institutionen kaum denkbar. Im spätbarocken Dresden war eine solche Person Johann Georg Pisendel, Konzertmeister der hochkarätigsten Hofkapelle, der historisch im Schatten der großen Musikerattraktion Hasse stehen sollte. Seiner Sammlung an Noten von tausenden Instrumentalwerken, die außerhalb der 1760 abgebrannten Hofbibliothek lagerten, ist es zu verdanken, dass wir heute solche Telemanns, Händels, Vivaldis, Zelenkas, Heinichens, Pisendels selbst und zahlreicher immer noch zu häufig missachteter Komponisten hören können. Nach Pisendels Tod 1755 verwahrte der Hof nämlich dessen Katalog in einem Schrank, dem heute legendären Schranck No: II, in der bis zum Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschädigten Hofkirche. Aus ihm wählte Dorothee Oberlinger mit ihrem Ensemble 1700 illustre Beispiele für ein neues Programm zur Eröffnung der Saison des Forums Alte Musik Köln aus.
Dabei entpuppte sich das Konvolut durch jene Auswahl einmal mehr nicht nur als Bestand europäischer Musikavantgarde, sondern zudem als Kuriositätenkabinett. Gleich als Einstieg durch Veracinis Ouvertüre in g mit ihrem eigenwilligen Minuet, das das Ensemble 1700 mit tempobeflissenem und dramakonturiertem, in vorangehenden Allegro-Sätzen mit rhythmisch-swingendem Elan und anspringender Melodiefreude von Streichern und Holz spielte, als öffnete sich gerade stolz die Tür des schatzumwobenen Dresdner Möbels. So auch in Veracinis zweitem Beispiel, der die da chiesa-Form mit drei aufeinanderfolgenden Allegros sprengenden Sonata VI a-Moll, in der sich Oberlinger mit der Alt-Blockflöte in einen energiegetriebenen, von rhetorischer Phrasierung geleiteten, tonperlenden Rausch manövrierte und so eine mitreißende, durchaus humoristische Wirkung entfaltete.
Das Merkmal an Eigenwilligkeit trifft auf Dresdens kompositorisches Kirchengoldstück Zelenka am meisten zu, aus dessen kleinem Instrumentalvermächtnis zwei Werke erklangen. In erster Programmhälfte vier seiner zu einer Sonate für Tenor- und Sopranblockflöte und Orchester arrangierten Neun Canones aus Wiener Lehrgangszeit, die sich über den sanften, meditativ-pastoralen, schmeichelnden ad Septiam inferiorem über einen leichtgängig funkelnden in Octava inferiore sowie einem strengen, prächtigen, mit virtuosen Figuren versehenen in Sexta inferiore zu einem dynamisch sprudelnden Feuerwerk des in unisono verwandelten. In zweitem Konzertteil machte das Ensemble 1700 Zelenkas satz- und konventionenverschwimmende, typisch linienabreißende Hipocondrie à 7 concertanti aus einer Prager Episode 1723 dann zur Ouvertüre mit royalen Rubati, agogischen Volten und „bizarr“-konfigurierter Fuge.
Nach Heinichens besetzungsspeziellem, galant-fragilem, leicht uneben präsentiertem D-Dur-Concerto für Flöte, Oboe, Theorbe, Violine, Cello, Streicher und Continuo brachten Oberlinger, Violinprimus Jonas Zschenderlein und Cellist Marco Testori samt Bassobligat Faschs bearbeitetes Quartett in a im Angesicht des intimen Charakters äußerst flüssig und lebendig zu Gehör. Richtig überraschend und extravagant ließ Oberlinger mit beeindruckenden Mund- und Fingerfertigkeiten an kontrolliert-nobler Blockflöte daraufhin Quantz' rasante Variationen des L'inconnu erscheinen, ehe sie sich der Riesenherausforderung Buffardins in g transponierten Flötenkonzerts stellte. Dieses meisterte sie mit federndem, fein in französischer Süße und italienischer Würze abgeschmecktem Ensemble 1700, als sie die beispielhaften technischen Brocken mit oberschenkeligem Verdecken des Fußlochs oder den Arpeggienwahnsinn wie Intarsien eines Kunstschreiners behandelte und dabei dem Andante wie mit originaler Traversière einen ungemein ätherisch-luftigen, dem Vivace einen exotischen Touch verlieh.
Zwei hervorragend passende wie kontrastreiche Überleitungen zu den großen Lieblingen Telemann und Vivaldi würdigten schließlich Pisendel und seinen Dresdner Cembalokollegen Petzold. So diente dessen, am Abend von Florian Birsak modisch rüschenhaft und frisch entstaubt vorgetragenes Doppelmenuet G/g, das als berühmter Inhalt in Anna Magdalena Bachs Clavier-Büchlein auftaucht, als Wesensvorspiel für Telemanns Quartett in G, TWV 43:G6, das im üblich von Sicherheit, Laune und Geist durchströmten, übergreifenden Drive einen nochmals vitaleren Windzug entfachte. Mutete Pisendels Prelude der Violinsonate in a durch Oberlingers selbstbewusste Altblockflöte noch unkonventioneller als ohnehin an, prägten Leidenschaft und ein recht thrillerartiges, final derberes d-Moll-Concerto-Pasticcio aus Vivaldis „per Pisendel“ und Chédevilles RV236-Arrangement das unterhaltsame Lugen in den Dresdner Musikalienschrank.














