„Mazel Tov!“ Der jüdische Glückwunsch richtet den Blick nach vorn, zu einer Bejahung der Zukunft, wie auf den Programmheften das einheitliche Titelbild eines beherzt schreienden Säuglings „L’Chaim – Auf das Leben“ ausrufen möchte. In seinem vierzigsten Jubiläums-Jahrgang richtet der Kissinger Sommer auch den Blick zurück, nicht nur auf die Festival-Geschichte (zu der eine kleine Jubiläumsausstellung im Museum an der Oberen Saline einlädt), sondern auch die Historie der früheren jüdischen Bevölkerung. Da gibt es geführte Stadtrundgänge „Auf den jüdischen Spuren durch Bad Kissingen“: Juden waren seit dem 13. Jahrhundert Teil der Stadtentwicklung, hatten Geschäfte und Hotels gegründet, 1902 eine große Synagoge im Stil der repräsentativen Kurbauten errichtet. Umso bedrückender, dass während der NS-Zeit die meisten jüdischen Mitbürger emigrieren mussten und es danach nicht mehr zur erneuten Gründung einer jüdischen Gemeinde kam.

Prominente Gäste jüdischer Herkunft reisten zur Kur nach Bad Kissingen, die Schwägerin Felix Mendelssohns etwa, der Operettenkomponist Oscar Straus oder der Maler Max Liebermann. Und die Kunst des frühen 20. Jahrhunderts fand eine Bühne in Kissingen: Lieder eines Friedrich Hollaender oder Filmmusik von Werner Richard Heymann. An Hanns Eisler erinnert heuer das Berliner Ensemble, Lieder von Mahler bis Weill präsentiert der junge Bariton Benjamin Appl. Und immer wieder taucht im Programm auch der Name des 1919 geborenen polnischen Komponisten Mieczysław Weinberg auf, der seit wenigen Jahren eine schon längst fällige Renaissance auf den Konzertpodien erfährt.
Weinberg, der Polen wegen der Verfolgung der Juden verlassen musste, wurde schließlich in Moskau ansässig und befreundete sich mit Dmitri Schostakowitsch so weit, dass beide ihre Kompositionen austauschten und gegenseitig Kritik übten. Ein absolut erfreuliche Programmgestaltung beim Kammerkonzert des Klaviertrios aus Lena Neudauer (Violine), Sebastian Springer (Violoncello) und Marianna Shirinyan (Klavier) im Rossini-Saal, Werke beider Komponisten im ersten Programmteil nebeneinander zu setzen.
Das frühe, erstaunlich reife und doch einsätzig konzentrierte Klaviertrio c-Moll des 17-jährigen Schostakowitsch lässt gleich mit dem plastisch genommenen Klagemotiv im Cello aufhorchen. Kraftvoll folgt ein motorisches Thema; martialisch klingt die Verdichtung in der Durchführung, sanft die Lösung in der Reprise. Bereits diesen Auftakt en miniature lieferte das Trio in luxuriöser Gestaltung. Auch wenn die drei Ausführenden kein seit langem eingespieltes Team sind, scheuten sie kein Risiko, erstaunten mit großem, dichtem Volumen, breiten Tempi und kräftiger Artikulation, Schostakowitschs jugendlich romanzenhaften und schwärmerischen Stimmungen ernsthaft folgend.
Was Schostakowitsch wie Weinberg betraf, waren Repressalien der von Antisemitismus geprägten stalinistischen Kulturpolitik. Noch in den Kriegswirren um 1945 komponierte Weinberg sein Klaviertrio a-Moll op. 24 – ein emotionales Zeugnis wahrer Verzweiflung, aber nicht nur auf rein expressionistischer Ebene. Die Musik ließ das Trio in der einleitenden Aria träumerisch aufblühen, in den Pizzicato-Figuren der Streicher zum poesievollen Larghetto mutieren. Mit Toccata und Allegro marcato fühlte man sich über weite Strecken wie in einer sich ziellos vorankämpfenden, oft ins Gewalttätige ausbrechenden Maschinerie gefangen, wenn fast mechanische Streicherfiguren von Pianoforte-Impulsen durchschnitten wurden und vorbeiziehende Horden von Akkorden die Dramatik aufheizten. Die balladeske Einleitung des Poem formulierte Shirinyan als Ruhepol, der mit mildem Pizzicato der Violine in bewegender Klimax endete. Ein dreistimmiges Fugenthema eröffnete das Finale, dessen Charakter sich zwischen elegischer Bewegung und erschrockenem Innehalten in Moll-Akkorden nicht entscheiden kann und mit Neudauers introvertiertem Gesang auf der höchsttönigen E-Saite ausklang. Eine faszinierende Begegnung!
Auch bei Franz Schuberts Klaviertrio Nr. 1 B-Dur war die hohe Kunst der Kommunikation im Trio zu bewundern: wie einer auf den anderen hörte, mit ihm fühlte, atmete und reagierte. Das beliebte Werk wirkte scheinbar problemlos, pendelte zwischen Energie im Allegro und melodischer Lyrik im Andante, drehte auf zu tänzerischer Heiterkeit (Scherzo) und versprühte liedhaft wienerischen Charme im Finale. Dem beachtenswerten Konzerterlebnis fügten die drei wunderbaren Künstler noch Heart Throbs des wenig bekannten Iren Charles Haydn Arnold als scherzhaft romantische Krönung an.
Michael Vieths Pressereise nach Bad Kissingen wurde vom Kissinger Sommer bezahlt.


