Igor Levit ist für seine pointierten politischen Stellungnahmen ebenso bekannt wie für sein phänomenales Klavierspiel. Bei seinem jüngsten Auftritt in der Tonhalle Zürich konnte man sich ganz auf das Musikalische konzentrieren. Zusammen mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter Paavo Järvi interpretierte er das Klavierkonzert Nr. 2 in B-Dur von Johannes Brahms. Um zu ermessen, welche kompositorische Entwicklung der Komponist in diesem Werk erreicht hat, müsste man eigentlich zuvor das Erste Klavierkonzert hören – was in der Realität natürlich keinem Pianisten zuzumuten ist. Zwischen den beiden Konzerten ließ Brahms ganze 24 Jahre verstreichen, und in der Zwischenzeit hatte er zudem die Erste und die Zweite Symphonie komponiert.

Igor Levit © Peter Rigaud c.o. Shotview Artists
Igor Levit
© Peter Rigaud c.o. Shotview Artists

Der symphonische Charakter des Zweiten Klavierkonzerts bildet denn auch den Deutungsschlüssel für Levit und Järvi. Die enge Verbindung zwischen Orchester und Soloinstrument zeigt sich gleich zu Beginn des Allegro non troppo: Nachdem der Hornist den ersten Teil das sanglichen Hauptthemas intoniert hat, steigt der Pianist mit unscheinbaren Arpeggien ein und imitiert danach die Schlusswendung der Hornmelodie. Mit dem zweiten Teil des Hauptthemas – der kleine Kiekser sei dem Hornisten verziehen – geschieht danach dasselbe. Zuerst also das Orchester, dann das Klavier. Diese enge Verzahnung zwischen den beiden Akteuren kommt in der Folge sinnfällig zum Tragen.

Levit hat es nicht nötig, sich selbst ständig in den Vordergrund zu rücken. Der Rollenwechsel von musikalischer Dominanz und Assistenz gelingt ihm meisterhaft. Wenn das Orchester dran ist, dreht er sich auf seinem Stuhl um neunzig Grad und beobachtet die Musiker. Wenn der besagte Hornist bei der Reprise wieder mit dem Gesangsthema einsetzt, lächelt Levit ins Publikum, als ob er sagen wollte: „Hört – bemerkt ihr es?“

Die rhythmische Koordination zwischen dem Orchester und dem Solisten gerät nicht immer perfekt. Aber in einer Live-Aufführung ist dies ohnehin nicht der wichtigste Punkt. Übereinstimmung herrscht indes zwischen Järvi und Levit, dass die Tempi einigermaßen straff durchgezogen und nicht romantisch zerdehnt werden. Überdies gelingt es ihnen, die vier Sätze in ihren Charakteren größtmöglich voneinander abzugrenzen. So fassen sie den zweiten Satz, trotz der Überschrift Allegro appassionato, als nicht zu stark aufgeladenen Zwischensatz auf.

Zum Herzstück der Wiedergabe wird das Andante. Der Dialog zwischen dem Solocellisten Paul Handschke und Levit am Steinway wirkt berührend. Und auch in diesem Satz kann das Gespür des Pianisten für die unterschiedlichen Funktionen des Soloparts in diesem symphonischen Gewebe bewundert werden. Im abschließenden Allegretto grazioso gefällt die Kombination von spielerischem Hauptteil und leicht sentimental angehauchtem Nebengedanken, was den Satz richtigerweise nicht zu einem Finale im emphatischen Sinn, sondern zu einem heiteren Kehraus macht.

Die Verbindung zwischen diesem Klavierkonzert und der nachfolgend gespielten Symphonie Nr. 1 in B-Dur, der so genannten Frühlingssymphonie, von Robert Schumann ergibt sich nicht nur durch die Viersätzigkeit und die gemeinsame Tonart. Sie zeigt sich auch dadurch, dass Brahms kompositorisch nicht nur bei Beethoven, sondern ebenso von Schumann einiges abgeguckt hat. So endet beispielsweise auch Schumanns Erste graziös mit einem Allegro animato e grazioso. Was Schumanns Werk jedoch von demjenigen Brahms‘ unterscheidet, ist der monomane Charakter, wie er insbesondere in den Ecksätzen zum Vorschein kommt. Gemeint ist das Perseverieren eines bestimmten Motivs durch einen ganzen Satz hindurch. Järvi fasst diese Eigenschaft als das Hauptmerkmal der Symphonie auf und bringt aus dem Tonhalle-Orchester ein Maximum an Stringenz und Zielgerichtetheit heraus. Eine gelungene Interpretation!