Sucht man nach Vertonungen von Johann Wolfgang von Goethes Faust-Stoff, finden sich schnell die melodienreichen Opern von Charles Gounod oder Hector Berlioz, weiter auch Arrigo Boitos Mefistofele, der monumental aus Goethes Faust I wie auch Faust II schöpft. Werke von Liszt und Busoni, Spohr und Schumann blieben bislang wohl eher Entdeckungen für Raritätenjäger. Eine weitere Version ist nun am Staatsheater Meiningen zu sehen und zu hören.

Dass der Faust-Mythos auch den in Russland geborenen, 1992 in Hamburg verstorbenen Komponisten Alfred Schnittke, der im Opernsegment nur wenig Spuren hinterlassen hat, beschäftigte, beweist seine 1983 für die Wiener Festwochen geschriebene Faust-Kantate „Seid nüchtern und wachet“, die auch in den Jahrzehnten danach etwa in Prag und im Wiener Musikverein erklang. In dieser nutzte Schnittke bereits die alte Volksbuch-Tradition der Historia von D. Johann Fausten aus dem 16. Jahrhundert als textlichen Ausgangspunkt, die sich auf den Höllensturz von Faust konzentriert, den der Teufel mit einem diabolisch angehauchten Tango begleitet, eine Altstimme über ein Mikrofon vorträgt.

Über den historischen Faust ist leider wenig Nachprüfbares bekannt, er taucht im süddeutschen Raum in einigen Dokumenten auf. Seine berufliche Tätigkeit bleibt zwischen Arzt, Goldmacher, Magier und Quacksalber ungeklärt. Ob bei einem gewaltsamen Ende der Teufel im Spiel war, gab dem Stoff für Legendenbildungen viel Spielraum.
Schnittke führte die Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Historia auch nach 1983 weiter. Während er die Kantate als dritten Akt zum Finale seiner Faust-Oper machte, bezog er sich im Textbuch der ersten beiden Akte, zusammen mit seinem Librettisten Jörg Morgener, als einziger wörtlich auf das Volksbuch von 1587. Auch wenn dieses Luther-Deutsch zunächst ungewohnt und sperrig wirkt, trägt es entscheidend zum aus der Historie informierten Verständnis bei: es zeigt die Abhängigkeit der Menschen von der Religion, aber auch Fausts Inspiration, die ihn vom Volksglauben abhebt, zugleich auf den Leidensweg eines bösen Christen schickt, vor dessen Verdammnis im dritten Akt gewarnt wird.

Nach vielen krankheitsbedingten Unterbrechungen gelang Schnittke 1995 die Fertigstellung seiner Oper. Die Instrumentierung der ersten Akte fiel dabei spartanischer aus als im Finale. Ein Erzähler vermittelt im rezitativischen Gesang eines Heinrich Schütz frühe Glaubenssätze barocker Religiosität und geistliche Warnungen; neben Mephostophiles wird die dämonische Kraft des Teuflischen durch eine weibliche Mephostophila verstärkt. Das Spannende dabei ist, dass beide Figuren mit einem Countertenor und einem Alt in der gleichen Stimmlage singen: teuflische Präsenz aus zwei sich gleichenden Mündern.

Chor-Passagen ertönen oft in der Tradition der Bach-Choräle; Schnittkes polystilistisch parodierender Einsatz historischer Klangabschnitte gegenüber modernerer, perkussiver oder sogar elektronisch erzeugter Motivtechnik bis zur Rockmusik lässt in seiner spröden Klangwirkung durchaus an Strawinskys Orchestermusik denken. Die Uraufführung der Oper an der Hamburger Staatsoper hat auch der derzeitige Meininger Intendant Jens Neundorff von Enzberg erlebt; es ist sein Anliegen, das Werk, das seitdem nicht mehr aufgeführt wurde, wieder einem großen Publikum zugänglich zu machen.

Im Kontrakt mit dem Teufel, dem er seine Seele überschreibt im Tausch gegen unbegrenztes Wissen und Macht, entsagt Faust auch jeder Beziehung zu einer lebendigen Frau. Seine Begegnung mit der begehrenswert schönen Helena, als stumme Figur in der Oper angelegt, wird zum Kulminationspunkt für Fausts sinnliches Begehren. Im Einverständnis mit den Rechtehaltern an Schnittkes Werk werden mehrfach Teile seines hochemotionalen Bratschenkonzerts nahtlos in die Bühnenhandlung eingefügt; die Solistin Anna Maria Wünsch, Gast aus dem Mahler Chamber Orchestra, schlüpft musizierend in die Rolle der Helena, lässt die Begegnung mit Faust immer sinnlicher erscheinen, Fausts Rückzugsversuch aus seinem Teufelspakt umso glaubhafter und intensiver erlebbar werden.

Bereits in Dresden hatte die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr sich bei Boitos Mefistofele in den Sagenkomplex eingearbeitet. Bei Schnittkes Historia weist sie über das für die Gläubigen abschreckende Exempel des Todes eines sündigen Faust hinaus und legt zeitlos offen, wie Teufelskreise sich auch in uns selbst bilden können: wenn wir leicht Geglaubtes schnell zu Glaubenssätzen erklären, wenn Handlungsmuster zu blinder, nicht hinterfragter Wiederholung erstarren.
Intensiv hat sie das Spiel der Gesangssolisten vorbereitet, in der knapp zweistündigen Handlung kommt es zu keinem Leerlauf oder Ermüdung. Michele Taborellis Bühne ist ein schlichtes, weißes Fliesenpodest, das in einzelne Blöcke umgruppiert werden kann und zum Seziertisch eines Pathologiesaals, Sitztreppe oder Verkündigungskanzel mutieren kann. Der fast pausenlos präsente Chor des Staatstheaters ist sängerisch wie schauspielerisch fulminant, gruppiert sich immer wieder neu, beinahe wie eine lebendige Fortsetzung des Bühnenbilds.

Fast wie ein halbnackter, paradiesischer Adam in Klarsichtfolien-Hemd und unauffälligem Wams spielte Mateusz Ługowski einen urwüchsigen Faust, überstreift dozierend mühelos drei Oktaven in seinem markanten Bariton. Ebenso Gast der Countertenor Meili Li, der in seinen kunstvoll einschmeichelnden Überredungskünsten zum idealen Mephostophiles wurde. Sein Alter Ego, die Mezzosopranistin Abongile Fumba, die beim finalen Todes-Tango zum beeindruckenden Tanz mit dem Teufel einlud. Bei Tobias Glagaus eindringlichem Rollenporträt des Erzählers fühlte man sich fast an die glühende Glaubensgewissheit Bachscher Passions-Evangelisten erinnert. Samuel Robertson, Johannes Mooser und Mark Hightower waren herrlich blasierte Grafen sowie angeheitert komödiantische Studenten im Hörsaal.

Unter GMD Killian Farrells markant zupackender Leitung verwandelte die Meininger Hofkapelle Alfred Schnittkes Partitur in ebenso feinfühlige wie den Hals zuschnürende Musik. Diese fesselnde Opernrarität dem Vergessen zu entreißen, war spürbares Bestreben aller Beteiligten. Langer, überzeugter Beifall des Premierenpublikums.




























